Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
16. November 2009 16:52 Uhr
Fundsachenbestimmung in Rheinfelden
Geschichte ist der wahre Schatz
Alte Römerscherben, mysteriöse Münzen und Zeugnisse einer menschenlosen Vorzeit. Fachleute bestimmen in Rheinfelden Fundstücke – und entdecken dabei manchen Schatz.
RHEINFELDEN. Karl Wunderle wuchtet einen gewaltigen Brocken auf den Tisch. "Ein Fund vom Dinkelberg", erklärt er stolz dem Experten für Fossilien, Georg Burkardt, der die Versteinerung mit großem Interesse genau in Augenschein nimmt. Der Gesteinsquader wird gemessen, befühlt und mit Abbildungen im Handbuch verglichen. Auf einem Zettel notiert der passionierte Hobbyarchäologe: Ammonit – 180 Millionen Jahre. Rund 40 private Schätze, wie dieser fossile Abdruck wurden beim Fundbestimmungsnachmittag der Fricktalisch-Badischen Vereinigung bewertet, mit interessanten Ergebnissen für Besitzer und Fachleute.
Kaiser Augustus bereitet Luciano Caltana Kopfzerbrechen. Der passionierte Kenner der römischen Geschichte und ihrer zivilisatorischen Hinterlassenschaften nimmt das oxidierte Konterfei des einstigen Imperators unter die Lupe. Genaues Hinsehen lohnt hier besonders, denn erst das Detail entscheidet über den Wert des Objekts. "Der materielle Wert und der Informationswert eines Fundstücks sind nicht immer das Gleiche", sagt er und dreht die Münze zwischen seinen Fingern hin und her. Er weiß, hier kommt er alleine nicht weiter, eine zweite Meinung muss her. Am Nebentisch sitzt Hannes Flück. Er ist von Beruf Archäologe und somit einer der Profis der munteren Historiker-Runde. Sich mit der Materie auskennen, das merken die Besucher schnell, ist bei den fünf Bewertern nicht unbedingt nur eine Frage des richtigen Studiums.Werbung
Luciano Caltana
Gemeinsam wird diskutiert, geprüft und erklärt. Die Gäste hören fasziniert zu. Manch einer kann es gar nicht glauben: "180 Millionen Jahre", wiederholt Karl Wunderle immer wieder erstaunt über seinen kolossalen Fund. "Und das auf dem Dinkelberg".
Während sich an den anderen Tischen erste Ergebnisse abzeichnen, kommt Luciano mit der Unterstützung des Archäologen jetzt erst richtig in Fahrt. Gemeinsam wälzen sie den Almanach für römische Münzen auf der Suche nach einer Frauenfigur mit Füllhorn. "Wer ist diese Frau?", fragt der Kenner des Römischen Imperiums.
Also nochmal mit der Lupe ganz nah ran, vielleicht gibt es da ja noch ein bislang unentdecktes Detail zu erahnen. "Römische Münzen lassen sich lesen wie ein Geschichtsbuch. Alles was im Reich geschah wurde auf Münzen geprägt. Ein richtiges Propagandainstrument war dieses Zahlungsmittel." Am Ende sind sie sich einig, der Fund aus der Umgebung von Herten stammt aus dem ersten Jahrhundert nach Christus. "Wahnsinn," urteilt der glückliche Eigentümer und packt sein Fundstück zurück in die wattierte Schatulle.
Auch für Stadtarchivarin Eveline Klein, selbst Expertin für Stadtgeschichte und Historikerin aus Leidenschaft hatte Hannes Flück gute Neuigkeiten. Ihr Fundstück, eine nur wenige Zentimeter große Tonscherbe ist ein echt römisches Produkt, Massenware der gehobenen Ausführung. "So was wie das Porzellan heute", erklärt Flück. Auch über den Fundort, einen Brunnenschacht in Gundelfingen, hat er sich Gedanken gemacht. "Könnte auch eine Abfallgrube oder eine Latrine gewesen sein", sagen ihm sein Gespür und sein Wissen über die kulturellen Hinterlassenschaften der Römer.
Weil Akribie zu seinem Beruf gehört, will er es nun genau wissen und prüft mit der Lupe nach. Weiße Pünktchen im Ton, das kann für den Experten nur eines bedeuten: Die Scherbe, eine Terra Sigillata, stammt aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert und kommt aus Südgallien. In Ostgallien, zu der auch die Region am Hochrhein zählt, gab es diese Tonart nicht. Viele Fundstücke des Nachmittags stammen aus der näheren Umgebung. Darunter einige Münzen und Tonerzeugnisse aus römischer Zeit und Fossilien aus der Prähistorie mit Bezug zum Dinkelberg.
Autor: Julia Jacob


