Das Sonnenbad des Holzdichters

Franz Lerchenmüller (Text & Fotos)

Von Franz Lerchenmüller (Text & Fotos)

Sa, 08. September 2018

Reise

1918 wurde die Erste Tschechoslowakische Republik gegründet. Ihre Keimzelle war das Land an der Grenze zwischen den beiden heutigen Staaten Slowakei und Tschechien /.

Das Dörfchen Košariská, in dem Milan Rastislav Štefánik 1880 als eines von 13 Geschwistern zur Welt kam, liegt zwischen goldgelben Haferäckern, Walnussbäumen, die dicke, grüne Eier ausbrüten und Hecken, in denen rosa Mirabellen von den Sträuchern purzeln. Für seine Landsleute ist der "kleine Slowake mit den blauen Augen" der Größte überhaupt. Denn der gerade mal 1,55 Meter kurze Mitbegründer der Tschechoslowakischen Republik führte ein Leben, das geradezu danach verlangte, zum nationalen Mythos verklärt zu werden.

Vom Pfarrhaus, in dessen niederen Räumen ein Museum sein Leben dokumentiert, zog er hinaus in die Welt. Er studierte Bauwesen und Astronomie in Prag und ging anschließend nach Paris. Den Sternen nah wollte er sein, und das in aller Welt. Er reiste nach Turkestan, Ecuador und Tahiti und brachte das Fell eines selbst geschossenen Schneeleoparden mit, ausgestopfte Kolibris und geschnitzte Keulen. Auch sein weißer Safarianzug ist im Museum ausgestellt, der Reisekoffer mit feinem Geschirr und neobarocke Stühle aus seiner Wohnung in Paris. Dort traf er seinen Landsmann Tomás Garrigue Masaryk, der gegen die österreichisch-ungarische Herrschaft und für den Aufbau eines eigenen tschechoslowakischen Staates kämpfte.

Mit ihm und Edvard Beneš zusammen gründete er den Tschechischen Nationalrat, eine Art Exilregierung einer künftigen Tschechoslowakei. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, ließ er sich bei den Franzosen zum Pilot ausbilden und kümmerte sich um den Aufbau tschechischer und slowakischer Legionen, die auf der Seite Russlands, Italiens und Frankreichs gegen die Mittelmächte kämpften.

"Mutig, intelligent, brillant – so war Milan!", seufzt der junge Museumsdirektor Marián Imriška hingebungsvoll. Und dann das Ende erst! Erst dadurch wurde die Geschichte des Fliegergenerals, Charmeurs, Hobbyzauberers, Diplomaten und Abenteurers zur Legende. Als 1918 in Prag die Republik ausgerufen wurde, organisierte Štefanik in Russland noch den Rückzug der Legionen. Er schlug sich nach Italien durch und wollte von dort im Triumphflug in seine Heimat zurückkehren. Kurz vor der Landung in Bratislava stürzte sein Flugzeug ab – er wurde zur Lichtfigur der jungen Nation. Im Museum sind Teile des Flugzeugwracks ausgestellt, seine Totenmaske und die Uniform, in der er starb. "Er ist mein Held", sagt Marián Imriška, Anfang 30. "Er ist unser Held", korrigiert Juraj Žáry, Mitte 60, so nachsichtig wie bestimmt. Der slowakische Kunsthistoriker ist neben der tschechischen Übersetzerin Blanka Návratová der zweite Führer dieser Reise in die Geschichte.

Natürlich braucht ein nationaler Held ein entsprechendes Grabmal. Ein Fußweg über blühende Bergwiesen führt hinauf auf den 543 Meter hohen Bradlo. Fast zehn Jahre dauerte es, bis der Architekt Dušan Jurkovic den wuchtigen Bau für seinen toten Freund errichten konnte. Auf einer dreistufigen Pyramide aus weißem Travertin thront ein steinerner Sarkophag, flankiert von vier Obelisken. Ergriffene Besucherinnen schießen Selfies vor den strahlend weißen Reliefs der Lorbeerkränze.

Das Land beiderseits der Grenze zwischen der Slowakei und Tschechien schwelgt an Sommertagen in Ocker, Gelb und Grün, die fruchtbaren Auen an der March protzen mit Sonnenblumen, Mais und Buchweizen. Die Gegend zwischen Hodonín und den Weißen Karpaten gilt als Keimzelle der Ersten Republik. Denn nicht nur Milan Štefánik kam dort zur Welt, sondern auch Tomás Masaryk, der 17 Jahre lang der erste Präsident des Staates war.

Um zu seinen Wurzeln zu gelangen, heißt es, die Länder zu wechseln und eine der friedlichen Grenzen der Welt zu überqueren. Doch diesmal kontrollieren tschechische Polizisten im Bus die Ausweise. Die fast krankhafte Angst vor Flüchtlingen hat vieles verändert.

