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08. November 2010

Achtung, Mann im Kreißsaal!

Schwangere wollen das Geburtserlebnis meist mit dem Partner teilen. Aber nicht alle Männer eignen sich dafür.

Der Mann im Kreißsaal gilt nicht mehr als Ausnahme, er scheint dort vielmehr eine Reifeprüfung für die Vaterschaft abzulegen. Derweil plädieren Hebammen schon wieder dafür, die Väter erst in den Kreißsaal zu lassen, wenn das Kind bereits geboren ist.

Jeder, der dabei war, wird hinterher jedem, der es hören will, versichern, er habe den großartigsten Augenblick seines Lebens erlebt. Nur im kleinen Kreis geben junge Väter zu, dass sie das Ganze ganz schön mitgenommen hat. Doch wer seine Frau mit der Aufgabe allein lässt, "unser Kind" unter Schmerzen zur Welt zu bringen, gilt als feiger Schwächling.

Das ist in Deutschland noch nicht lange so. Die Teilnahme an der Entbindung gehörte bis vor 20, 25 Jahren nicht zum Rollenverständnis des Mannes. Geburten waren Frauensache, nur Hebamme und Arzt durften dabei sein. Noch vor zwei Generationen machte man Witze über Kette rauchende Väter in spe, die im Klinik-Korridor nervös auf und ab tigerten – bis sie von der Hebamme irgendwann mit der guten Nachricht erlöst wurden: "Mutter und Kind wohlauf!"

Rund 90 Prozent der werdenden Väter gehen heute mit in den Kreißsaal. Wer – aus welchen Gründen auch immer – die Geburt seines Kindes nicht in der ersten Reihe miterleben will, erntet fast aggressives Unverständnis. "Der Druck auf die Männer ist riesig", bestätigte die 65-jährige Hebamme Luise Kaller aus Berlin unlängst im Interview. "Wenn ein Mann sagt, er will nicht dabei sein, heißt es sofort: Was bist Du denn für ein Partner? Habt ihr ein Beziehungsproblem?"

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Die allermeisten werdenden Mütter wollen diesen sehr intimen, emotionalen Moment der Geburt mit dem Partner teilen, er soll ihnen im Kreißsaal den Rücken stärken. In Kursen bereiten sich die Männer auf den großen Moment vor. Alles wird geplant, so gut wie nichts mehr dem Schicksal überlassen. Die Überfülle der Informationen zum Thema Geburt kann allerdings fantasiebegabte Naturen eher beunruhigen. Man muss sich nur mal anschauen, welch drastische Erfahrungsberichte junge Mütter und Väter auf Seiten wie http://www.babyzimmer.de ins Netz stellen. Da wird bis in letzte körperliche Detail geschildert, was bei der Geburt geschieht und was der Mann richtig oder falsch gemacht hat. Alles im atemlosen Tonfall von Menschen, die gerade eine Achterbahnfahrt hinter sich haben.

Je länger die Geburt, um so heroischer soll die Leistung der Eltern erscheinen, der Mann will aber auch seinen Anteil am Ruhm. Nicht selten gleichen die Geburtsstories Hollywood-Abenteuern, oft nicht frei von unfreiwilliger Komik. Comedian Michael Mittermeier ("Achtung, Baby!") hat in seinem anstrengend sentimentalen Buch die Geburtsphase ausgespart und seiner Familie damit einen Rest Privatheit bewahrt. Im Internet, im Schutz von Pseudonymen, wird von den Bloggern auf solche Dinge offenbar wenig Wert gelegt.

Das vor Erfindung der Pille nicht wirklich planbare, heute aber meist ersehnte Ereignis der Niederkunft wird aufgeladen mit Erwartungen, die die Beteiligten überfordern und frustrieren können. Es soll nicht nur alles problemlos klappen – es soll auch noch ein einmalig schönes Erlebnis werden. "Mir kommt es oft so vor, als müsste ich Frau und Mann gleichzeitig entbinden und dazu eine perfekte Unterhaltungsshow abliefern", beschreibt Livia Görner, Beleg-Hebamme am AK Hamburg-Altona, ihre Erfahrungen mit dieser neuen Form von Stress. Und weist darauf hin, dass die Geburtsrisiken immer noch zu 100 Prozent die Frau zu tragen hat: "Der Mann kann rausgehen, sie nicht."

