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21. Mai 2012 07:51 Uhr

Uniklinik Freiburg

Schlafen kann man lernen – Forschung in Freiburg

Die Uniklinik Freiburg hat ein interdisziplinäres Zentrum für Schlafmedizin eröffnet. Darin zusammengeschlossen sind alle Disziplinen, die sich der Schlafmedizin und -forschung beschäftigen.

  1. Soooo müde! Wer nachts nicht richtig schlafen kann, ist auch am Tag nicht voll leistungsfähi Foto: photocase.de/lars attacks

Für Professor Dieter Riemann wäre Shun’e hoshi vermutlich ein gutes Studienobjekt gewesen. Im japanischen Garten in Bonndorf findet sich ein Haiku des japanischen Dichters und buddhistischen Mönchs aus dem 12. Jahrhundert: "Wenn Groll den Schlaf verscheucht / will die Nacht sich niemals lichten / und sogar der Türspalt erbarmt sich meiner nicht / sonst ließe er den Morgen ein."

"Aufregung und Ärger sind nicht vereinbar mit einem guten Schlaf", sagt Riemann, Schlafforscher von der Abteilung Psychiatrie der Freiburger Uniklinik. Aber was tun, wenn der Dackel der Nachbarin einen wieder aus dem Tiefschlaf gebellt hat? Panik steigt hoch, weil am nächsten Tag ein wichtiger Auftrag zu erledigen ist, der Konzentration und Wachheit erfordert. Und Wut auf die Nachbarin. Der krampfhafte Versuch, doch einzuschlafen, muss misslingen: "Schlaf lässt sich nicht willentlich beeinflussen, sondern ist ein unwillkürliches Ereignis", sagt Riemann. Wer ihn herbeizwingen will, verhindert ihn damit erst recht.

Nicht ohne Grund dient Schlafentzug als Folterinstrument

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Was hat Sybille Klöckner (Name geändert) nicht alles versucht, wieder zu einem erholsamen Schlaf zu finden. Am Anfang hat sie die Schlaflosigkeit auf das Baby schieben können, auch wenn sie schon lange vorher nicht gut schlafen konnte. Aber nach einem Jahr schlief das Kind durch, sie selbst nicht. "Ich war vollkommen ausgelaugt und mehr krank als gesund", sagt die dreifache Mutter. Sie hat nach äußeren Ursachen gesucht, keine gefunden und sich getröstet: "Es wird wieder vorbei gehen". Ging es aber nicht, auch nicht nach Jahren.

Die gängigen Hausmittel, von Schlaftee bis Baldriantropfen, halfen ebenso wenig wie Bewegung an der frischen Luft, regelmäßige Bettzeiten, Arzt- und Heilpraktikerbesuche, Akupunktur und Schüsslersalze, der Verzicht auf Alkohol und Zigaretten. Zwischen zwei und vier Uhr war für die heute 45-Jährige die Nacht vorbei: "Für jemanden, der normal schläft, ist nicht nachvollziehbar, was das bedeutet. Nicht ohne Grund wird Schlafentzug als Folterinstrument genutzt." Manchmal drehte sie durch vor Verzweiflung, schrie und schmiss mit Gegenständen um sich. Auch Suizidgedanken tauchten auf. Ihren Job musste sie aufgeben. Es hat lange gedauert, bis sie ihre Schlaflosigkeit als krankhaft anerkennen konnte.

Von krankhaften Schlafstörungen gehen die Fachleute aus, wenn ein Mensch drei Monate lang mindestens drei Mal in der Woche zu wenig Schlaf hat und in seiner Leistungsfähigkeit und Alltagsbewältigung davon massiv eingeschränkt wird. Aber es gibt unterschiedliche Schlafbedürfnisse. Blutzucker kann man messen. Schlaf hingegen ist eine höchst subjektive Angelegenheit. "Unsere wichtigste Diagnostik ist das Gespräch", sagt Riemann. Wenn jemand behauptet, er tue seit Wochen kein Auge mehr zu, hilft ein Schlaftagebuch, um die Aussage zu überprüfen. Auch wer meint, überhaupt nicht geschlafen zu haben, ist in Wahrheit immer wieder mal eingeschlummert. Und nicht immer ist die Panik vor dem nächsten Tag gerechtfertigt: Ein Jurist, der immer wieder fürchtete, den Anforderungen wegen seiner nächtlichen Grübelattacken nicht gewachsen zu sein, musste sich nur an sein Examen erinnern. Das hatte er mit Bestnote abgeschlossen, obwohl er vor der Prüfung nicht geschlafen hatte.

