Zwischen Kreml und Konsum

Moskau - ein Porträt

dpa

Von dpa

Sa, 09. Juni 2018

Reise

Moskau, Stadt der Widersprüche und stolzer Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft /.

Die Weitläufigkeit ist faszinierend: So groß wie zehn Fußballfelder ist der Rote Platz in Moskau. Doch der Name dieser Herzkammer Russlands hat nichts mit den roten Mauern des Kremls und schon gar nichts mit der kommunistischen Geschichte des Landes zu tun hat: Krasnaja Ploschtschad bedeutet auf Altrussisch der rote, aber auch der schöne Platz.

Jetzt ist Zeit für Selfies vor einer historischen Kulisse mit ihren prachtvollen Gebäuden. Natürlich ist das zu aller erst der Kreml. Er war immer wieder Schauplatz von Konflikten und Aufständen. Seit Jahrhunderten residiert im Kreml die russische Macht. Aus seiner Wehrmauer ragt an einer Stelle der Spasskiturm mit dem roten Stern an der Spitze heraus. Seine Uhr gibt dem größten Land der Welt die Zeit vor.

Dann der Senatspalast mit der flachen Kuppel und der weiß-blau-roten Flagge Russlands. Drinnen regiert Präsident Wladimir Putin sein Reich. Besucher stehen im Westen des Roten Platzes Schlange, um im sich an die Mauer duckenden Mausoleum den Leichnam des 1924 verstorbenen sowjetischen Revolutionsführers Lenin zu sehen.

Mächtig und märchenhaft: Wie ein orientalischer Traum steht die Basiliuskathedrale am anderen Ende des Platzes. Die bunte Gesellschaft der farbigen Kuppeln täuscht darüber hinweg, dass die orthodoxe Kirche aus dem 16. Jahrhundert streng geometrisch gebaut wurde. Das schönste Kaufhaus Moskaus, das Gum, das sich auf 250 Metern am Roten Platz erstreckt, war zu Sowjetzeiten die Ausnahme von der Mangelwirtschaft. Im neukapitalistischen Russland haben sich die teuersten Modefirmen aus aller Welt unter dem Glasdach der Einkaufspassage versammelt.

Seit neuestem schließt sich an den Roten Platz der futuristische Park Sarjadje an. Es gibt eine coole Aussichtsplattform über dem Fluss Moskwa. Kuriosum am Rande: Weil sich die echten Parkbäume noch ein wenig kümmerlich gegen den russischen Himmel strecken, tragen die Kirschbäume künstliche Blüten. Und der Nachtigallengesang kommt vom Band.

Aber Moskau, die bald 871 Jahre alte Hauptstadt, hat sich für das bevorstehende Fußballfest eben herausgeputzt. Gebäude, Straßen, Uferanlagen wurden saniert und so zeigt sich Moskau in diesem Sommer den Besuchern der Fußballweltmeisterschaft alt und modern, schrill und still, hässlich und schön. All dies verbindet sich zu einer widersprüchlichen, aber lebendigen Metropole.

Dabei hat die Riesenstadt mit 12,5 Millionen Einwohnern über die vergangenen Jahre an Lebensqualität und Urbanität gewonnen. Auch geht kein Tourist mehr verloren, weil er kein russisch kann. An vielen Stellen stehen Wegweiser mit der Zweitsprache Englisch. Und mit etwas Übung lässt sich nach wenigen Tagen sogar die kyrillische Schrift lesen.

Wer den Kreml von außen gesehen hat, der geht natürlich auch hinein – von der Seite des Alexandergartens, in dem eine Ehrengarde regungslos das Grabmal des Unbekannten Soldaten bewacht. Es erinnert an die großen Opfer, unter denen die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg das faschistische Deutschland besiegt hat.

Im Kreml ist altrussische Kirchenbaukunst zu bewundern. In der Maria-Entschlafungskathedrale wurden die russischen Zaren gekrönt und in der Erzengel-Michael-Kathedrale ruhen in Messingsärgen alle Moskauer Herrscher bis zum 18. Jahrhundert.

Die Rüstkammer zeigt den unermesslichen Reichtum der Zaren: Kronen, Schmuck und kostbare Goldschmiedearbeiten, Kleidung, Waffen und alte Kutschen. So groß Moskau ist, so nah liegen die Sehenswürdigkeiten im Zentrum beieinander. Es gibt zwar die auch in anderen Großstädten beliebten roten Doppeldeckerbusse für Stadtrundfahrten. Doch vieles ist in Moskau nur einen kurzen Fußweg vom Kreml entfernt: die Einkaufsstraße Twerskaja, das Bolschoitheater und der Puschkinplatz.

Ein anderer Spaziergang könnte auf der Patriarchenbrücke beginnen. Von der Christerlöserkathedrale spannt sich die Fußgängerbrücke über die Moskwa. Wieder ist in kurzer Distanz der Kreml zu sehen. Kleine Dampfer fahren auf dem Fluss, dem die Stadt ihren Namen verdankt.

Die gewaltige weiße Kirche ist ein Nachbau, das Ergebnis einer wechselvollen Geschichte. Sowjetdiktator Josef Stalin ließ die Vorgängerkirche 1931 sprengen. An ihrer Stelle sollte ein gewaltiger Turm, der Palast der Sowjets, entstehen. Der kam aber nie über eine Baugrube hinaus. Aus der Grube wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein Ganzjahresfreibad mitten in Moskau. Als sich dann Russland nach dem Ende der Sowjetunion wieder auf sein orthodoxes Erbe besann, wurde die Erlöserkathedrale wiederaufgebaut.