"Der Mann kann immer

rausgehen, die Frau nicht."

Hebamme Livia Görner
Die populäre Vorstellung von einem märchenhaften, ja nahezu mystischen Event und der mitunter heftige, unvorhersehbare Ablauf der Geburt klaffen oft weit auseinander. Selbst die beste Vorbereitung kann nicht den Schock verhindern, wenn der Mann seine Frau zum ersten Mal als leidendes, schreiendes, fluchendes und um sich schlagendes Wesen erlebt. Hier wird nicht "Stille Nacht" gesungen, es geht kaum ohne Schweiß und Tränen ab, von anderen spontanen Ausscheidungen gar nicht zu reden.

Es kann bei der Entbindung aber auch zu Komplikationen kommen, bei denen im Kreissaal schlagartig kein Platz mehr für Amateure ist. Wenn ein zweiter Geburtshelfer, eine zweite Hebamme, ein Kinderarzt oder ein Anästhesist herbeieilen, kann der Vater nicht mehr helfen. Ein anderer Grund, ihn vor die Tür zu schicken, sind gefühllose Sprüche wie "Jetzt stell’ Dich mal nicht so an, Schatz!" oder "Werd’ mal fertig, das Spiel fängt gleich an!" Väter, die sich erst Mut antrinken müssen, sind ebenfalls untragbar.

Hebammen bestreiten auch keineswegs, dass es viele talentierte Männer gibt, die diesem uncoolen Ausnahmezustand gewachsen sind, sich dabei intuitiv richtig verhalten. Wiewohl wenige dabei so gelassen bleiben wie jener Milchbauer aus Dithmarschen, der Livia Görner sagte: "Lass sie mal, zwei Weh’n brauchtse noch, denn geiht dat los..." (Der Mann behielt recht). Aber genauso oft behindert die Anwesenheit eines aufgeregten Mannes die Arbeit der Hebamme, die in direkter Ansprache die Gebärende durch das Auf und Ab der Wehen führt. Von Frau zu Frau klappt die Verständigung einfach besser als mit unqualifizierten männlichen Zwischenrufen, findet Livia Görner.

Sie nennt ein paar hilfreiche Väter-Aktionen, die die Hebamme entlasten: Spazieren gehen mit der Gebärenden, ihr ins Entspannungsbad helfen, Händchen halten, Nerven beruhigen, die Atmung kontrollieren, Schweiß abtupfen, Getränke holen. "Wenn ich aber sehe, dass der Mann mehr Angst hat als die Frau, dann schicke ich ihn lieber vor der Tür. Weil sonst alles nur komplizierter wird."

Wenn er seine Frau schreien hört, verlangt der Partner beispielsweise oft, dass das Klinikpersonal dagegen etwas tun soll. Auch drängen Männer manchmal zum Kaiserschnitt ohne beurteilen zu können, ob der Eingriff notwendig wird. Wer schon von Medizin nichts versteht, behält die Apparate im Auge. "Viele Väter starren auf den Wehenschreiber anstatt sich ihrer Frau zu widmen. Andere sind nur mit ihrem Camcorder beschäftigt, das nervt mehr als es hilft", sagt Livia Görner.

Das Geschehen im Kreißsaal erleben die Gebärende und ihr Partner ohnehin unterschiedlich. Während die Frau nur noch sich selbst, ihr Baby und die Hebamme wahrnimmt, wobei die körpereigenen Endorphine sie in eine Art schmerzlindernden Rausch versetzen, steht der Mann mehr oder weniger passiv dabei, bekommt dafür aber ungefiltert alles mit, was er sehen will. Und sieht vielleicht mit an, wie aus dem Schoß der Frau ein Kopf herausgepresst wird, dessen Größe ihn überrascht, fasziniert oder aber zutiefst verstört. Zu der Freiburger Diplom-Psychologin Christa Brauns-Hermann, die Männer mit Geburtstrauma betreut, kamen schon Väter, denen nach der miterlebten Geburt jede Lust auf sexuellen Kontakt zur Partnerin vergangen war.

