Interview

Warum uns Dachbegrünung, Alleen und wilde Grünflächen gut tun

Manuela Müller

Von Manuela Müller

Mo, 14. Mai 2018 um 17:11 Uhr

Haus & Garten

Welche Möglichkeiten der Dachbegrünung es gibt, und warum Alleen in Städte und Dörfer gehören, darüber sprach Manuela Müller mit dem österreichischen Autor und Fotograf Conrad Amber.

BZ: Warum plädieren Sie dafür, Bäume auf Dächer zu pflanzen?
Amber: "Bäume" steht auch für Pflanzen und Grün. Auf Flachdächer, auf denen momentan fast nur Kies sinnfrei herumliegt – mit den bekannten Problemen, dass er sich im Sommer sehr stark erhitzt und den Starkregen sofort abführt –, da hinauf gehören Substrat, Erde, grüne Pflanzen und natürlich auch Gehölze und Bäume. Denn sie kühlen unser Stadtklima nachhaltig ab, filtern Schadstoffe aus der Luft und geben uns Sauerstoff. Sie erzeugen Lebensräume für Tiere und bieten uns Nutzflächen.
BZ: Kann man denn jedes Flachdach begrünen?
Amber: Flachdächer kann man alle begrünen. Bei der extensiven Begrünung kommen nur wenige Zentimeter Substrat und Grünpflanzen drauf, die keine Pflege brauchen. Bei intensiver Begrünung kommt mehr Substrat drauf. Da muss man schauen, ob das statisch geht. Da muss bewässert werden, dafür ist die Auswahl der Pflanzen größer. Begrünung geht auch auf leichten Schrägdächern, weil sich die Technik dafür stark verbessert hat. Nur traditionelle Satteldächer sind aus meiner Sicht nicht geeignet.
BZ: Warum sollte ein Immobilienbesitzer für viel Geld sein Dach begrünen?
Amber: Auch ökonomisch sprechen Gründe für die Begrünung. Zum einen, dass wir durch die höhere Isolation Heiz- und Kühlkosten sparen. Zum anderen hält eine Dachhaut mit Begrünung bis zu doppelt so lang wie eine unbegrünte, weil es keine Schäden durch Frost und UV-Strahlen gibt. Das Haus erlangt einen Mehrwert durch die Benutzbarkeit eines Dachgartens. Die Dachbegrünung hat einen weiteren Nutzen für Dörfer, in denen die Kanalisationsanlagen oft unterdimensioniert sind. Bei Starkregen gibt es durch begrünte Dächer mehr Verdunstungsflächen.
BZ: In Ihrem Buch bemängeln Sie den englischen Rasen. Warum? Der ist auch Verdunstungsfläche.
Amber: Dieser Rasen ist eine Monokultur und nicht natürlich gewachsen. Wenn es ein sehr schöner Rasen sein soll, muss er gedüngt und bis zu 15 Mal im Jahr gemäht, vertikutiert, nachgesät werden. Das sind zeit- und kostenintensive Maßnahmen. Würde man an Straßenrändern und in Parks Natur zulassen, damit blühende Wiesen oder Brennnesselfelder entstehen, hätten diese Grünflächen den Vorteil, dass sie weniger Arbeit machen würden und für die Natur wertvoller wären. Denn sie schaffen Lebensräume für Nützlinge wie Bienen. Und bei höherem Bewuchs wie bei der Brennnessel ist die Feinstaubaufnahme der Pflanzen viel höher als bei Rasen.
BZ: Sie wollen auch mehr Alleen in den Städten und Dörfern sehen. Warum?
Amber: Für Alleen gilt, dass sie nicht nur über Land gehören, sondern auch in die Städte und Dörfer hinein. Wir haben Studien, die belegen, dass in Alleenstraßen die Feinstaubbelastung nur ein Drittel so hoch ist wie ohne Bäume. Wir wissen, dass die Schatten der Bäume Kosten bei der Ausbesserung des Straßenbelags sparen, weil sie die Oberfläche kühlen und mit ihrer Wasseraufnahme für Feuchtigkeitsregulierung im Boden sorgen. Geschäfte und Cafés in diesen Straßen haben einen Nutzen, weil sich die Leute gerne im Grünen aufhalten.
BZ: Sicherlich gibt es dann einen Anwohner, der sich beschwert, weil er so viele Bienen und Pollen in der Wohnung hat; und die Kommunalverwaltung bemängelt die Kosten für die Laubbeseitigung.
Amber: Man muss den Baum in seiner Bilanz betrachten. Natürlich ist er Lebensraum für Tiere, und Blüten fallen herab. Wir sind selber Teil der Natur und sollten uns von diesen Nebeneffekten nicht so abgrenzen. Die Vorteile von Bäumen sind ungleich höher, denn gesunde Luft ist besser als die krankmachende, Schatten ist besser als die pralle Sonne.
BZ: Hier in der Region war bei Planungen von Plätzen oft erst der Protest von Bürgern nötig, um alten Baumbestand zu erhalten. Ist das Thema Begrünung bei den Planern noch nicht angekommen?
Amber: Wir haben bei manchen Stadtplanern immer noch die Schule der 80er und 90er Jahre, als leichte Reinigung und Sauberkeit wichtig waren – ohne dabei Rücksicht und Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Ein versiegelter Platz sieht natürlich adrett aus, ist aber für die Bewohner und Benutzer unverantwortlich und sogar schädigend, wenn wir die Auswirkungen der Aufheizung zum Beispiel bedenken.

Conrad Amber (62) ist ein österreichischer Autor und Naturfotograf. Bäume auf die Dächer heißt der Vortrag auf Grundlage seines gleichnamigen Buches (Kosmos, 2017, 19,99 Euro, 272 Seiten), den er in Freiburg halten wird: 16. Mai, 19 Uhr, Hörsaal 3044 im KG III der Universität.