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04. Mai 2009
Die den Verfall erträglich machen
"Hiss", die Herren der gepflegten Polka, verwandeln das Lörracher Nellie erneut in ein Tollhaus
Irgendwann im Laufe des Abends im Lörracher Nellie Nashorn meint Stefan Hiss, seine Stücke seien nur begrenzt jugendfrei, was aber, wenn er ins Publikum schaue, kein Problem darstelle. In der Tat ist ein Abend mit "Hiss" eine Versöhnung der Handharmonikavereinsadoleszenz mit den pubertären Träumen vom ewig jungen Rockstar und das Ganze gewürzt mit viel Blut und Tränen.
Da gehört schon eine gehörige Portion gelebtes Leben dazu, die Hisssche Wucht des Daseins auszuhalten. Üppig schöpfen sie aus Leidenschaften und Trieben, da wird der Traum vom ewigen Tramp unversehens zur Todessehnsucht. Viel Polka, viel Weltmusik und dazu ein Stefan Hiss, der seiner Topform immer näher kommt, je weiter der Abend fortschreitet. Eine feste Größe sind "Hiss" im Programm des Nellie Nashorn.
Die Tanzfläche ähnelt in ihrer Dichte einem Schulbus; nur kurz vor den Herren der gepflegten Polka ist es dem ein oder anderen überhaupt möglich sich tanzend zu bewegen. Dabei ist "Komm tanz" überhaupt der Anfang ihrer Karriere gewesen, die sie bis zum Preisträger bundesdeutscher Weltmusik werden ließen. Dass natürlich ihre Texte auch in ihrer barocken Fülle, in ihrer so gegen den Zeittrend gebürsteten Prosa durchaus den Nerv der Zeit treffen, ist ein Geheimnis ihres Erfolges.
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Noch heißt die Weltsituation zwar "Krise", doch passend dazu heißt das neueste Werk der Band aus dem Schwäbischen "Zeugen des Verfalls" – Verfall also allerorten und überall. Zum Glück gibt es "Hiss", die den Verfall erträglich machen, nicht nur weil Stefan Hiss so wortgewaltig durch die Wirren des Alltags führen kann. Sie laden zum Tanz auf dem Vulkan ein, gewohnt virtuos, gewohnt vielfältig und mitreißend. Da wird schon mal das Ende besungen, das – wie könnte es bei Hiss anders sein – nur tanzend gewünscht wird. Nicht nur der "Tanz an meinem Grab" ist etwas schwarzhumorig ausgefallen. Diese Mischung aus Polka und Cha-cha-cha, aus Weltschmerz und Euphorie, diese aberwitzige Melange aus Cowboyromantik und osteuropäischem Witz sind die Erfolgsgaranten der Band. "Hiss" springt musikalisch über den Globus, ohne ihr Eigenes zu vergessen.
Eben jene oben erwähnte Synthese aus dörflicher musikalischer Früherziehung und dem Geist der Sechziger und Siebziger, aus dem die Band entstammt. Da stimmt Stefan Hiss ein folkloristisches Stück an, vielleicht etwas temporeicher, etwas gewagter, aber doch traditionell. Und dann steigt Michael Roth mit einer seiner Mundharmonikas ein; plötzlich herrscht der Blues; Thomas Grollmus an der Gitarre macht mit; die beiden verlassen das folkloristische Thema des Stücks oder besser ergänzen es. Überhaupt Michael Roth – stets holt er sich selbst mit seiner Mundharmonika aus dem Schatten des dominierenden Bandleaders heraus. Der Applaus ist ihm sicher. Und der ganzen Band, die erneut das Nellie Nashorn in ein Tollhaus verwandelt hat – zumindest für Lörracher Verhältnisse.
Autor: Martina David-Wenk
