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13. Juni 2009

Die Dänen radeln allen davon

Von Kopenhagen kann die Green City Freiburg noch einiges lernen: Die dänische Hauptstadt will 2025 als erste Großstadt der Welt CO-neutral sein

  1. Die Hauptstadt der Radfahrer: Kopenhagen ist die fahrradfreundlichste Stadt Europas. Foto: Wonderful Copenhagen

Kristine Pedersen hält erst mal einen kurzen Vortrag über Kopenhagener Verkehrsregeln. "An die Regeln halten. Und ganz wichtig: Wer hält, streckt die Hand hoch." Die Ermahnung hat ihren Grund: Auf Kopenhagens Fahrradwegen herrscht ein derart dichter Betrieb, dass ein abruptes Bremsen sofort zu einem Auffahrunfall führen könnte.

In der morgendlichen Radl-Rush-Hour ist alles unterwegs: Minister und Direktoren mit dicker Aktentasche. Geschäftsfrauen mit schwindelerregend hohen Stilettos an den Füßen und dem Handy am Ohr. Junge Familienväter, die vergnügte Kinder vorne auf der Ladefläche ihres Christiania-Bikes transportieren. So heißen die praktischen, aber auch recht teuren und schwergängigen Räder, die aus Kopenhagens Freistaat Christiania kommen. Die Dreiräder haben eine Ladefläche in Gestalt eines robusten Holzkastens, in dem leicht zwei bis drei Kinder sitzen können. Vor dem Fahrer wohlgemerkt, die Dänen wollen ihren Nachwuchs stets im Blick haben.

Wer in Dänemark

auf sich hält,

tritt in die Pedale.

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Wer sich in Kopenhagen einmal auf den Fahrradsattel schwang, glaubt der Statistik sofort: Die Dänen sind Europameister im Radfahren. 936 Kilometer legen sie im Jahr auf dem Drahtesel zurück. Kopenhagen ist mit einem Radleranteil von fast 40 Prozent zudem die fahrradfreundlichste Stadt des Kontinents. Und das kann nicht nur an der platten Landschaft liegen.

"Ein auffälliges Stadtfahrrad ist in Kopenhagen imagefördernder als ein nagelneuer, hochpolierter BMW", lautet die Erklärung des Fahrradclubs "Fonden Bycyklen i København". Individuell, flexibel und sozial – das passt zum dänischen Lebensstil. Deshalb ist Radfahren nicht "in", Radeln ist selbstverständlich! Selbst Kronprinz Frederik tritt ab und an in die Pedale, um seinen Nachwuchs in die Kita zu bringen.

40 Prozent Radleranteil ist Rekord – doch Kopenhagen ist damit noch längst nicht zufrieden. Bis zum Jahr 2015 soll der Anteil der Radfahrer auf 50 Prozent steigen. Die Zahl der schwerverletzten Radfahrer soll zudem halbiert werden, die Radfahrer sollen sich im Straßenverkehr sicher fühlen. Damit dies gelingt, investiert die dänische Hauptstadt 20 Millionen Euro in den Ausbau des heute 300 Kilometer langen Radwegenetzes, in neue Parkmöglichkeiten für Räder und grüne Radrouten. Auf einer stark befahrenen Strecke wurde die erste grüne Welle für Radler eingeführt. Das Durchschnittstempo stieg um 33 Prozent auf 20 Stundenkilometer, ohne dass Autofahrern und Fußgängern große Nachteile entstanden wären.

Kopenhagen-Besuchern stehen 2000 kostenlose Citybikes zur Verfügung. Ein 20-Kronen-Stück (2,70 Euro) wie beim Einkaufswagen ins Schloss stecken, das Fahrrad schnappen und losfahren. Am Ziel angekommen, wird das Rad an der nächsten Leihstation abgeben und das Pfand wieder eingesteckt. Damit die Räder nicht verschwinden, sind sie eine dänische Eigenproduktion aus Bauteilen, die zu keinem anderen Fahrrad passen. 130 Euro Strafe kostet es, wenn man mit dem Leihrad über die Stadtgrenzen hinausfährt.

Die fahrradfreundliche Ausrichtung ist aber nur ein Teil eines ehrgeizigen Ziels. Bis zum Jahr 2025 will Kopenhagen die erste CO-neutrale Hauptstadt der Welt sein. "Wenn Sie sich anschauen, was Bürgermeister in aller Welt in den Autoverkehr investiert haben, wenn Sie sehen, was für Busse, Fahrräder oder Fußgänger ausgegeben wird, bekommen Sie schockierende Zahlen", sagt Technik- und Umweltbürgermeister Klaus Bondham. "Wir möchten der Welt zeigen, wie man eine Großstadt anders gestalten kann: mit weniger Autos, mit mehr Fußgängern und mehr Fahrrädern. Wir sind überzeugt, dass sich die Lebensqualität erhöht, wenn man nicht im Lärm versinkt und allzu verschmutzte Luft einatmet."

