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04. Februar 2017

Über den Namen zurück zur Würde

Das St. Josefshaus in Herten gedenkt in einem Gottesdienst der 345 Menschen, die 1940 von den Nazis ermordet wurden.

  1. Rund um den Gedenkstein sollen 345 Kerzen für die ermordeten Mitglieder des St. Josefshauses aufgestellt werden. Foto: Martina Proprenter

HERTEN. 1940 haben Nazi-Schergen 345 Männer, Frauen und Kinder des St. Josefshauses in Herten verschleppt. In den darauffolgenden Tagen wurden alle umgebracht. Vieles, was schriftlich über die Ermordeten Auskunft geben konnte, wurde von den Tätern vernichtet. Um den Opfern durch ihre Namen, die erst im Laufe der Jahrzehnte ans Licht kamen, ihre Würde zurückzugeben, hat das St. Josefshaus zum dritten Mal 345 Karten verschickt, die jeweils den Namen eines Opfers tragen. Am Sonntag wird allen in einem öffentlichen Gottesdienst in der St. Josefskirche gedacht.

Es ist eine schauerliche Episode in der Geschichte des St. Josefshauses in Herten. Rund um den 2. August 1940 kamen Mitglieder der SS zum St. Josefshaus und haben 345 Männer, Frauen und Kinder verschleppt. Im Zuge des sogenannten Euthanasieprogramms der Nazis, das die Auslöschung von aus ihrer Sicht unwertem Leben zum Ziel hatte, wurden die Menschen, darunter auch der Schulleiter, über die Zwischenstationen Emmendingen und Zwiefalten ins Konzentrationslager Grafeneck auf der Schwäbischen Alb gebracht. Laut Andreas Gräff, Pressesprecher des St. Josefhauses, haben die Nachforschungen ergeben, dass alle 345 Personen innerhalb weniger Tage vergast wurden. "Es gibt Historiker, die bewerten die Ermordung von Behinderten als Probelauf für das Judenvernichtungsprogramm", so Gräff.

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Seit Jahren bemüht man sich im St. Josefshaus um Aufklärung der Ereignisse. 1996 wurde eigens eine Projektgruppe eingerichtet, auf Basis derer die Schrift "… die Zahlen mussten stimmen" herausgegeben wurde. Auch die Namen der Getöteten konnten im Laufe der Jahrzehnte ermittelt werden. "Im Gedenken an die konkreten Namen und in der Bitte, diese in die Gebete einzuschließen, sollen die Menschen wieder ein Gesicht und dadurch ihre Würde zurückerhalten", erläutert Pastoralreferent Kassius Burster.

Die Idee, 345 Karten mit jeweils einem Namen eines Opfers an lokale Honoratioren, aber auch gewöhnliche Bürger aus Herten zu verschicken, geht laut Burster auf die Vorstände Birgit Ackermann und Christoph Dürdoth vor ein paar Jahren zurück. In diesem Jahr werden zum dritten Mal die Einladungskarten für den Gedenkgottesdienst mit den Namen der Ermordeten verschickt.

Dadurch, dass die Schüler des Oberkurses die Namen der Opfer handschriftlich auf die Einladungskarten geschrieben haben, entstand laut Burster bei seinen Schülern das Gefühl, die Schreiberlinge der Verstorbenen zu sein. Durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema, die von den Schülern ausdrücklich gewählt worden sei, sei es auch vorgekommen, dass Schüler verwandtschaftliche Verhältnisse zu einzelnen der Getöteten feststellten. "Es ist ein gutes Zeichen, dass sich die jungen Erwachsenen auch in der heutigen Zeit für das Thema interessieren und sich damit beschäftigen", sagt Burster. So sei auch die Idee entstanden, im Zuge des Gedenkgottesdienstes rund um den Gedenkstein 345 Kerzen für die Opfer aufzustellen.

Eine davon wird dann auch für Hugo Hayder sein. Dessen Name steht auf der Karte, die die Badische Zeitung erhalten hat. Von dem Getöteten ist laut Pressesprecher Andreas Gräff bekannt, dass er 15. Oktober 1927 geboren wurde und mit neun Jahren am 5. Mai 1936 in das St. Josefshaus kam. Sein Abgangstag, so der offizielle Eintrag in den Aktenfragmenten, die dem St. Josefshaus vorliegen, war der 12. August 1940. So wurde Hugo Haider an diesem Tag deportiert und mit großer Wahrscheinlichkeit in den nächsten zwei oder drei Tagen in Grafeneck ermordet – im Alter von 13 Jahren.

Information: Der Gottesdienst im St. Josefshaus in Herten, der im Zeichen des Gedenkens an die Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie steht, beginnt am Sonntag, 5. Februar, um 10.30 Uhr.

Autor: Frank Schoch