Gefangen in selbstgewählter Isolation

Jürgen Schickinger

Von Jürgen Schickinger

Mo, 21. Januar 2019

Liebe & Familie

Eltern von Hikkikomori fühlen sich hilflos, dabei können sie wichtige Akteure im Veränderungsprozess sein /.

"Wir leben mit einem Gespenst im Haus", sagt die Mutter: Seit fast zwei Jahren hat sie ihren Sohn so gut wie nicht mehr gesehen. Dabei wohnt der 18-Jährige in derselben Wohnung wie die Eltern. Sein Zimmer verlässt Sven aber nur, wenn er glaubt, dass alle andern fort sind oder schlafen. "Manchmal meine ich, ihn nachts zu hören", erzählt die Mutter. Anfangs ist sie meistens aufgestanden, um nachzuschauen, und ein paar Mal huschte Sven vorbei. Wortlos, im Dunkeln – gespenstisch. Dann fällt seine Zimmertür ins Schloss. Der Schlüssel dreht sich und wieder kehrt bedrückende Stille ein.

Hikkikomori, Zurückgezogene, heißen Menschen wie Sven in Japan. Dort sind sie ein großes gesellschaftliches Problem: Je nach Schätzung verschanzen sich eine halbe bis drei Millionen jugendliche Japaner in ihren Kinderzimmern. In Taiwan, Südkorea, dem Oman, den USA, Kanada und anderen Ländern ist das Phänomen ebenfalls bekannt, überall mit steigender Tendenz. "Auch wir haben damit zu tun", sagt Moritz Pohlmann von der PSB Freiburg, der Psychosozialen Beratungsstelle in Familienkrisen für Eltern, Kinder und Jugendliche: "Die Fälle nehmen zu."

Zur Häufigkeit in Europa gibt es kaum Zahlen. In Italien haben sich laut der Zeitung La Stampa rund 100 000 Personen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren vom gesellschaftlichen Leben verabschiedet. Wie viele das in Deutschland tun, weiß niemand genau. "Wir arbeiten jährlich mit fünf bis zehn betroffenen Familien", sagt Pohlmann. Wenn die anderen Beratungsstellen ähnliche Erfahrungen machen, summieren sich die Fälle in Freiburg auf mindestens 50 pro Jahr. Doch die Dunkelziffer ist hoch. "Die Betroffenen selbst kommen nicht zu uns", so Pohlmann. Auch ihre Familien verzichten oft auf fachliche Unterstützung – meist aus Scham.

Darum ist Sven fiktiv. Seine Geschichte verbindet Einzelheiten von zwei Hikkikomori, die ihre Isolation überwanden. Rückblickend meint Sven, dass bei ihm alles anfing, als er mit 15 Jahren in eine Klassenkameradin verliebt war. Sie erfuhr das über Dritte und ließ Sven abblitzen. Die anderen Jungs aus der Klasse zogen ihn auf. Sven, sowieso eher scheu, fehlte zunächst nur gelegentlich – bevorzugt bei Prüfungen – in der Schule, dann öfter. Er hing zunehmend vor dem Laptop, gerade am Wochenende auch nächtelang. Irgendwann schloss er sich ein und die Außenwelt aus.

Hikkikomori ziehen sich schleichend zurück, typischerweise am Übergang von der Jugend zum Erwachsensein. "Da, wo es ernst wird damit, auf eigenen Beinen zu stehen", sagt die Psychologin Dorothea Fritsch, Pohlmanns PSB-Kollegin. Manche Hikkikomori lassen sich vereinzelt noch im engen Familienkreis blicken, andere wie Sven igeln sich komplett ein. Als häufigste Auslöser nennen sie Zurückweisung, mangelnde Würdigung von Leistungen, Verunsicherung, Überforderung und Mobbing. Mindestens sechs Monate lang schotten sich Hikkikomori laut Definition ab. Die große Mehrheit ist männlich.

Einige Faktoren, die dafür eine Rolle spielen können, zählen Fritsch und Pohlmann auf: Viele Männer und Väter sind verunsichert über ihre Rolle. In ihren Familien kommen entsprechende Leitbilder oft zu kurz. Jungs haben heute niedrigere Spiegel des männlichen Sexualhormons Testosteron als früher. Unter Zehnjährigen erhält mehr als jeder achte die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) und oft eine Behandlung mit dem Wirkstoff Ritalin. Der verringert langfristig wahrscheinlich den inneren Antrieb. "Mädchen haben mehr Freundinnen und tauschen sich intensiver aus, auch über Gefühle", sagt Psychologin Fritsch weiter. Noch dazu seien Mädchen in der Schule erfolgreicher: "Dort werden Jungs abgehängt." Einst dienten Wehr- und Zivildienst als männliche Betätigungen und Initiationsriten, die den Eintritt ins Erwachsensein markierten. Diesen Schritt wollen viele Jungs nun virtuell machen. Bestätigung suchen sie woanders – etwa beim Spielen am Computer, wovon soziale Kompetenzen kaum profitieren.