50 Schritte für die erste Etappe auf diesem Weg hat Kopenhagens rot-rot-linksliberal regiertes Rathaus jetzt in einem Klimaplan präsentiert. Neue Windkraftanlagen sollen den CO-Ausstoß um 375 000 Tonnen senken. 50 000 Tonnen Kohlendioxoid durch die Renovierung öffentlicher Gebäude gespart werden. 5000 Tonnen durch neue Grünanlagen, 50 000 Tonnen durch die Förderung von Elektroautos, die gratis in der Stadt parken und an jeder Ecke aufgeladen werden können.

Die Kopenhagener sollen noch mehr Bioprodukte kaufen (schon heute sind 14 Prozent im Warenkorb), und kein Kopenhagener soll mehr als 15 Gehminuten vom Wasser oder von Grünflächen entfernt wohnen. Schon heute produzieren die 500 000 Hauptstadtbewohner lediglich fünf Tonnen Kohlendioxid im Jahr. In Deutschland sind es zehn, in den USA 20 Tonnen. Die Begeisterung fürs Weltklima macht in Kopenhagen selbst vor Pricklendem nicht halt. Eine kleine Brauerei hat gerade ein CO-neutrales Bier auf den Markt gebracht.

Kopenhagen wächst rasant:

Die Stadtplaner setzen

auf Verdichtung.

Dabei entwickelt sich Kopenhagen keineswegs zum Ökodorf. Die Stadt wächst rasant – durch Verdichtung. Nachdem der Containerhafen und die Marine weggezogen sind, entstehen nördlich und südlich der Altstadt neue Viertel: 40 000 Wohnungen und 40 000 Arbeitsplätze sollen am Nordhafen entstehen – und, ganz wichtig, Platz für 40 000 Fahrräder. "Dies soll ein nachhaltiger Stadtteil werden. Wir schaffen Neues, mit Respekt vor dem Alten", sagt Architekt Bo Christiansen, der sich auf die Vermittlung von dänischer Baukunst spezialisiert hat. Wo früher Industrie und Parkplätze waren, stehen heute Büro- und Wohngebäude.

Die hypermoderne Metrolinie zum Flughafen war Ausgangspunkt für den neuen Stadtteil Ørestad im Süden Kopenhagens, der mit Hilfe ausgefallener Architektur zum Leben erweckt werden soll. Der Franzose Jean Nouvel hat sich mit einem Konzerthaus verewigt – einem Zylinder in einem blauen metallenen Netz. Nachts leuchtet das Ganze magisch in Kobalt, belebt von Projektionen, die das Geschehen im Inneren nach außen übertragen. Nur wenige Schritte weiter steht das Tietgenkollegiet, ein kreisrundes Wohnheim für 360 angehende Akademiker. "Wir belohnen unsere besten Studenten mit hervorragender Architektur", erläutert Bo Christiansen das dänische Prinzip der Eliteförderung. "Dabei wird großen Wert auf Gemeinschaft gelegt."

Genauso ungewöhnlich ist der künstliche Berg, ein Entwurf des jungen dänischen Architekten Bjarke Ingels, der auf dem World Architectur Festival 2008 in Barcelona auf Anhieb den ersten Preis erhielt. Eigentlich war an dieser Stelle ein öffentliches Parkhaus mit 480 Stellplätzen vorgesehen, das dem Investor dadurch schmackhaft gemacht werden sollte, dass auf dem Grundstück auch eine Wohnbebauung erlaubt war. Anstatt brav das eine neben das andere zu stellen, schlug Ingels vor, beides zu verschmelzen. Das Resultat ist ein gelungener Zwitter aus Parkpalette und Einfamilienhaus.

Ein Parkhaus als Kathedrale? Wie passt das in die Ökometropole Kopenhagen? "Das ist nun mal die Wirklichkeit", antwortet Bo Christiansen. Autos sind, weil mit 180 Prozent besteuert, teuer in Dänemark. Nur jeder sechste Däne besitzt überhaupt einen Wagen. Im überschaubaren Kopenhagen ist dafür auch kein Bedarf: Alle zwei Minuten fährt eine – übrigens führerlose – Metro ins Zentrum.

Auf Bjarke Ingels Kunstberg blicken übrigens auch die Delegierten der UN-Weltklimakonferenz im Dezember, wenn sie über einen Nachfolger des Kyoto-Protokolls beraten.

Ummantelt mit einem Bergpanorama aus Lochblechen zeigt das Gebäude der flachen dänischen Topografie kess-ironisch seine unbescheidenen Ansprüche: eine Silhouette des Mount Everest, des höchsten Bergs der Erde.

Autor: Petra Kistler