Nachruf

Polo Hofer: Pionier des Schweizer Mundartrock

Peter Disch

Von Peter Disch

Mi, 26. Juli 2017

Rock & Pop

Wegbereiter, echter Typ und Nationalheiligtum: Polo Hofer ist im Alter von 72 Jahren gestorben – ein Nachruf.

Polo Hofers letzte Worte, jedenfalls die, die an die Öffentlichkeit gerichtet waren, sie waren seiner würdig: "Am Samschtig, 22. Juli, churz vor Mitternacht, het mys letschte Stündli gschlage und i bi zfriede deheime ygschlafe", ließ der Berner Musiker am Montag ausrichten. Geradeaus, unsentimental, mit trockenem Humor. So wie es schon immer seine Art war.

72 Jahre alt ist Hofer geworden. Ein Denkmal wurde ihm noch zu Lebzeiten gesetzt. Im Mai am Thunersee. Eine Statue aus Weißtanne. Hofer mit hochgekrempelten Ärmeln, das Mikro in der Hand. Er selbst saß da bereits im Rollstuhl. Schmal geworden nach der Chemo, die den Lungenkrebs bekämpfen sollte. Der einzige andere Rockmusiker, dem diese Ehre in der Schweiz bisher zuteil wurde, dürfte Freddie Mercury sein, der in Montreux auf den Genfer See schaut. Musikalisch verband Hofer nicht viel mit Queens Sänger. Ihn brachte eher Udo Lindenberg dazu, zu singen und zwar in seiner Muttersprache, dem Bernerdeutsch. Was er mit Uns Udo teilt: Wie er gilt er als Pionier, als echter Typ, nationales Heiligentum – obwohl der bekennende Kiffer und Spiegelvorhalter vieles war, nur nicht ein Botschafter eidgenössischer Tugenden. Das hinderte den Schweizer Kulturminister Alain Berset nicht daran, Hofer dafür zu würdigen, dass er "wie kein anderer vor ihm die Mundart und die Rockmusik zusammenführt" und gezeigt habe, "wie viel Kraft, wie viel Geist, wie viel Poesie in der Berner Mundart steckt".

Wohl gesprochen. Hofer hat Türen geöffnet. Züri West, Stiller Has, Patent Ochsner folgten in den 80ern und 90ern seinem Beispiel. Heute gilt: Egal, welches Genre des Pop, in jedem findet sich einer, der auf Schwyzerdütsch rappt oder singt und damit erfolgreich ist. Was Hofer vielen von ihnen voraus hatte: Er schaffte es, auch außerhalb einen Hit zu landen. Das war 1977. Die Band, in der er sang, hieß Rumpelstilz, der Song "Kiosk". Reggae mit Akkordeon, Jodler und einem Kompromiss: Damit das Publikum im großen Nachbarland das Schnorrerlied verstand, gab es eine hochdeutsche Version.

Auf Rumpelstilz folgte die Schmetterband. Hofer machte nun helvetisch-amerikanischen Rock. Mal war er der Springsteen des Oberlands, mal der Mark Knopfler vom Thunersee, mal der Schweizer Bob Dylan, dessen Lieder er im Herbst seiner Karriere aufnahm. Ein Schmetterbandsong hieß "Liebe Siech". Ein netter Kerl, wie sich das nur unzulänglich eindeutschen lässt, war Hofer nur manchmal. Gerne teilte er aus, spottete in "Hopp Schwiiz" über Banken und Spießer oder faltete in "Arschlo.ch" nach allen Regeln der Kunst rasende Autofahrer zusammen.

Die Eidgenossen, selbst die, die in kleinen Karos denken oder über die deutsche A5 brettern, liebten ihren Polo trotzdem. Sie wählten seine "Alperose" zum größten Hit aller Zeiten und ihn zum Schweizer des Jahres. Wahrscheinlich würden sie ihm auch ein Staatsbegräbnis angedeihen lassen. Aber da hat Hofer vorgesorgt. "Auf meinen Wunsch gibt es weder eine Aufbahrung noch eine Abdankung", schließt die selbst formulierte Todesanzeige. Wäre ja noch schöner, wenn einer wie er sich ganz am Ende den Willen anderer aufzwingen ließe.