"Betroffene als Opfer

zu sehen, hilft

in der Regel nicht."

Moritz Pohlmann, PSB Freiburg
Eltern geben die Schuld für ungewöhnliches Rückzugsverhalten aber gerne Dritten. Lehrer und Mitschüler, so ein häufiger Vorwurf, seien nicht einfühlsam genug, um auf ihr angeblich hochsensibles oder hochbegabtes Kind angemessen eingehen zu können. Auch Svens Mutter fürchtete, ihr Sohn zerbreche am schulischen Druck, als er begann, öfter zu schwänzen, und sich zunehmend absonderte. Die Mutter gab Sven nach. Sie nahm ihn von der Schule, machte den Weg frei in die totale Isolation. Gegenüber anderen versuchten die Eltern, Svens Verhalten und ihr eigenes zu verteidigen. Sie verloren selbst viele Kontakte. "Betroffene als Opfer zu sehen, hilft in der Regel nicht", betont Pohlmann nachdrücklich: "Eltern müssen von der Schuldfrage wegkommen und Verantwortung übernehmen."

Dazu gehört, Rückzügler in die reale Welt zu bugsieren. Je früher Eltern aktiv werden, desto besser. Je länger Isolation dauert, desto mehr verfestigt sie sich. "Auch das Risiko für Selbstmordhandlungen steigt", sagt Fritsch. Doch wann wird Einschreiten fällig? Die fallspezifische Spannbreite ist groß. In der Pubertät finden etwa viele Jugendliche ihre Eltern zeitweise peinlich und wollen mit ihnen wenig zu tun haben. Wie weit ist das okay? Wie viel Zeit dürfen Jugendliche am Computer verbringen? "So lange Kinder ihre Leistung in der Schule bringen, besteht üblicherweise keine Gefahr", erklärt Fritsch. Bedenklich kann dagegen sein, wenn Computersitzungen den Tag-Nacht-Rhythmus verändern, wenn Kontakte abnehmen, Heranwachsende aus Vereinen austreten oder nicht über Enttäuschungen hinweg kommen.

Svens Vater platzte der Kragen, als seine Frau ihre 50-Prozent-Stelle aufgeben wollte. Sven, irgendwie da, aber nie anwesend, drückte den Eltern aufs Gemüt. Sie unterhielten sich meist mit gedämpfter Stimme oder stritten leise. Dabei ist es entscheidend, dass sich Eltern auf gemeinsame Positionen einigen. Sie müssen absprechen, welches Verhalten beide künftig noch zulassen wollen und welches nicht – was für ein Zusammenleben notwendig ist. Danach heißt es, diese Position standhaft und gewaltlos zu vertreten.

Dafür kann sich etwa ein "Sit in" eignen: Eltern kündigen an, sich zu einer bestimmten Zeit ins Zimmer des Kindes zu setzen. Die fürsorgliche Präsenz, die auch mehrfach stattfinden kann, demonstriert den festen Willen, die Verhältnisse fortan nicht mehr zu dulden. Zudem sollten Eltern klar machen, dass sie Lösungsvorschläge vom Kind erwarten, statt es mit eigenen zu bedrängen. Selbst ohne Gespräche und Beschlüsse leitet die elterliche Anwesenheit und Entschlossenheit oft eine konstruktive Wende ein.

"So hilflos sich Eltern von Hikkikomori beizeiten auch fühlen – sie sind die wichtigsten Akteure im Veränderungsprozess", sagt Pohlmann. Doch auf dem Weg zum harmonischen Miteinander lauern Stolperfallen. Eltern von Hikkikomori können viel falsch machen – zu spät oder unpassend reagieren. Darum empfiehlt es sich fast immer, kompetenten Rat einzuholen. Ihn erteilen in Freiburg mehrere Beratungsstellen, die teils nach verschiedenen Konzepten arbeiten. "Die Isolation von Hikkikomori aufzuheben, ist kein Spaziergang", betonen die PSB-Fachleute Dorothea Fritsch und Moritz Pohlmann, "aber wir haben gute Werkzeuge, die den Vorgang beschleunigen können."

Nachträglich ist Sven froh darüber, dass seine Eltern die Initiative ergriffen: Die Isolation habe ihn unglücklich gemacht. Ihm sei bald klar gewesen, dass er Mist baute. Doch die Kraft, etwas zu ändern, war weg. Ganz hat Sven seine Scheu und Unsicherheit noch nicht abgelegt. Mittlerweile isst er pro Tag auf jeden Fall einmal gemeinsam mit den Eltern. Mindestens einmal alle zwei Wochen geht er mit alten Freunden aus, die sich reaktivieren ließen: "Das ist sehr aufregend und anstrengend, aber tut auch sehr gut."