Im Lauf des Lebens verändern sich die Schlafgewohnheiten. Von polyphasischem Schlaf spricht Professor Michael Berger, Leiter der Psychiatrie an der Freiburger Uniklinik. Den haben beispielsweise Neugeborene, bei denen kurze Schlaf- und Wachzeiten Tag und Nacht einander abwechseln, bevor sie durchschlafen. Die "sozialen Zeitgeber" wie Schule oder Arbeitsplatz zwingen die Menschen später zu einem künstlichen monophasischen Nachtschlaf, häufig mit einem Müdigkeitsgipfel um die Mittagszeit. Im Alter, wenn der soziale Zeitgeber ausfällt, kehren die Menschen zum polyphasischen Schlaf der Kinder zurück und schlummern tagsüber immer wieder ein.

Vor etwa 50 Jahren hat man begonnen, den Schlaf systematisch zu erforschen. Der Mensch verschläft ein Drittel seiner Lebenszeit. Die Antwort, warum das so ist, sind die Forscher bisher schuldig geblieben. Physiobiologisch handelt es sich wohl um Anpassung an den Wechsel von Tages- und Jahreszeiten mit ihren hellen und dunklen, kalten und warmen Phasen.

Schlafstörungen können auf tiefere Probleme hinweisen

Menschen sind eigentlich keine nachtaktiven Wesen. Wenn sie schlafen, verbrauchen sie weniger Energie und können sich regenerieren, etwa indem die tagsüber verbrauchten Neurotransmitter aufgefrischt und Erlebnisse im Gedächtnis gespeichert werden. "Im Schlaf sind wir offline. Die Zeit nutzt der Organismus für Wartungsarbeiten", greift der Schlafforscher auf ein Bild aus der Computertechnik zurück.

Und wenn diese Zeit fehlt? Das Immunsystem beginnt zu schwächeln, der Mensch wird anfälliger für Erkältungen; das Risiko für eine Depression wächst. Chronische Durchschlafstörungen kann man sich anerziehen: indem man etwa bei jedem Aufwachen auf die Uhr schaut und die Panik anheizt. "Das Gehirn kann sich physiologisch auf Wachsein konditionieren", erklärt Riemann. Deshalb haben Mütter einen leichten Schlaf, wenn sie ein Stillkind haben. Ebenso sollte es möglich sein, das Durchschlafen zu lernen. Dafür haben die Schlafspezialisten der Freiburger Uniklinik eine Reihe von Tipps parat (siehe Text unten). Sie helfen nicht allen: "Manchmal sind Schlafstörungen nur ein Symptom für tieferliegende Probleme", weiß Riemann.

Sybille Klöckner ist dabei, den ihren auf die Spur zu kommen: nicht nur den Verletzungen aus der Kindheit und dem Mobbing im Beruf, sondern auch dem Leistungsdruck und Perfektionismus, mit dem sie sich selbst unter Druck gesetzt hat. Den Haushalt tipptopp in Schuss halten, eine Krankheit in der Familie mittragen, das verbissene Dranbleiben an einer Arbeit – und immer aussehen wie aus dem Ei gepellt: "Das war mein Weltbild. Dass ich nur dann einen Wert habe, wenn das alles stimmt." Sie ist dabei, es zu korrigieren. Und es tut sich ein Silberstreif am Horizont auf: Kürzlich hat sie vier Nächte hintereinander sechs Stunden am Stück schlafen können.
Schlafmedizin Anfang Mai hat die Uniklinik Freiburg ein Zentrum für Schlafmedizin eröffnet. Darin zusammengeschlossen sind alle Disziplinen, die sich mit den unterschiedlichen Aspekten der Schlafmedizin und -forschung beschäftigen: Pneumologie (Lungenheilkunde), HNO (Hals-Nasen-Ohren), Kinderklinik und Psychiatrie. Sowohl körperliche als auch psychische Zusammenhänge von Schlafstörungen werden behandelt und erforscht. Die Abteilungen bieten Schlafsprechstunden an und sind teilweise mit Schlaflaboren ausgestattet, in denen Erkrankungen wie Narkolepsie oder Schlafapnoe untersucht werden sowie besonders schwere Fälle von Schlaflosigkeit, die auf keine Therapie ansprechen. 25 Prozent der Bevölkerung in westlichen Industrieländern klagen über Schlafstörungen.

Internet: http://www.uniklinik-freiburg.de

Autor: Anita Rüffer