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18. Juni 2012

Interview

Wie wächst eine Sonnenblume 8 Meter hoch?

BZ-INTERVIEW mit Hans-Peter Schiffer, bei dem die höchsten Sonnenblumen der Welt wachsen.

  1. Freunde fürs Leben: Hans-Peter Schiffer auf Augenhöhe mit dem 8,03 Meter hohen Ungetüm von Sonnenblume, das ihm einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde bescherte. Foto: Privat

Die Lebensgefährten von Hans-Peter Schiffer leben einen Sommer, werden acht Meter groß und kommen immer wieder. Der Flugbegleiter aus Kaarst in Nordrhein-Westfalen züchtet Sonnenblumen, ein 8,03 Meter hohes Exemplar hat ihm einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde beschert. Die Lokalredaktion in Bad Säckingen hat nun selber Kerne gesät – und sich vorgenommen, Schiffer zu übertreffen. Wie das gelingen kann, wollten wir persönlich von ihm wissen.

BZ: Herr Schiffer, wir haben Sonnenblumen gepflanzt. Dürften wir zum Höhenvergleich bitten? Unsere sind schon fast zwei Meter hoch.
Schiffer: Meine sind so etwa 1,50 Meter, da ist noch alles drin. Am Anfang war es aber ganz schlimm. Der April war viel zu kalt. Ich muss da jetzt gleich mal schnell gucken gehen, bevor ich wieder weg bin. Wissen Sie, ich bin Flugbegleiter bei der Lufthansa und ständig unterwegs.

BZ: Wann haben Sie denn gesät?
Schiffer: Das war am 4. April. Ich richte mich immer nach dem Mondkalender.

BZ: Pflanzen Sie die Samen drinnen oder draußen an?

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Schiffer: Sofort draußen, die müssen direkt an Ort und Stelle stehen, Sie dürfen sie nicht umsetzen. Tun Sie das bitte nicht.

BZ: Umtopfen mögen die nicht?
Schiffer: Nein, um Gottes Willen.

BZ: Und Ihr Rekord von 8,03 Metern besteht noch?
Schiffer: Ja, der ist noch aktuell. Der ist von 2009.

BZ: Die letzten zwei Jahre lief es also nicht so gut?
Schiffer: Doch, doch. 2010 war das beste Jahr bisher. Da hatte ich drei Blumen um acht Meter. Das war Wahnsinn. 7,95, 7,98 und 8,01. Aber na klar, ich will jetzt meinen eigenen Rekord wieder schlagen. Das ist mein Ziel.

BZ: Verraten Sie uns bitte, was Sie besser machen als andere Hobbygärtner?
Schiffer: Ich mach selber Kompost aus Grasschnitt, Laubkompost und Kartoffeln. Vor allem die Kartoffeln haben viel Stärke, da sind unheimlich viele Nährstoffe drin. Ich arbeite ausschließlich mit Naturprodukten. Man kann ja auch Chemie benutzen, das ist nicht verboten. Das habe ich früher auch gemacht. Damals habe ich ganz normal Stickstoff genommen, denn Sonnenblumen sind unglaublich nährstoffzehrende Pflanzen, die brauchen ganz viel Stickstoff. Ich bin aber davon abgekommen, weil das meine Hände ein wenig weggeätzt hat, und, und, und. Deswegen hab ich 2007 angefangen, nur mit Natur zu arbeiten.

BZ: Und wer isst die ganzen Kartoffeln, die Sie schälen?
Schiffer: Na, hören Sie mal! Da wird nichts geschält, die Kartoffeln sind ausschließlich für den Komposter. Ich verwende die Kartoffeln ganz. Die werden vorher zerhackt. Die schick ich durch den Häcksler.

BZ: Wie viele Pflanzen schicken Sie ins Rennen?
Schiffer: In dieser Saison habe ich 42 Samen eingepflanzt. Die lasse ich erstmal laufen, weil ich vorher nicht weiß, wer der Favorit wird.

BZ: Wann entscheidet sich das?
Schiffer: Jetzt im Juni. Da guck ich in die Pflanze rein, ich kann da ganz tief reingucken, und wenn ich die Kopfansätze sehe, weiß ich, ich kann das Doppelte an Höhe drauflegen. Wenn die Pflanze 3,50 Meter hoch ist, weiß ich: Die wird 7.

BZ: Wie kommen Sie eigentlich zu den Sonnenblumen hoch?
Schiffer: Die wachsen an Bambusstangen hoch. Und wenn die über vier, fünf Meter sind, baue ich das Gerüst auf.

BZ: Sie haben ein Gerüst?
Schiffer: Ja, ich hab mir ein eigenes Baugerüst zugelegt.

BZ: Und eine Leiter?
Schiffer: Natürlich. Ich habe sechs Leitern für verschiedene Höhen.

BZ: Keine Höhenangst?
Schiffer: Doch. Ich komm da schlecht hoch, ich muss mich da immer wieder rantasten. Nach zwei, drei Metern puste ich durch. Aber man gewöhnt sich im Laufe des Sommers daran. Die Pflanze wächst ja am Tag um die zehn Zentimeter.

BZ: Was schauen Sie denn bei den Pflanzen genau nach?
Schiffer: Man kann erkennen – also ich kann erkennen – , ob weitere grüne Blätter kommen, oder ob das Köpfchen mit den Blütenblättchen kommt.