Ein heute 57-jähriger Freiburger erinnert sich, dass er sich zwar Mitte der 80er Jahre nicht zur Teilnahme an der Geburt seiner Tochter gedrängt habe, aber das Auto mit der Ärztin sei im Stau auf der A 5 steckengeblieben. Und so bat ihn die Hebamme dazu, sagte ihm, was zu tun war, die Geburt verlief relativ leicht und er schnitt noch die Nabelschnur durch. Das war zu jener Zeit, als die westdeutsche Frauenbewegung ihre größten politischen Kämpfe (etwa den gegen den Abtreibungs-Paragrafen 218) hinter sich hatte und immer mehr in einen esoterisch umwaberten Mutterkult abdriftete.

Heute hat die Geburt an sich wieder eine starke Bedeutung als Erfolgsausweis und Statussymbol. Immer schon war das eigene Kind das schönste von allen. Doch der Babykult treibt immer neue Blüten. "Es wird heute unglaublich viel in die Geburt hineingelegt. Die Eltern versuchen krampfhaft, nur nichts falsch zu machen. Die Verunsicherung der Eltern – oft nicht mehr ganz junge Mütter zwischen 30 und 40 – ist sehr groß", beobachtet Livia Görner. Ihr fällt auch auf, dass Mütter, Tanten oder Großmütter bei der Begleitung von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett fast keine Rolle mehr spielen. Umso mehr werde vom Vater erwartet, all die Aufgaben zu lösen, auf die er in der Erziehung nie vorbereitet wurde.

"Und wenn die Kinder geboren sind, rennen die Kerle am liebsten gleich aus dem Kreissaal, um sämtliche Verwandten auf dem Handy anzurufen anstatt wenigstens die erste Stunde bei Frau und Kind zu bleiben", erzählt Görner. Es ist längst erwiesen, wie gut es der späteren Vater-Kind-Beziehung tut, wenn die Männer von Anfang an in der Nähe sind, am besten Haut-zu-Haut-Kontakt (Bonding) mit dem Baby bekommen. Dass sich immer mehr junge Väter gleich die ersten zwei Monate nach der Geburt als Elternzeit frei nehmen, ist eine ermutigende Entwicklung. Hebamme Livia Görner, die in 25 Jahren mehr als 3000 Kinder auf die Welt gebracht hat, plädiert inzwischen dafür, den Vater in der Regel erst dann in den Kreissaal zu lassen, wenn das Baby geboren ist. Dann kann und soll er sich liebevoll um Mutter und Kind kümmern. Er wird ohnehin noch viele Tage und Nächte Zeit haben zu beweisen, dass er mehr kann, als nur ein Kind zu zeugen.

Rund um die Geburt

2009 kamen in Deutschland 682 514 Babys zur Welt, 349 862 Jungen und 332 652 Mädchen. Im Vergleich zu1950 hat sich die Geburtenzahl aber fast halbiert, damals wurden 1 116 701 Babys geboren. Die Zahl der Mehrlingsgeburten hat sich dagegen dank künstlicher Befruchtung in 60 Jahren fast verdoppelt. Stark gesunken ist die Säuglingssterblichkeit. Hatte man 1950 noch 25 000 Totgeburten zu beklagen, waren es 2009 nur 2412. Der Kaiserschnitt wird bei 30,2 Prozent der Geburten praktiziert.

Websites zum Thema:

http://www.rund-ums-Baby.de
(Geburtsberichte und nützliche Infos)
http://www.babyzimmer.de
(Eltern teilen Erfahrungen mit Eltern)
http://www.vaeter.de/geburt/
( Geburt und Elterngeld)  

Autor: stc

Autor: Stephan Clauss