Debüt

Faber, der spannendste Popmusiker der Schweiz

Steffen Rüth

Von Steffen Rüth

Sa, 15. Juli 2017

Rock & Pop

Julian Pollina ist 24, der Sohn von Pippo Pollina und hat gerade unter dem Künstlernamen Faber sein fulminantes Debütalbum "Sei ein Faber im Wind" veröffentlich.

Termin mit Faber im Biergarten des Luzerner Musikclubs "Südpol". Man erwartet einen Lebemann. Mindestens. "Ich rauch’ und ich sauf’" singt Faber, eines seiner Lieder trägt den schönen Titel "Brüstebeinearschgesicht", und direkt als ersten Satz seines Debütalbums "Sei ein Faber im Wind" singt er: "Es ist so schön, dass es mich gibt." Die Pressefotos, auf denen Faber im geblümten Bademantel vor dampfendem Pool steht, tun ihr Übriges zu diesem Vorabeindruck. Und dann kommt er, trinkt brav Wasser, ist kleiner, zarter und noch wuschelhaariger als erwartet und sagt: "Eigentlich bin ich ein prüder Hund." Immerhin, rauchen tut er auch im realen Leben.

Faber, bürgerlich Julian Pollina, kichert wie ein Schuljunge. "Ironie ist eine schwierige Sache. Ich will nicht sagen, dass Faber eine Kunstfigur ist, das bin schon zu hundert Prozent ich. Aber ich bin nicht zu 100 Prozent Faber." Ein Künstlername habe trotzdem hergemusst, nachdem er 2013 auf einer Party in ihrem Haus in Zürich die Singer/Songwriterin Sophie Hunger kennenlernte und sogleich Konzerte in Hungers Vorprogramm absolvierte. Warum Faber? "Ich brauchte einfach einen Namen. Erst später habe ich mir Geschichten dazu ausgedacht, ,Homo Faber’ von Max Frisch und so weiter, aber in Wirklichkeit habe ich den Roman nicht einmal gelesen."

Julian ist 24 Jahre alt und der Sohn des sizilianischen Liedermachers Pippo Pollina. Als Kind verbrachte er ein Jahr auf Sizilien, doch er ist Schweizer durch und durch und lebt in Zürich. Faber hat sich gar nicht erst damit aufgehalten, nach der Schule etwas anderes zu lernen. Er war gleich Musiker und konnte direkt davon leben. "Wir haben auf brutal vielen Hochzeiten und Festen gespielt, das war ein richtig gutes Geschäft. Viele Indiemusiker sind sich zu schade, sich so in diesem Unterhaltungssegment zu engagieren, es gibt eine Riesennachfrage." Faber spielte natürlich noch keine Faber-Songs, sondern italienische Klassiker, Stimmungsmusik von Umberto Tozzi, Adriano Celentano, Eros Ramazzotti. "Ich war ehrgeizig und verfolgte meine Musik von Beginn an sehr zielstrebig. Für mich stand nie in Frage, dass das jetzt mein Beruf ist."

Faber, der konsequent auf Hochdeutsch singt, "weil das meine Sprache ist", macht seine Sache tatsächlich sehr gut. Die tiefe Stimme beeindruckt. "Ich kam ziemlich früh in den Stimmbruch und fand das cool. Dafür wächst mir bis heute kein gescheiter Bart." Einige Referenzen liegen gesanglich auf der Hand, Sven Regener von Element Of Crime, auch Henning May von AnnenMayKantereit, die übrigens beim selben Management sind wie Faber. Er selbst hat seinen Stil mal "Akustikpunk für Mädchen" genannt, was "nur als Witz gemeint war, aber jetzt lese ich es in jedem Artikel über mich und kann gut damit leben". Faber denkt, dass sein Stil mehr Punk als Singer/Songwriter sei, "aber trotzdem bin ich natürlich näher an Leonard Cohen als an den Ramones".

Manchmal ist es, wie gesagt, verwirrend mit ihm. Was einer der Gründe sein mag, weshalb ihn die Medien so lieben. Alle schreiben über Faber, seinen Gesang und seine Songs zwischen Folk, Rock, Indie, Chanson, die sich eindeutiger Zuordnung gewieft entziehen. Und natürlich über seine Texte. Zwischen Humor, Abgründigkeit, einer latenten Verzweiflung an sich selbst und seiner Generation, gewissem Chauvinismus, ein wenig Politik ("In Paris brennen Autos") und doppelten bis dreifachen Böden fährt er alles auf. Ein pralles Füllhorn von einem Album, dieses "Sei ein Faber im Wind". "Ich empfinde meine Musik nicht unbedingt als altmodisch", sagt Julian, "aber sie folgt keinem Trend und nix. Es ist ein Vorteil unserer Zeit, dass sich die Stile so vermischen dürfen, ohne, dass es jemand seltsam findet". Er selbst mag Lana del Rey und Kanye West am liebsten, also "Supermainstreamprodukte, die trotzdem geil sind".

Und spätestens im Titellied "Sei ein Faber im Wind" hat Pollina auch die Aufmerksamkeit der Menschen, die seine Musik ansonsten eher kalt lässt. "Einer von uns beiden war ein Arschloch …und das warst du" sowie, ganz besonders, "Warum du Nutte träumst du nicht von mir?", sind drastische Zeilen, die sich ein Seemann auf den Unterarm tätowieren könnte und die natürlich auch anecken (sollen). Auch wenn Faber die Aufregung nicht teilt. "Das lyrische Ich hat ein Problem mit seiner lyrischen Geliebten. Ich sehe nicht ein, warum man das Fluchen in der Popmusik den Rappern überlassen soll. Auch ein Leonard Cohen oder ein Bob Dylan haben in ihren Songs vieles gesagt, was nicht konform oder hübsch war. Das ist denen doch egal. Das ist eben Kunst."

Faber: Sei ein Faber im Wind (Vertigo). Live: Di, 10. Okt., Freiburg, Jazzhaus, 20 Uhr; Fr, 8. Dez., Basel, Kaserne, 20 Uhr.