Mit verführerischer Trompete

Alexander Ochs

Von Alexander Ochs

Sa, 05. März 2011

Rock & Pop

Viertel vor vier vor Gree oder Jazz vor progressivem Rock. : Die Combo siegt beim Bandwettbewerb "Rampe" im Freiburger Jazzhaus.

Musikinteressierte Fasnachtsmuffel finden am Schmutzigen Dunschdig traditionell Unterschlupf im Freiburger Jazzhaus. Für fünf Bands geht es beim Bandwettbwerb "Rampe" neben Geld, Ruhm und Ehre um die Kür zur ZMF-Tourband 2011 sowie – das ist neu – ein Showcase bei der Kulturbörse 2012. Außer den vier Jurymitgliedern hat auch das Publikum eine Stimme: Jeder Zuschauer darf drei Jetons in Sektkübel werfen und so für seine Band(s) abstimmen. Die Menge favorisiert am Ende "Viertel vor vier", eine junge Freiburger Jazzcombo, dicht gefolgt von der Rockformation Gree aus Lahr. Doch was wird die Jury sagen?

Als erfrischendes Halbdutzend entpuppen sich The Squires, bei denen besonders Sänger Elias Baumgartner heraussticht. Auf dem Bassfragment des Rap-Klassikers "Rapper’s Delight" aufbauend, servieren die Freiburger den Queen-Kracher "Another one bites the dust" und erweisen darin sogar noch Suzanne Vega Reverenz. Ein Leckerbissen für Musikliebhaber. Es folgen eine Jazzpopnummer und ein Discobeat mit mörderischem Rockriff. Vor allem die groovigen Nummern stehen The Squires gut zu Gesicht.

"Wir sind eine

Schlagerkapelle."

Viertel vor vier sind vier schmächtige Kerlchen, die aussehen wie frischgebackene Abiturienten. In ihrem rein instrumentalen Set liefert das Saxofon eine warme Klangfarbe, die Trompete gesellt sich verführerisch hinzu. Und obwohl die Jungs ohne Bass auskommen, haben sie eine Rhythmussektion zu bieten: Drummer und Gitarrist verschmelzen phasenweise zu einer Einheit, indem Yannik Sandhofer beide Saiteninstrumente in einem spielt – auf seiner Gitarre. Jazz oder Soulpop mit Bläserappeal, der durch den Kopf ins Blut geht und beim Publikum gut ankommt. Musikalisch und technisch gut, einer der Favoriten auf den Sieg.

Endlich – so nennen sich vier Herren mit Kurzhaarfrisuren und Geheimratsecken. Sie nölen und grölen pathosschwangere, schwer verständliche deutsche Texte à la "Ich werde trotzdem weiter leiden/ Auch wenn ich meine Tränen vergeude." Man nehme die Böhsen Onkelz, Die Ärzte und Campino, senke das Niveau – und herauskommt: Endlich. Nach der feinen Instrumentalcombo klingt das disparat, grobschlächtig und anstrengend. Heimat-Country-Trash-Geschreddel, bei dem man sich fragt: Ist das Ernst oder Ironie? Endlich. Vorbei.

Name verpflichtet: Als einzige Band haben Herr und Frau Pilsschorle eine Dame an Bord, auch wenn diese mit ihrem Saxofon nicht so oft zum Zuge kommt. "Wir sind eine Schlagerkapelle", witzelt der singende Lockenschopf im Karohemd, und flutet das Gewölbe mit fluffigem, entspanntem Poprock zu deutschen Texten. So was kommt an und erzeugt Ahs und Ohs. Nett, liebenswert und fehlerfrei – streichzart wie Philadelphia; eine Band, die 2009 bei der Rampe als ZMF-Tourband hervorging.

Vollkommen aus dem Rahmen fallen Gree. Sie sind so laut wie alle vier Vorgängerbands zusammen und spielen alternativ-progressiven Rock aus einem anderen Orbit. Zeit- und raumentrückt weben die vier Vollblutmusiker einen atmosphärisch dichten Klangteppich, zum Teil mit dem Loop-Pedal geschichtet und durch fette Effektbretter gejagt. Gekonnt und souverän streuen sie Hardrock- und Heavy-Metal-Elemente sowie Laut-Leise-Wechsel à la Mogwai ein. Nach zehn (!) Minuten intensivem Instrumentalrock erhebt Stefan Miehle seine Stimme: einfühlsam, überraschend hoch – ein toller Kontrast. Ihr erster Song dauert 15 Minuten! Mitreißend und fesselnd wuchten die vier ihre Idee von Musik in beeindruckender Präzision und Perfektion auf die Bretter, die – den Sieg bedeuten? Nein, Gree landen auf dem zweiten Platz und Dritter wird die Combo Herr und Frau Pilsschorle. Sieger wird am Ende das Jazzquartett, da gehen Jury und Publikum konform: Viertel vor vier gewinnt.