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03. September 2015

Er findet keinen Schlaf

BZ-SERIE FLÜCHTLINGSSCHICKSAL (6): Saif Ali ist vor elf Monaten aus Mossul geflohen.

  1. Saif Ali lebt seit knapp einem Jahr in der Schildgasse, hinter ihm von ihm gemalte Bilder. Foto: Herwig Popken

RHEINFELDEN. Um die 400 Asylbewerber sind in der staatlichen Sammelunterkunft Schildgasse untergebracht. Jeder Flüchtling bringt seine Schicksalsgeschichte mit. Die Badische Zeitung stellt deshalb in einer Serie Menschen vor, die ihre Heimat verlassen haben, weil sie ihnen keine Perspektive mehr bietet. Heute: Saif Ali aus dem Irak.

"Wenn ich nur wieder einmal in der Nacht schlafen könnte!" Das wünscht sich Saif Ali. Er kommt aus der Millionenstadt Mossul im Nordirak. Die ISIS-Rebellen haben die Stadt im Sommer 2014 eingekesselt, und weite Teile der Stadt sind zerstört.

Mehr als eine halbe Million Menschen sind nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration im Sommer 2014 aus der Stadt geflüchtet. Unter ihnen ist auch Saif. Er arbeitete als Journalist in der Medienabteilung der Stadtverwaltung und sah es als seine Aufgabe an, die Bevölkerung aufzuklären und den Terrorismus der ISIS anzuprangern.

Seit elf Monaten lebt er nun im Asylheim mit zwei weiteren Männern in einem sehr bescheidenen Zimmer, zehn Menschen wohnen insgesamt in dem kleinen Haus. Seine Zuversicht auf ein anständiges Leben in Deutschland ist nach diesen Monaten der Verbitterung gewichen. Mehr als drei Stunden Ruhe findet er in der Nacht nicht, es gibt keinen Ort, wo er allein sein könnte, und auch die Sorgen und die Perspektivlosigkeit rauben ihm den Schlaf.

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Er ist 1982 geboren, mit drei Jahren bekam er Kinderlähmung, sein rechtes Bein ist seither versteift. Saddam Hussein, so sagt er, kaufte lieber Waffen als das Geld in Krankenhäuser zu stecken, und durch das ab 1990 bestehende Wirtschaftsembargo konnte die medizinische Versorgung nicht mehr gewährleistet werden. Millionen starben aufgrund dieser Engpässe. Außerdem flohen viele Ärzte aus dem Irak, sie fehlen deshalb im Land. Jeden Morgen steht nun Saif in der Wäscherei, kümmert sich um die zehn Waschmaschinen, die sich mit Schmutzwäsche füllen, wischt den Boden auf und passt auf, dass jeder wieder die richtige Tüte mit der sauberen Wäsche zurück bekommt. So verdient er täglich fünf Euro. Und wenn er sich gut fühlt, malt er – kleine Häuschen am Waldrand, aus dem Kamin steigt Rauch, vor dem Haus fließt ein Bach, und er träumt davon, dort in Frieden zu leben.

Autor: Gisela Besier