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12. August 2017

Gespaltene Seele

Ibiza gilt als Promieiland und schwimmende Disko. Doch im einstigen Hippieparadies gibt es noch ruhige und verträumte Ecken fernab des Rummels. Dort bewahrt sich die Insel den Charakter früherer Zeiten / .

  1. Nicht jedermanns Sache: Party in einem der vielen Clubs auf Ibiza. Foto: dpa (3)

  2. Foto: tanaonte - stock.adobe.com

  3. Entspannt: Pia Robinson und Luciano Dominici Foto: dpa-tmn

  4. Institution im Ca n’Anneta: Kellner Pepe Guasch Foto: dpa-tmn

  5. Flower Power: Blütenschmuck finden Urlauber auf dem Hippiemarkt Las Dalias. Und auch das ist Ibiza: eine abgelegene Bucht mit türkisfarbenem Wasser. Foto: dpa / Tanaonte (stock.adobe.com)

Der Mann liebt es, die Geschichte von Las Dalias zu erzählen, dem berühmtesten Hippiemarkt in Europa. Es ist gleichzeitig die Geschichte seiner Familie und seiner Kindheit. Juanito Mari wuchs dort auf. "Las Dalias ist ein Lebensgefühl, das die Baleareninsel Ibiza weltweit berühmt gemacht hat", sagt er. Urlauber können diesem Flair heute noch nachspüren.

Es ist 22 Uhr, ein laues Lüftchen weht. Eine Ethnoband spielt inmitten der rund 200 Stände des Nachtmarkts, die Stimmung ist locker. Am Mojitostand hat sich eine Schlange gebildet. Althippies und Neohippies bieten Fransentücher aus Wildleder, ausgefeiltes Kunsthandwerk, Schmuck, Taschen, Bastkörbe, Häkelbikinis oder auch die typische ibizenkische blütenweiße Adlib-Mode an.

Mari, 56, nippt zufrieden an seinem Bier. Die Kneipe, die zum Hippiemarkt gehört, hatte sein Vater Joan 1954 als Straßenbar für die Bauern aus dem Umland und die Bewohner des nahegelegenen Orts Sant Carles eröffnet. Es sollte der Beginn einer Legende werden, doch das ahnte damals noch niemand.

Tourismus gab es in jener Zeit noch nicht, nur ein paar vereinzelte Berühmtheiten wie Aristoteles Onassis oder Fürst Rainier von Monaco verirrten sich auf die wildromantische Insel mit ihren Pinienwäldern, zerklüfteten Küsten und türkisblauen Buchten.

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Das änderte sich in den Sechzigern, lange bevor die internationale Jetsetszene die 572 Quadratkilometer große Mittelmeerinsel zu ihrem Lieblingsziel auserkoren hat und sie zur teuersten Insel Spaniens machte. Damals strandeten erst einmal die Peluts, die Haarigen, wie die Einheimischen sie nannten. Gemeint waren vor allem junge Leute aus den USA, die dem Vietnamkrieg entfliehen wollten und alternative Lebensformen suchten. Doch auch Aussteiger aus Europa kamen.

Die meisten von ihnen siedelten sich in der Gegend von Sant Carles an. Für wenig Geld kauften sie den Einheimischen die weißen, würfelförmigen Häuser ab. Viele Ibizenker glaubten damals, dem Ruf der Moderne folgen zu müssen und siedelten in die Hauptstadt Eivissa über. Auf ihren neuen Fincas, die mittlerweile Millionen wert sind, wurde es den Haarigen zu langweilig. Und so trafen sie sich abends in Las Dalias, dem Hotspot in jenen Zeiten.

Es war die Blütezeit von Flower Power. "Wir erlebten herrliche Jahre", sagt Mari. Als Kind bekam er mit, wie in der Bar Jimi Hendrix, Jim Morrison oder Janis Joplin auftraten. In den Siebzigern kam Bob Marley, in den Achtzigern Nina Hagen, als sie einen ibizenkischen Punker ehelichte. Auch Mick Jagger und Bob Geldof waren zu Gast. Erst 1985 entstand der Hippiemarkt auf dem Gartengelände unterhalb der Kneipe, anfangs waren es nur paar Verkaufsstände. Heute ist Las Dalias eine Institution.

Das Gleiche gilt für die nicht weit von Maris Kneipe entfernte Bar Ca n’Anneta gegenüber der weiß getünchten Kirche von Sant Carles. Die Bar ist nicht nur wegen der leckeren Tapas und der Hausmannkost gut besucht, sondern wegen ihrer langen Geschichte als Hippieoase.

"Der Ruhm der früheren Tage bringt uns viele neue Gäste", sagt Kellner Pepe Guasch und reicht die typische Vorspeise: Brot mit Oliven und Aioli. Benannt ist die Kneipe nach der inzwischen hochbetagten Gründerin Anita Mari Torres, die für die Peluts eine Art Mutterfigur war. Ca n’Anneta dient bis heute auch als Postamt von Sant Carles, 200 Briefkästen sind dort untergebracht. Guasch arbeitet seit 35 Jahren in der Bar und kennt fast alle Kunden, viele davon Relikte aus den Hippietagen. "Wir fühlen uns wie eine große Familie", sagt er.

Bis heute sind der Norden und Nordwesten von Ibiza rund um die hübsche Stadt Santa Eulària des Riu das Epizentrum der Hippiekultur. In diesem Teil leben auch die meisten der vielen deutschen Residenten.