Am anderen Ende der Brücke steht ein altes, rotbraunes Gemäuer, eine frühere Schokoladenfabrik, gegründet von dem deutschen Unternehmer Theodor Ferdinand von Einem (1826-1976). Zu Sowjetzeiten hieß die Fabrik Krasny Oktjabr (Roter Oktober) und stellte weiter die leckersten Pralinen des Landes her. Heute wird am Stadtrand produziert, auch wenn es noch einen Laden gibt, der Pralinen an die Naschkatzen bringt. Von Einem heißen sie und Roter Oktober. Auch das ist ein Beispiel für das neue Moskau: Es verleibt sich widerspruchsfrei alle Traditionen ein.

Die alte Fabrik, die drinnen ein wenig an ein Stück hippes New York erinnert, ist zu einem der Lieblingsorte der jungen Moskauer geworden. Hier gibt es Galerien, Boutiquen, Bars und Clubs mit Livemusik.

Der Betonbau der Neuen Tretjakowgalerie ist keine Schönheit. Dafür hängt dort die sowjetische Kunst des 20. Jahrhunderts. Ein Fußballfan sollte diese Ausstellung besuchen. Denn er bekäme das weltweit wohl beeindruckendste Gemälde eines Torwarts zu sehen. Überlebensgroß hechtet der Goalie waagrecht auf dem Bild von Alexander Dejneka (1899-1969) durch die Luft.

Noch ein paar Schritte weiter beginnt der Gorkipark. Nein, nicht der Schreckensort im gleichnamigen US-Thriller mit John Hurt. Seit einigen Jahren ist der Gorkipark einer der wirklich angesagten Orte in Moskau: mit geschmackvollen Stadtmöbeln, netten Cafés, Restaurants und dem schicken Museum Garage für moderne Kunst. Und mit Strecken, auf denen sich Skater und Radfahrer austoben können.

Es macht Spaß, sich hier ein Fahrrad oder einen Roller auszuleihen und damit das Moskwaufer zu erkunden. Hin am waldig-grünen Flussufer entlang, zurück durch den Sportpark Luschniki mit dem großen Stadion. Bei der WM werden dort von der Eröffnung bis zum Finale sieben Spiele ausgetragen.

Der Blick von oben ist ein Muss. Der schönste Ausblick bietet sich von der Plattform auf den Sperlingsbergen vor der Universität. Um den russischen Schriftsteller Anton Tschechow zu zitieren: "Wer Russland kennenlernen will, sollte von hier oben auf Moskau schauen!" Das Luschnikistadion liegt einem zu Füßen, in der Ferne blinken die Kuppeln der Kremlkirchen. Bis zum Horizont dehnt sich die Stadt. Während der WM wird es in diesem Bereich die Fanzone geben, mit dem Stadion verbunden durch eine neue Seilbahn.

Im Rücken ragt die Universität in den Himmel, gebaut im Stil des sowjetischen Empire oder wie vom Zuckerbäcker geformt. Die Universität hat schöne, strenge Schwestern unten in der Stadt – das Außenministerium, das Hotel Ukraina oder ein Haus an der Kotelnitscheskaja.

Wer noch höher hinaus will, sollte den Fernsehturm Ostankino besuchen oder das neue Hochhausviertel Moskwa-City, das ohnehin einen Stopp lohnt. Vom Wolkenkratzer Federazija Wostok hat man in 327 Meter Höhe einen Rundblick über die Stadt, im Nachbarturm Oko ist man sogar 354 Meter hoch. Höher geht es kaum in Europa.

Und tiefer als in Moskau auch nicht. Lange Rolltreppen führen hinab in die Metro, sie ist eine der Attraktionen der Stadt. Die U-Bahn transportiert nicht nur täglich neun Millionen Menschen. Die graue Sowjetunion hat unter der Erde Paläste für das Volk geschaffen. Jede Station ist anders. Silbrig glänzt die Station Majakowskaja. Mosaikbilder aus dem ukrainischen Landleben zieren die Kiewskaja, beleuchtete Jugendstilfenster die Nowoslobodskaja. Komsomolskaja verbindet Leninmotive mit barockem Stuck und Gold.

Ruhig ist das Viertel Kitaigorod östlich des Kremls. Die stillen, hügeligen Straßen sind der Modernisierung und Gentrifizierung Moskaus bislang entgangen. So war die Stadt früher: gemütliche Hinterhöfe, viele Kirchlein. Ein bisschen alternativ ist Kitaigorod, voll mit Graffiti. Sozial engagierte junge Unternehmer treffen sich in einer alten Druckerei, in der vor 150 Jahren die Noten von Peter Tschaikowski (1840-1893) gedruckt wurden.

Gegen Hunger und Durst hilft der Besuch in einem der Restaurants in den Straßen Pokrowka und Marossejka. Und die Umgebung der Metrostation Tschistyje Prudy ist ein Treffpunkt für Nachtschwärmer. Die Stadt hat abends ein anderes Gesicht. Hässliche Ecken verschwinden in der Dunkelheit, dafür zaubert buntes Licht an vielen Gebäuden neue Seiten hervor. Im Dunkeln verwandelt sich Russlands Hauptstadt in eine Nachtschönheit.