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13. April 2012

Interview

"Auch": Was sagen die Ärzte über ihr neues Album?

Eine aufwendig gestaltete CD-Verpackung und 16 Songs über Tamagotchis, Männer und Frauen, Bettmagneten und lächerliche Posen. Die Ärzte sind wieder da.

  1. Rodrigo González, Farin Urlaub und Bela B. sind Die Ärzte Foto: Jörg Steinmetz

Mit ihrem neuen Album "auch" wird die Berliner Band einmal mehr den Unterhaltungsbedarf all jener tilgen, denen der Konformismus des modernen Popbetriebs nicht mehr zusagt. Michael Loesl sprach mit Farin Urlaub und Bela B. über Originalität, Respekt vor Sympathisanten und bescheuerte Ideen.

BZ: Nach vier Jahren Funkstille ist ein neues Ärzte-Album keine Pflichterfüllung, sondern Lusterfüllung, wie es scheint. Beschnuppern Sie sich erstmal gegenseitig, bevor Sie ein neues Album planen?
Farin Urlaub: Ja, natürlich. Die erste Frage ist nie, ob wir ein neues Album machen. Am Anfang stehen immer provokante Thesen wie die Frage, ob wir das jetzt wirklich wollen, Die Ärzte sein. Wenn das geklärt ist, dann kann man weitergehen. Meistens hat dann einer von uns Ideen, die so bescheuert sind, dass wir sie umsetzen. Solange so was noch passiert, mache ich mir um die Band keine Sorgen.
BZ: Wie weit darf Originalität bei einer sehr erfolgreichen Rockband wie den Ärzten gehen?
Urlaub: Die Welt ist mittlerweile so dermaßen durchkommerzialisiert, und der Gedanke daran, was man für sein Geld bekommt, ist so wichtig für alle geworden. Weil es natürlich auch immer schwieriger wird, Geld zu verdienen und Geld zu haben, und genug Geld zu haben für das, was man gerne hätte. Und unsere Konsumgesellschaft suggeriert einem ja auch, dass man dieses braucht und jenes braucht...

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BZ: ... das neue Ärzte-Album, beispielsweise.
Urlaub: Unbedingt sogar! Weil, das ist das beste Album, das je aufgenommen wurde. Nein, im Ernst: Wenn einem klar wird, dass Leute ihr Geld für eine Konzertkarte ausgeben, bevor sie auch nur einen Ton der neuen Platte zu hören bekamen, wird man ein bisschen weniger originell. Das muss ich einfach so sagen. Also, wir versuchen die Originalität so unterzubringen, dass wir die Leute nicht enttäuschen. Oder jedenfalls nicht massiv enttäuschen. Mal ein Lied, zu dem sie sagen, dass es sie völlig überfordert hat, ist okay. Aber ein ganzes Album? Würde ich nicht mehr machen. Da geht dann natürlich bei mir ein bisschen Unschuld und eben auch Originalität verloren, aber man verarscht die Leute nicht.
BZ: Es ist schwer vorstellbar, dass sich ein Ärzte-Fan je von seiner Lieblingsband verarscht fühlte.
Urlaub: Ein glühender Fan von uns würde sich freuen, wenn wir auf einem Konzert nur B-Seiten spielen würden. Ein Die-Ärzte-Sympathisant, der ein paar unserer Platten besitzt und das Radio laut stellt, wenn wir laufen, würde aber enttäuscht nach Hause gehen, weil er kein einziges Stück kannte und nicht feiern konnte. Ein bisschen so verhält es sich mit der Originalität auf Platten. Es wäre schlimm, wenn wir nicht originell wären. Es wäre tödlich, wenn wir nur noch originell wären.
BZ: Dennoch zeichnen sich Die Ärzte nicht zuletzt durch ihre Unberechenbarkeit aus. Man weiß nie, was einen auf einem neuen Album erwartet. Außer Qualität.
Bela B.: Wir haben uns eigentlich mit allen Die-Ärzte-Platten, aber ganz speziell mit der "Bestie in Menschengestalt" so viel Freiraum geschaffen, dass man an ein neues Album von uns keine speziellen Erwartungen haben kann. Die "Bestie in Menschengestalt" ist ein Konglomerat aus unterschiedlichen Stilen und vielen Humor- und Textebenen. Diese Vielfalt ist jetzt auf "auch" wieder da. Und gleichzeitig rockt es wie Sau. Ich finde diese neue Platte typischer für Die Ärzte.
BZ: Jeder der drei Ärzte hat diesmal fünf Songs zum neuen Album beigesteuert, was es in der Form bisher nicht gab. Wie kam es zur der Ausgewogenheit in der Auswahl?
Bela B.: Wir versuchen uns natürlich gegenseitig von unseren Songs zu überzeugen. Es gab noch nie so viele Songs für ein Die-Ärzte-Album. Das war fast ein bisschen negativ, weil wir plötzlich so aus 43 Songs eine Auswahl treffen mussten fürs Album. Also haben wir jeden zweiten Tag drei Songs ausgesucht, von jedem einen. Deshalb kommt diese Aufteilung zustande, von jedem Bandmitglied einen Song. 16 Songs sind auf der Platte, weil um einen sehr gekämpft wurde.
BZ: Sie schaffen es also nach wie vor, sich gegenseitig mit Songideen zu überraschen?
Urlaub: "Hast du nichts Besseres zu tun, als die Die Ärzte zu hören" – ich bin auf die Knie gegangen als Bela uns das Lied mit dieser Zeile vorspielte. Eine Band, die sich selbst infrage stellt? Cool, in dieser Band möchte ich gerne spielen. Und für mich ist die große Offenbarung des Albums Rod, der plötzlich sein Coming Out als Textautor hat. Mein Lieblingslied des Albums ist sein "Sohn der Leere".
BZ: Und wie ist "auch", der Titel des Albums zu verstehen?
Bela B.: Die Idee kam mir, als ich ein paar Slogans auf Plakaten von neuen Bands gesehen habe. Dabei fiel mir auf, dass wir das, womit die für sich warben, auch sind. "Auch" kam mit auf eine Liste von vielen Titelvorschlägen und blieb am Ende übrig. Ich finde, der passt ganz gut. Aber der Titel ist natürlich auch eine Interpretationsfrage. Wir sind da, wir sind eigentlich alles auch – Teil des großen Ganzen.

– CD: Die Ärzte: auch (Hot Action/Universal). Konzerte: Die kommende Tour mit Auftritten in Mannheim, Stuttgart und Zürich ist bis auf Restkarten ausverkauft. Info: http://www.bademeister.com Die Ärzte treten auch beim Southside Festival in Neuhausen ob Eck, vom 22. bis 24. Juni, auf.

Autor: mloe