Eindrückliches Gedenken gegen die Entmenschlichung

Rolf Reißmann

Von Rolf Reißmann

Mo, 29. Januar 2018

Rheinfelden

Zahlreiche Menschen besuchten den Gedenkgottesdienst in Herten, um an die 345 deportierten Bewohner des St. Josefshauses zu erinnern.

RHEINFELDEN. In guter Tradition ist alljährlich ein Gottesdienst am Monatswechsel vom Januar zum Februar dem Gedenken an die Deportierten des St. Josefshauses gewidmet. Im Jahr 1940 wurden 345 Bewohner von hier aus auf die Schwäbische Alb nach Grafeneck gebracht und dort ermordet. Das nationalsozialistische Regime setzte damit seine Auffassung vom unwerten Leben in die Tat um. Zeitzeugen gibt es längst nicht mehr, doch vergessen sind die Opfer nicht.

Am Kircheneingang erinnern zwei große Gedenktafeln mit den Namen aller Betroffenen an die Verschleppung. Themen des diesjährigen Gedenkgottesdienstes war der nicht fassbare Wert eines Menschen. Pastoralreferent Kassian Burster führte als Beispiel an, dass in Amerika ein Neugeborenes mit 20 000 Euro und ein Kind von zehn Jahren mit 25 000 bewertet werden. In Deutschland dagegen bewerten Versicherungen die Verluste von Fähigkeiten, etwa den von vier Fingern mit 2000 Euro oder den eines Auges mit 20 000 Euro. Doch dienen gerade solche nüchternen kaufmännischen Bewertungen dazu, Geschädigten das Leben einigermaßen zu verbessern. Für den Menschen an sich aber lässt sich keine Bewertung finden.

Im Gedenken an die Opfer aus dem St. Josefshaus bezog Burster einige Aussagen des früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert auf das Hertener Haus. Euthanasie habe mit der Entmenschlichung begonnen, meinte Lammert.

Im St. Josefshaus begann diese mit der Bewertung als "nutzlose Esser" und mit der Beschimpfung als "seelenlose menschliche Hüllen". Ziel war es, alle jene, die nicht dem unrealistischen Vollkommenheitsideal entsprachen "auszumerzen", also zu töten. Um so mehr kommt es heute darauf an, den Opfern von damals, Gesicht und Würde und zurückzugeben.

Um dies zu verdeutlichen, trugen mehrere Bewohner des St. Josefshauses kurzzeitig weiße Masken. In dem Moment hatten sie zwar nicht mehr ihre Gesichter, aber alle ihre Freunde wissen, wer sie sind, was sie können und wie sie leben. Mit dem Abnehmen der Masken sollten die 345 deportierten Opfer aus dem Jahr 1940 symbolisch in die Gemeinschaft des Hauses zurückkehren, begleitet von Respekt und Liebe. Schülerinnen der Theresia-Scherer-Schule, der dem St. Josefshaus angegliederten Fachschule für Sozialberufe, hatten diese bewegende Geste konzipiert.

Wenig auffallend, weil es am St. Josefshaus Alltag ist, war, dass Schüler aus verschiedenen Ländern die Lesungen im Gottesdienst übernommen hatten. Mit einem Totengedenken erinnerten die Teilnehmer des Gottesdienstes an all Opfer von Gewalt und Terror, an die Soldaten, die in beiden Weltkriegen starben, an jene Menschen, die durch Kriegshandlungen, als Gefangene, Verriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren. Ebenso gedachten sie aller, die allein wegen Zugehörigkeit zu einem anderen Volk, zu anderer Rasse, wegen Krankheiten oder Unvollkommenheiten getötet wurden.

Das Gedenken bezog sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Opfer in heutiger Zeit.