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18. April 2011

Die sanfte Revolution

Schönauer Stromrebellen haben sich mit Ökostrom auf Energiemarkt etabliert.

  1. Solaranlage auf Kirchendach Foto: anfe

Warum konnte sich in Schönau erstmals ein gemeindeeigenes Stromnetz für Ökostrom durchsetzen, werden die Betreiber der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) oft gefragt. Oder eben gerade in Schönau? Eine Revoluzzer-Hochburg ist die 2500-Seelen-Stadt auf den ersten Blick jedenfalls nicht. Es finden sich auch keine Rastazöpfe oder Wollsocken und Strickpullis tragenden Ökos, die auf öffentlichen Plätzen über Politik diskutieren. Stattdessen lachen ein paar Schüler auf dem Pausenhof, ein Pärchen schleckt Eis, Hausfrauen tragen ihre Einkäufe nach Hause.

Hindernisse gab es viele, um die Elektrizitätswerke Schönau zum Ökostrombieter umzufunktionieren: Zwei Bürgerentscheide, ein Kaufpreis, der viel zu hoch angesetzt war – die Liste ist lang. Eine gesponserte Werbekampagne brachte die nötigen Gelder, um das fast Unmögliche möglich zu machen: Am 1. Juli 1997 gingen die Schönauer mit Ökostrom ans Netz.

Idyllisch im Schwarzwald gelegen ist Schönau ein Luftkurort und Anziehungspunkt für Touristen. Guckt man genauer hin, fallen allenfalls die vielen Solaranlagen auf den Dächern auf, sogar auf dem Dach der evangelischen Bergkirche. Auch die Frau, die mich empfängt, wirkt kein bisschen rebellisch, strahlt durch ihre heitere, offene Art eher Ruhe aus. Ursula Sladek, die Geschäftsführerin der EWS, mag die Menschen, ihre Arbeit hier, das spürt man. Manchmal blitzt dann doch etwas Rebellisches durch: "Ich krieg eine unbändige Wut, dass so was in Fukushima jetzt noch mal passieren musste."

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Ein anderer Gau, der größte anzunehmende Unfall in Tschernobyl 1986, war Auslöser für den langen Schönauer Weg zum eigenen Strom. "Es hat mich damals zunächst einfach nur für die Menschen in Tschernobyl bewegt, so wie es mich jetzt für die Japaner bewegt", sagt Sladek nachdenklich. Doch dann kam mit der radioaktiven Wolke die Angst um die eigenen Kinder, die Frage, ob sie draußen spielen und was sie essen könnten. Schließlich fand sich durch eine Anzeige im Gemeindeblatt eine kleine Gruppe besorgter Eltern zusammen: Die "Eltern für atomfreie Zukunft e. V." warben mit Stromsparwettbewerben für einen bewussten Umgang mit Energie.

In diese Bemühungen platzte der Stromanbieter rein, der die Gemeinde zu einem neuen Konzessionsvertrag mit einer zwanzigjährigen Laufzeit drängen wollte. Um das zu verhindern, entwickelte die Bürgerinitiative die waghalsige Idee, das Stromnetz selbst zu übernehmen. "Hier haben sich einfach ein paar Leute getroffen, die stur genug waren, so was durchzuziehen. Die sich nicht haben entmutigen lassen, von allen Hindernissen, die aufgebaut wurden", sagt die Schönauerin, und ihre Augen strahlen.

Heute ist die Skepsis der Bürger verflogen. Nach der Liberalisierung des Strommarktes hätten sie schon ein bisschen Schiss bekommen, gibt Sladek zu, doch fast alle Schönauer haben die Treue gehalten. Mittlerweile beliefern die EWS bundesweit etwa 105 000 Kunden mit Ökostrom, täglich werden es mehr. "Aber wir könnten ohne weiteres doppelt, dreimal, zehnmal so viele versorgen. Das wäre kein Problem", sagt die Schönauerin und fährt fort: "Aber wir sind nur zum Teil Stromverkäufer. Uns geht es um die Dezentralisierung und Demokratisierung der Energiewirtschaft. Das ist noch ein weites Feld an Arbeit." Doch zumindest für Schönau und Umgebung haben sie diese Ziele schon heute erreicht.

ZERTIFIZIERUNG DES ÖKOSTROMS

In Deutschland gibt es vier unabhängige Ökostrom-Anbieter. Neben den EWS sind das Greenpeace Energy, Lichtblick und Naturstrom. Folgende Qualitätskriterien lassen sich die Schönauer zertifizieren:
• Der Stromherkunftsnachweis garantiert, dass der Strom aus erneuerbaren Energien stammt.

• Es wird nur Strom von Betreibern eingekauft, die nicht mit der Atomwirtschaft verflochten sind.

• Der Strom wird zeitgleich mit dem Verbrauch der Kunden ins Netz eingespeist.

• Die sogenannten Sonnencents, die Kunden freiwillig spenden, werden zeitnah ausgegeben und kommen neuen Anlagen zugute.

Weitere Infos unter http://www.ews-schoenau.de
 

Autor: anfe

Autor: Anita Fertl