Samstags wird der Bollerofen geheizt

Pia Grättinger

Von Pia Grättinger

Do, 21. Juni 2012

Freiamt

Aus der Geschichte der Reichenbacher Kirche, die am Wochenende ein seltenes Jubiläum feiert: 300 Jahre.

FREIAMT. Wunderschön und stolz steht die kleine Reichenbacher Kirche mitten in Freiamt auf einen Hügel, der Ort liegt teilweise der Kirche zu Füßen, aber auch hinter der Kirche stehen Häuser. Am Wochenende feiert die evangelische Kirchengemeinde Keppenbach-Reichenbach das 300-jährige Bestehen der Kirche.

Seit dem Weggang von Pfarrer Ewald Förschler im Jahre 2010 ist die Pfarramtsstelle Keppenbach/Reichenbach frei. Jedoch betreut die Freiämter Prädikantin der evangelischen Landeskirche Baden Dagmar Buderer als Laienpredigerin die evangelischen Gemeindemitglieder. Ihr zur Seite steht Pfarrerin Adelheid Binder aus Freiburg mit einem halben Deputat.

Es ist bekannt, dass die Reichenbacher Kirche viel älter sein muss als 300 Jahre. Die älteste Erwähnung geht auf das Jahr 1275 zurück. Für die Feier zum 300-Jährigen Bestehen der Kirche wurde das Jahr 1712 genommen. Damals stand die Kirche kurz vor dem Abriss, jedoch wurde sie mit viel Aufwand repariert, da sich die Bevölkerung dafür stark gemacht hatte. Jedes Kirchengemeindemitglied hat sich eingebracht, einige gaben Geld, wieder andere Holz aus ihrem Wald und Handwerker ihre Arbeitsleistung, jeder, was er hatte. Bei dieser Totalrenovierung wurde die Kirche um ein Viertel vergrößert: eine tolle Gemeinschaftsleistung, wie sie noch heute in Freiamt üblich ist. Die Jahreszahl 1712 ist noch über der Kirchentür zu sehen. 1714 wurde ein kleines Glöcklein in den Kirchturm gehängt. Erst 1760 wurde der Kirchturm erneuert und stabiler gebaut, so dass eine zweite große Glocke angeschafft wurde.

Die Reichenbacher Kirche sollte mehrfach abgerissen werden

In vielen alten Kirchenbüchern wird der schlimme Zustand der Reichenbacher Kirche erwähnt. Es wurde auch immer wieder darüber gesprochen, die Kirche abzureißen und neu aufzubauen, doch dazu kam es nie: Die Bevölkerung wollte dies nicht.

Der letzte große Umbau erfolgte1979. Das Gebälk wurde erneuert, Dach und Kirchturm neu gedeckt, denn es regnete in den Kirchenraum hinein. Im Turm wurde eine Sakristei mit eigenem Eingang eingerichtet. Im Kirchenschiff wurde der alte Taufstein von Ölfarbe befreit, das Wandkreuz restauriert. Es verschwand auch der Ofen in der Mitte der Kirche, es kam eine Bankheizung.

An diesen Ofen erinnern sich noch die Kirchendienerin Anna Huber und Gerda Mellert, die 45 Jahre lang Organistin in der Kirche war. Der Bollerofen musste schon immer am Samstag angeheizt werden, damit es am Sonntag ein wenig warm war in der Kirche. Das Ofenrohr zog sich durch die ganze Kirche und verdeckte den Pfarrer auf der Kanzel, außerdem war die Kirche oft verraucht, es klappte nicht mit dem Rauchabzug, erzählt Kirchendienerin Anna Huber, die 13 Jahre lang in der Kirche alles sauber hielt und für den Gottesdienst am Sonntag richtete. In der Bäckerei bestellte sie das Abendmahlbrot, schnitt es fein, füllte den Wein in den Kelch und stellte ihn am Altar bereit.

Gerda Mellert erinnert sich, dass sie trotz der Ofenheizung steife und kalte Finger beim Orgelspielen hatte. Das hatte ihr in den 1950er-Jahren der damalige Pfarrer Richard Elzer beigebracht. "Ich habe gerne die Orgel gespielt und es auch schnell gelernt, da ich schon Klavier spielte", so Mellert. Sie begleitete mit der Orgel Gottesdienste und Beerdigungen auch in der Keppenbacher Kirche. Allerdings konnte sie in den ersten Jahren nicht alleine spielen, sie benötigte immer jemanden, der den Blasebalg bewegte. 1967, bei der neuen Orgel, ging es dann elektrisch, erzählt die Organistin.

Die Kirchengemeinde hält auch heute noch fest zusammen

Beim Umbau 1979 wurde auch die Kanzel mit neuen Stufen versehen, ein neuer Altar auf einem Podest errichtet. Die Empore der Kirche kann seitdem als Gemeinderaum benutzt werden. Am 26. Oktober 1980 weihte Oberkirchenrat Karl Schäfer die Kirche wieder ein.

Heute hat die Kirchengemeinde Reichenbach/Keppenbach 700 Gemeindemitglieder, sie stehen eng zusammen, wenn es um ihre Kirchengemeinde geht. Deshalb soll das 300-jährige Bestehen groß gefeiert werden.