Zur Welt kam Masaryk im Jahre 1850 im mährischen Hodonín, angeblich als Sohn eines Schmieds, vielleicht aber auch in Kopcany, heute in der Slowakei gelegen. Doch derzeit beflügelt wieder einmal ein Buch die wildesten Spekulationen. David Glockner rätselt in "Des Kaisers Präsident", ob der Politiker nicht eher als ein unehelicher Sohn Kaiser Franz Josephs geboren wurde und ein Leben lang unter dessen unsichtbarem Schutz stand.

Wie auch immer, im Schloss von Hodonín ist eine Masaryk-Ausstellung, die mit ihren vielen Fotos, Faksimiles und Papieren aus den 1960er Jahren stammen könnte. Das einzige Zugeständnis an moderne Museumspädagogik ist ein filmischer Zusammenschnitt historischer Aufnahmen, versehen mit einem Kommentar auch auf Deutsch, dessen altväterlicher Duktus der kuk-Monarchie entliehen scheint: "Er strapazierte gerne seinen Leib", lernen die Zuschauer über den reitbegeisterten Präsidenten. Und sie erfahren, dass er einen "Widerwillen gegen Offizialitäten hatte. Pompöse Feiern mochte er nicht, Speichelleckerei und Querulantentum widerten ihn an."

Die Person Masaryk fasziniert: Ein bärtiger junger Mann studiert Theologie und Philosophie in Wien und Leipzig, wird mit 41 Jahren Abgeordneter im Reichstag und mit 47 Professor. Er spricht mehrere Sprachen, heiratet eine Amerikanerin, konvertiert zum Protestantismus, ist Freund von Maxim Gorki und zu Gast beim amerikanischen Präsidenten. Zum Kronzeugen für die Abschottungspolitik der beiden heutigen Regierungen taugte dieser polyglotte, welterfahrene, humanistische Staatenlenker wahrlich nicht.

Das historische Vorbild, auf das sich die Unabhängigkeitskämpfer beriefen, war das Großmährische Reich. Es existierte etwa 70 Jahre lang bis zum Ende des neunten Jahrhunderts und umfasste neben dem Gebiet der heutigen Slowakei und Tschechiens Teile von Serbien, Polen, Ungarn und der Lausitz.

Im archäologischen Park Mikulcice an den Ufern der March wurde eine der damaligen Siedlungen ausgegraben. Die Slawenapostel Kyrill und Method sollen dort gepredigt haben. Auf einer Sanddüne fand man Grundmauern von zahlreichen Häusern und Gehöften, die sich um einen Fürstenpalast und mehrere Kirchen gruppierten. In einem Pavillon führt ein Weg um die ausgegrabenen Fundamente eines Gotteshauses, filigrane Ringe und Spangen glänzen in Vitrinen, Skelette von Würdenträgern ruhen in freigelegten Gräbern.

Rund 1000 Jahre später, am 28.10.1918 rief der Nationalrat in Prag mit Billigung der Siegermächte den selbständigen Staat aus. Optimismus und Gestaltungswille zogen wie ein frischer Wind durch das so lange schon erstarrte Land. Mit aller Macht wollte man nun nicht nur einen eigenen Staat, sondern auch eine eigene Kultur entwickeln. Zum Vorreiter in der Architektur wurde Dušan Jurkovic. Bereits 1905 hatte er in Skalica ein Kulturhaus geschaffen, auf dessen Fassade ein Mosaik einen tschechischen Helden im Panzerhemd und einen slowakischen Robin Hood zeigt, die einander zugewandt sind.

Nach der Unabhängigkeit beauftragte man ihn, den Kurort Luhacovice, den bis dahin Deutsche, Österreicher und Ungarn geprägt hatten, in eine slawische Vorzeigestadt zu verwandeln. 14 Häuser baute er um oder neu, sieben davon sind noch erhalten. Da ist das Hotel, in dem ein anderer Jungstar der Ersten Republik, der Komponist Leoš Janácek, regelmäßig nächtigte, der "alljährlichen Zusammenkunft schöner Frauen" wegen, so munkelt man. Da ist das Sonnenbad mit seinen offenen Umkleidekabinen und einer strahlenden, hölzernen Sonne.

Und da erhebt sich im Zentrum das Jurkovic-Haus, das viele seiner typischen Stilelemente aufweist: Auf den Dächern sitzen Erker, auf den Erkern weiße Spitzen, die Fenster tragen Muschelbögen und geschnitztes Schwanengefieder. Dazwischen blühen hölzerne Blumen, fallen hölzerne Sonnenstrahlen ein – das Haus ist ein Gesamtkunstwerk in Braun und Beige, Rosa und Rot. Von Wohlfühlarchitektur spricht Reiseführer Juraj, glühender Verehrer des Architekten. Wie die Menschen sollte auch die Nation gesunden und erstarken. Es gab aber auch Landsleute, die seine Bauten nicht mochten. Sie sprachen gehässig von einem Lebkuchenhäuschenstil.

Die Reise wurde unterstützt vom

Reiseveranstalter "Begegnung mit Böhmen".