BZ: Ich habe gehört, Ihre Sonnenblumen sind größer als das Haus.
Schiffer: Ja, schon. Häufig streiten sie sogar mit den Kirschbäumen, wer höher ist. An die Pappel dahinter auf der Wiese, die ist jetzt vierzig Meter hoch, da kommen sie aber nicht heran.

BZ: Sonnenblumen brauchen viel Wasser. Wer kümmert sich um Ihre Pflanzen, wenn Sie tagelang weg sind? Ihre Mutter?
Schiffer: NEIN!!! Nein nein nein. Das kann kein Mensch machen. Das geht nicht. Ich hätte dann mehr Unruhe als alles andere.

BZ: Aber die Pflanzen brauchen doch Wasser. Wer gießt?
Schiffer: Das sind – Gott sei Dank – Tiefwurzler, die ziehen die Feuchtigkeit von tief drinnen raus. Wenn ich da bin, gieße ich natürlich jeden Tag. Aber die können auch drei, vier, fünf Tage ohne Wasser auskommen.

BZ: Ihre Mutter darf an die Pflanzen also gar nicht ran?
Schiffer: Nein, niemals. Das mit dem Gießen ist auch nicht so einfach, weil das alles Komposterde ist, die zerläuft auch sehr schnell. Und die gießt dann immer ein wenig holpriger und da sind dann Löcher in der Erde. Nee, ich mach das. Ich gieß das ganz vorsichtig, die werden ganz vorsichtig bearbeitet.

BZ: Reden Sie auch mit den Pflanzen?
Schiffer: Um Gottes Willen, nein.

BZ: Es gibt Menschen, die machen das.
Schiffer: Ja, die machen das, weil die Pflanzen gerne Kohlendioxid haben. Man hat wohl festgestellt, dass kleine Zimmerpflanzen das Kohlendioxid, das wir ausatmen, sehr gerne haben.

BZ: Aber Ihre Ungetüme merken davon nichts.
Schiffer: Nein, mit denen brauchen Sie nicht zu reden. Sie brauchen sie nicht anhauchen. Um Himmels Willen.

BZ: Würde auch sicherlich auffallen. Geben Sie den Pflanzen Namen?
Schiffer: Also, ich bin ja schon sehr bescheuert, aber wenn ich den Pflanzen noch Namen geben würde, können Sie mich direkt einweisen.

BZ: Kennt man Sie denn im Ort?
Schiffer: Ja, man kennt mich, das müssen Sie ja nur googeln: Geben Sie höchste Sonnenblume der Welt ein, dann kommt das ja auch. Dann hab ich natürlich viele Fans, genauso wie Sie natürlich …

BZ: Moment mal, wir sind Konkurrenten, keine Fans. Wir wollen Ihren Höhenrekord brechen.
Schiffer: Gerne, sind alle eingeladen, Konkurrenz zu sein. (lacht 10 Sekunden).

BZ: Haben Sie einen Tipp für uns?
Schiffer: Also, ja, äh. Das ist schwierig.

BZ: Sie wollen uns keine Tipps geben…
Schiffer: Nein, ja, nein, es gibt keine Tipps. Was hier passiert, ist unvorstellbar.

BZ: Warum klappt’s dann bei Ihnen und bei anderen nicht?
Schiffer: Weiß ich nicht. Hat bei mir ja auch nicht geklappt die ersten Jahre. (lacht).

BZ: Haben Sie einen Wundersamen eingepflanzt?
Schiffer: Auch nicht, nein. Ich fing ganz normal an mit irgendwelchen Samen. Und dann ist die eine Blume etwas größer geworden als die andere. Und natürlich habe ich immer von den höheren Pflanzen die Körner genommen.

BZ: Können Sie uns ein solches Korn schicken?
Schiffer (lacht nicht, Pause): Die Körner kann ich leider Gottes nicht verschicken.

BZ: Liegt es am Klima, an dem Verlauf eines Frühjahrs und Sommers, dass Ihre Pflanzen so gut wachsen?
Schiffer: Es darf jedenfalls nicht frieren. Hier am Niederrhein herrschen perfekte Bedingungen. Die höchsten je gemessenen Pflanzen stehen in ähnlichen Klimaten. 1975 waren es in Southampton 6,45 Meter.

BZ: Was machen Sie mit den Pflanzen, wenn sie abgestorben sind?
Schiffer: Erst säge ich sie ab, und dann gehen die durch den Häcksler. Schließlich landen die auf dem Kompost.

BZ: Wie hoch wollen Sie noch hinaus?
Schiffer: Ich würde gerne meinen Rekord jagen. Wenn Gott es will, wird es passieren. Ich glaub daran, dass das noch klappt, weiß aber nicht, wann. Und ich möchte jetzt noch kleine Sonnenblumen züchten mit den größten Köpfen. Das ist unvorstellbar, in British Columbia hat einer mal 82 Zentimeter geschafft.

BZ: Haben Sie keine Angst, selbst einmal geschlagen zu werden?
Schiffer: Nein, ich freu mich darüber.

BZ: Wir geben alles, Herr Schiffer.
Schiffer: Nur zu. Dann ist das meine Herausforderung, den nächsten wieder zu schlagen. Ich würde es Ihnen gönnen. Toi, toi, toi.

Autor: Andreas Frey