Im verschlafenen Örtchen Sant Joan verkaufen Pia Robinson, gebürtige Holländerin und der Italiener Luciano Dominici knallbunte Holzkreuze auf dem Sonntagsmarkt. Er schnitzt sie und Pia bemalt sie, am liebsten mit Frida-Kahlo-Porträts. Das Paar, das sich einst in Rimini kennenlernte, hat an vielen Orten der Welt gelebt und will nirgendwo anders mehr hin. "Nur auf Ibiza finden wir die geheimnisvolle Magie, die unserer Kreativität förderlich ist", sagt Dominici und lacht.

Weniger beschaulich geht es in Sant Antoni zu, am gegenüberliegenden Ende der Insel. Das einst verschlafene Fischerdorf mit seiner großen Bucht ist inzwischen eine der größten Städte der Insel, mit vielen Edeldiskotheken und der höchsten Beach-Club-Dichte Ibizas. In den vergangenen Jahren entstanden viele Hotelburgen, es ist das ibizenkische Gegenstück zur Platja de Palma auf Mallorca.

Im Café del Mar, der bekanntesten Sunsetbar der Insel, warten jeden Abend mehrere hundert Menschen darauf, dass die Sonne im Meer versinkt. DJs legen Chill-out-Musik auf. Längst wurde das ursprünglich kleine und blau-gelb gekachelte Café durch einen Anbau erweitert. Daneben hat sich Konkurrenz wie das Mambo breitgemacht, wo Housebeats wummern. "Die Entwicklung ist einfach verrückt", sagt Alfredo Munoz, 32. Er stammt von dort und sehnt sich nach der Stille von früher zurück.

Das Erste, was man beim Anflug auf Ibiza sieht, ist denn auch die Partymeile entlang der Platja d’en Bossa, einem der längsten Sandstrände der Insel. Das tiefe Blau des Meers konkurriert mit dem der Pools der vielen Hotels.

Bei den beliebten Poolpartys, die vor allem junges Publikum anziehen, geht es schon am frühen Nachmittag hoch her. "Ibiza ist für viele eine schwimmende Disko", sagt der Musiker und Gästeführer José Antonio Canseco, der die Geschichten der Inselschickeria kennt.

Wer es mondäner will, geht in die Edelclubs direkt am Jachthafen, wo im Sommer die riesigen Schiffe der Superreichen vor der Kulisse der grandiosen Altstadt vor Anker liegen. Entsprechend ist das Publikum in legendären Etablissements wie dem ältesten Club Pacha oder dem Lío, wo man viele Promis treffen kann. Nicht umsonst ist Ibiza das Lieblingsziel von Stars und Sternchen.

"Für ein Abendessen kann man im Lío schon mal locker 25 000 Euro auf den Tisch legen", sagt Canseco. Im August wird der Andrang auf Ibiza gewöhnlich so groß, dass viele Jachten abgewiesen werden. An Land steigen die Übernachtungspreise in astronomische Höhen.

Also doch zurück in den ruhigeren Norden. Einer der Geheimtipps Cansecos ist die verschlafene Siedlung Balàfia im Landesinneren. Dort stehen fünf Bauernhäuser, die an die Zeit erinnern, als noch schwarz gekleidete Bäuerinnen das Bild der Insel prägten. Über einigen der Casas Payesas, deren weißgetünchte Fassaden mit zwei Kreuzen zur Abwehr gegen böse Geister versehen sind, erheben sich trutzige Schutztürme.

Der Feldweg dorthin verläuft entlang der typischen Natursteinmauern im Schatten von Pinien und Johannisbrotbäumen. "Dort inspiriere ich mich", sagt Canseco, der Gruppen im Frühjahr und Herbst mit zum Wandern nimmt. Der Sommer ist meist zu heiß für große Touren.

Mehrere der schönsten Wanderwege der Insel starten ebenfalls im Norden, im verschlafenen Dorf Santa Agnès, bekannt für seine urige Bar Can Cosmi und die spektakuläre Mandelblüte im Februar. Von dort aus gelangt man schnell zur Puerta del Cielo, dem Tor des Himmels, einem riesigen Felsen, der einen spektakulären Ausblick bietet. Die Inselgruppe Ses Margalides liegt verträumt gegenüber. Wer weiter heruntersteigt, entdeckt stille Buchten mit türkisblauem Wasser.

"Die Insel hat eine gespaltene Seele", sagt Canseco. Er hat sich zu seinem Lieblingsstrand Benirràs im Norden aufgemacht, wo Hippies jeden Abend die Sonne mit lautem Trommelwirbel verabschieden.

Noch gibt es zwischen Flower Power und Partyszene eine gewisse Balance, jeder hat seine Refugien. Die Frage ist, wie lange das noch gelingen kann. Denn auf die Insel mit ihren 140 000 Bewohnern kommen jedes Jahr mehr als drei Millionen Touristen, Tendenz steigend. Canseco zumindest ist optimistisch: "Um den Rummel kann man einen Bogen machen, man muss es nur wollen."

Ibiza / Spanien

Anreise/Formalitäten: In den Sommermonaten gibt es von zahlreichen deutschen Städten Direktflüge nach Ibiza. Vom Flughafen am besten weiter mit einem Mietwagen. Individuelle Tourguides gibt es im Internet unter http://www.guiasibiza.com Für die Einreise nach Spanien reicht deutschen Urlaubern der Personalausweis.
Aktivitäten: Seit einigen Jahren setzt die Inselregierung vermehrt auf den Wandertourismus, um mehr Gäste im Herbst und Frühjahr nach Ibiza zu locken. Wichtig zu wissen für Badeurlauber ist: Besonders vor der Westküste Ibizas treiben im Sommer viele Quallen, insbesondere die schmerzhaften Leuchtquallen. An den wenigsten Stränden sind Quallennetze. Eine Schwimmbrille ist daher empfehlenswert.
Auskunft: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Tel. 069/725038, http://www.spain.info  

Autor: dpa

Autor: dpa