Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
06. Juni 2011 00:38 Uhr
Konzerte in Mannheim
Roger Waters’ "The Wall": Spektakel, kein Schrecken
Roger Waters’ Welttour mit "The Wall" hat jetzt mit zwei Konzerten in Mannheim Deutschland erreicht. Ein Spektakel, eine Rockoper – und eine umjubelte Show.
Am Anfang stand die Mauer. Auf einem Blatt Papier. Er habe es noch irgendwo, erzählte Roger Waters dem Magazin Mojo: "eine Zeichnung einer Arena mit einer Mauer mittendurch". Die Band, stellte sich Waters vor, sollte dahinter spielen, abgeschottet vom Publikum davor. David Gilmour soll sein Veto eingelegt haben. So wurde die Idee abgeschwächt, wurde während der Show Stein für Stein aufgeschichtet, bis zur Pause ein konsterniertes Publikum vor einer riesigen weißen Wand saß: "The Wall". 1980/81 war das, in den Shows von Pink Floyd.
Einige Jahre zuvor hatte die britische Band, berühmt seit ihrem Album "Dark Side of the Moon" von 1973, im Olympiastadion von Montreal gespielt. Genervt von einem Publikum, das sich mehr mit sich selbst als mit der Band beschäftigte, hatte Bassist Waters einen Mann, der herumgrölte und über die Sicherheitsgitter kletterte, angespuckt. Zutiefst erschrocken über sein Verhalten, begann er über sich selbst und den Status des Rockstars nachzudenken. Die Skizze mit der Mauer war die erste Idee, der Songzyklus "The Wall" das Ergebnis. Von der Band vertont, erschien die Doppel-LP 1979 – und wurde zum gigantischen Erfolg.
Werbung
Die Show zum Album konnten Pink Floyd nur in vier Städten in den USA (Los Angeles und New York), Kontinentaleuropa (Dortmund) und Großbritannien (London) aufführen, zu groß war der Aufwand mit der Mauer. Mitte der 80er trennte Waters sich von Pink Floyd, nahm aber die Rechte an "The Wall" mit. 1990 führte er es in Berlin auf. Weitere zwei Jahrzehnte später ist er damit auf Reisen. Seine Welt-Tour mit "The Wall" erreichte jetzt mit zwei Konzerten in der Mannheimer SAP-Arena Deutschland. Alle acht Konzerte hier zu Lande wie die vier in Zürich sind ausverkauft.
Ein Spektakel, in dem eine gigantische Mauer hochgezogen wird, eine Rockoper, in der es um Entfremdung und Frustration geht, wird zur bejubelten Show – das ist der erste von einigen Widersprüchen, die "The Wall" seit seiner Entstehung in sich trägt. Die sich aber mit der Neuaufführung in Wohlfgefallen auflösen.
Vor der Show laufen Songs von John Lennon ("Mother"), Bob Dylan ("Masters of War") oder Billie Holiday ("Strange Fruit") in der Halle. Lieder über verlorene Eltern, Kriegstreiber und Rassisten. Es ist die Tradition, in der Waters sich sieht. Er kämpft für die gleiche gute Sache. Im Foyer der SAP-Arena steht neben dem Fanartikel-Stand ein Info-Stand von Amnesty International. Waters hat die Show, die sich früher um ihn selber drehte, um den Verlust seines Vaters, der im Zweiten Weltkrieg gefallen war, ausgeweitet zu einem Anti-Kriegs-Appell. "Ich bin um einiges erwachsener geworden", hat er Mojo zu Protokoll gegeben.
Im Sinne seiner neuen Botschaft ist die zur Pause vollständig errichtete Mauer keine abweisend blanke. Sondern eine Klagemauer, auf denen Bilder und Lebensläufe von Gefallenen aus verschiedenen Kriegen gezeigt werden. Zum Song "Vera" später sind es rührende Szenen, in denen Kriegsheimkehrer ihre Liebsten in die Arme schließen.
Der Singlehit, der damals den Erfolg von "The Wall" beflügelte, ist jetzt nicht mehr so wichtig: Jugendliche mit dem Spruch "Fear builds walls" auf den T-Shirts singen den Chor zu "Another Brick in the Wall Part 2". Aber eindrucksvoller sind die Flugzeuge, die zu "Empty Spaces" symbolische Bomben abwerfen: Kreuze, Halbmonde, US-Dollars, Davidsterne, Konzernlogos. Waters will allen religiösen, politischen und ökonomischen Imperialismus anklagen.
Gerald Scalfe, der Karikaturist, der seinerzeit das Cover von "The Wall" und die Trickfilme der Show zeichnete, ist wieder für die Optik verantwortlich. Seine kopulierenden Blumen sind da, die marschierenden Hämmer, der Richter mit dem Hintergesicht. Und auch die riesigen Gummifiguren: der autoritäre Lehrer mit den Leuchtaugen, die breitbrüstige Übermutter, die neu entworfene Ehefrau als männerfressende Gottesanbeterin. Alle, die dem armen Pink, Waters’ Alter Ego in der Show, so zu schaffen machen.
Pink Floyd standen in den 70ern für gigantische Shows, wurden als aussterbende Rock-Dinosaurier kritisiert. Dieser Widerspruch macht heute keinen Sinn mehr, so altmodisch wirkt "The Wall" in einer Zeit, in der das Stadionpublikum riesige LED-Wände gewöhnt ist. Es geht denn auch um gemeinsame Erinnerungen: Waters fragt das Publikum, ob jemand in Dortmund gewesen sei oder in Berlin. Es melden sich einige. Und dann singt der 66-jährige Waters mit dem 36-jährigen im Duett: vorne Waters live, hinten ein Mitschnitt der Shows von 1981.
Der Bassist und Sänger ist klar der Star. Noch ein verschwundener Widerspruch: Dass "The Wall" vor allem sein Projekt war, hatte die Pink-Floyd-Kollegen zu Mitmusikern degradiert. Heute besteht die Band aus Waters’ Angestellten. Die aber auch nicht so gut klingen. Vor allem der Gilmour-Ersatz – Sänger Robbie Wyckoff, die Gitarristen Snowy White und Dave Kilminster – kann das Original in Intonation und Klangfarben nicht vergessen machen. Und dass die drei Songs, die Gilmour zu "The Wall" beisteuerte, "Comfortly Numb" vor allem, besonders bejubelt werden, dürfte Waters schmerzen.
Aber bei "The Wall" geht es ja auch darum, wie Schmerz in Hass verwandelt wird. Waters schlüpft in die Rolle von Pink, der zum Faschistenführer wird, mit langem SS-Mantel. Einige Zuschauer machen doch tatsächlich seinen Gruß mit gekreuzten Armen nach. Die Selbstkritik Waters’ geht nicht ganz auf. Obwohl er sich redlich bemüht, auch diesen Widerspruch aufzulösen: Nach dem Mauerfall am Ende der Show stellen sich er und die Band in normalen Klamotten am Bühnenrand auf und spielen "Outside the Wall" als Unplugged-Ensemble. Seht her, wir sind nicht anders als ihr. Wäre es doch nur mit allen Mauern zwischen den Menschen so einfach.
Autor: Thomas Steiner
