Niederlande

Winterliches Vlieland: Stilles Watt und brausende Brandung

Bernd F. Meier

Von Bernd F. Meier (dpa)

Do, 21. Dezember 2017 um 15:01 Uhr

Reise

Im Winter kommen nur die Hartgesottenen nach Vlieland: Urlauber, die auf der niederländischen Nordseeinsel Regen und Stürmen trotzen – und das lieben.

Nach Vlieland kommen im Winter nur die Harten: Urlauber, die auf der niederländischen Nordseeinsel Regen und Stürmen trotzen. Die brausende Brandung klingt wie Musik in ihren Ohren. Abenteuer verspricht die Tour mit dem Truck in die Sahara des Nordens.

Mittags schmeißt Aant van der Veen den Motor an, damit erwachen die 325 PS des bulligen Trucks zum Leben. Vliehors Expres steht auf dem knallgelben ehemaligen Bundeswehr-Lkw, mit dem van der Veen Urlauber über den Strand von Vlieland kutschiert. Mit gemütlichen 15 Stundenkilometern rollt der umgebaute Transporter gen Westen, links ziehen haushohe Dünen vorbei, rechts rauscht die Brandung der Nordsee.

Sand und Meer sind für die 50 Gäste an Bord erst mal Nebensache: Gemeinsames Singen mit Wouter Bouma ist angesagt. Wouter ist 75 Jahre alt, er gilt als der beste Akkordeonspieler der Insel und sorgt seit 18 Jahren während der Trucktouren mit Musik für Schunkelstimmung. "An der Nordseeküste..." – das geht auch auf Niederländisch.

Irgendwann verschwinden die Dünen, und das Land wird platt. "Wir erreichen jetzt Vliehors, die Sahara des Nordens", ruft der 35-jährige Aant van der Veen über das Bordmikrofon. Vliehors ist die größte Sandbank Nordeuropas. Die Ausdehnung schwankt zwischen 21 und 25 Quadratkilometer. Mal Land, mal Meer, ständig im Wechsel der Gezeiten. Einsamkeit und Stille erinnern tatsächlich an die Weite der Wüsten.

Wochentags wird diese Ruhe manchmal jäh unterbrochen. Ein Teil des Gebietes ist militärische Sperrzone und wird von der Nato als Luft-Boden-Schießplatz genutzt. Kampfjets donnern im Tiefflug über die Sandbank. Aber an den Wochenenden kann der Vliehors Expres ungehindert bis zum westlichsten Zipfel Vlielands fahren. Dort ist die Nachbarinsel Texel mit ihrem Leuchtturm zum Greifen nahe. Im Wattenmeer entdecken die Expres-Reisenden mit etwas Glück Seehunde.

Am Wochenende gehört Vliehors auch sportlichen Strandwanderern: Bis zu vier Stunden dauert ihre Tippeltour von der Gaststätte Posthuys bis zum urigen Strandgutmuseum Drenkelingenhuisje, an dem auch van der Veen einen Zwischenstopp einlegt. Früher retteten sich dort Schiffbrüchige vor den Sturmfluten, heute laufen Verliebte in den Hafen der Ehe ein. 51 Stufen steigen sie über die schmale Wendeltreppe zum Heiraten auf den Leuchtturm De Kabouter. 52 Meter über dem Meeresspiegel soll die Turmstube nach Angaben der Inselzeitung Vlie-Trine der höchste Ort für das Ja-Wort in den gesamten Niederlanden sein.

Nils Koster verschlug es vor mehr als zehn Jahren auf die Watteninsel. Nicht zum Heiraten, sondern des Berufes wegen. Der 37-jährige Musiker spielt im Folkduo Drijfhout (Treibholz) Geige und hat sich darüber hinaus als Käsemacher einen Namen gemacht. "Erst war es nur Hobby, später wurde es Passion", sagt er.

Für Besucher bietet Koster Verkostungen in seinem Kaasbunker in der Nähe des Leuchtturms an. Eine steile Stiege führt hinab in die geheimnisvolle Unterwelt. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bunker gebaut, heute ist er Reifekeller für den Bunkerkäse. Bis zu 800 goldgelbe Käselaibe wie etwa Schafs- und Ziegenmilchkäse lagern in den Regalen.

Kosters einzigartige Spezialität aber ist der Zeewierkaas, Käse mit Meeresalgen: "Ich wollte unbedingt einen Käse aus der Natur der Insel schaffen." Die Algen sammelt er im Wattenmeer, anschließend werden sie getrocknet. Alle zwei Wochen fährt Koster zu einem Käsebauern aufs Festland, um seine Spezialitäten herzustellen.

Vliehors, Leuchtturm, Käsebunker und auch das Infozentrum De Noordwester mit den Fundstücken der Strandräuber: Manche Winterurlauber machen um diese Touristenziele einen großen Bogen. Sie schätzen viel mehr die Ruhe auf Vlieland, der vom Festland am weitesten entfernten niederländischen Nordseeinsel.

Bei Strandwanderungen trotzen sie dem heftigen Wind aus Nordwest. Und wenn sich der Sturm gelegt hat, steigen sie um aufs Fahrrad. Autos sind für Urlauber verboten, nur die Einheimischen haben eine Sondererlaubnis. Die Radtour am stillen Watt von Oost Vlieland bis zur Gaststätte Posthuys ist besonders beliebt. 25 Kilometer umfasst das Radwegenetz. Drei Fahrradverleiher halten 8000 Zweiräder bereit – eine beachtliche Zahl bei 1100 Einwohnern.

Infos: VVV Vlieland, Havenweg 10,

NL-8899 Vlieland, E-Mail: info@vlieland.net, Internet: https://vlieland.net/de