Titanic-Magazin

Satiriker erfindet Falschmeldung – und Medien übernehmen sie ungeprüft

Daniel Laufer

Von Daniel Laufer

Fr, 15. Juni 2018 um 16:41 Uhr

Computer & Medien

Das Bündnis zwischen CDU und CSU sei zerbrochen, vermeldeten Medien wie die Bild-Zeitung am Freitagmittag. Dabei sind sie auf einen Redakteur des Satire-Magazins Titanic hereingefallen. Die Geschichte einer Falschmeldung.

Für wenige Minuten schien das Bündnis zwischen CDU und CSU am Freitag zerbrochen. "Medienbericht: Seehofer kündigt Unionsbündnis mit CDU auf", meldete die Bild-Zeitung. Andere Medien taten es ihr gleich, sie verwiesen auf einen Bericht des Hessischen Rundfunks – den es allerdings gar nicht gab.

Die Bild-Zeitung brachte die Meldung, auch die Nachrichtenagentur Reuters tat das. Beim Fernsehsender Ntv war für einige Sekunden das rote Laufband einer entsprechenden Eilmeldung zu sehen.

Ein Redakteur des Satire-Magazins Titanic hatte sie alle genarrt. "Seehofer kündigt laut interner Bouffier-Mail Unionsbündnis mit CDU auf", twitterte Moritz Hürtgen um 11.56 Uhr an seine rund 7500 Follower. Auf diesen Zug sprangen andere auf.

"Alle waren nach der Zuspitzung zwischen Seehofer und Merkel sehr wild darauf, dass es zum Bruch der Union kommt."Moritz Hürtgen


Später erklärt Hürtgen, der Urheber der Falschmeldung, im Gespräch mit der Badischen Zeitung: "Alle waren nach der Zuspitzung zwischen Seehofer und Merkel sehr wild darauf, dass es zum Bruch der Union kommt. Darüber hat man gestern bei allen möglichen Medien viel gelesen. Da habe ich überlegt, wie man diese Meldung in Umlauf bringen könnte."

Hürtgen gab vor, der Hessische Rundfunk zu sein – mit Erfolg

Am Donnerstagabend, nach dem öffentlich ausgetragenen, heftigen Streit zwischen CDU und CSU in Berlin, begann Hürtgen damit, seine Satire-Meldung vorzubereiten. Mit seinem Twitter-Konto, das er seit vier Jahren nutzt, veröffentlichte er eine Reihe scheinbar echter Nachrichten, zu gestiegenen Grundstückspreisen im Taunus oder der Frankfurter Börse, und imitierte damit echte Journalisten.

Hürtgens Kürzel bei Twitter lautet "hrtgn" – eigentlich eine Abkürzung seines Nachnamens. "Ich dachte, das passt zum Hessischen Rundfunk", so der Satiriker. Also habe er seinen Namen bei Twitter geändert: zu "hr Tagesgeschehen". Sein Profilfoto ersetzte er für diesen Tweet mit dem Logo des Hessischen Rundfunks.

Als Titanic-Redakteur ist Hürtgens Account zudem "verifiziert": Neben seinem Namen prangt ein blauer Haken, mit der Twitter üblicherweise die Echtheit der Profile von bekannten Persönlichkeiten oder Journalisten bestätigt. Hürtgens Fake dürfte das zusätzliche Glaubwürdigkeit verliehen haben.

Nervosität an der Börse

Binnen Minuten zog sein Tweet Kreise. Als die Bild-Zeitung um 12.25 Uhr die Nutzer ihrer Smartphone-App per Eilmeldung über den vermeintlichen Bruch der Fraktionsgemeinschaft informierte, sackte kurzzeitig der Deutsche Aktienindex (Dax) ab. "Wir haben kein Interesse daran, etwas zu zerstören, sondern etwas zu zeigen – dass besser gearbeitet werden muss", sagt Hürtgen.

Bild hat die Nachricht mittlerweile gelöscht, in einem neuen Artikel verweist die Boulevardzeitung auf die Agentur Reuters, die ihre Nachricht ihrerseits wieder zurückgezogen habe.

Wer sich das Twitter-Konto näher anschaut, hätte skeptisch werden können: Mehr als 3000 Tweets hat Hürtgen verfasst, fast alle sind albern. Ein Sendeformat namens "hr Tagesgeschehen" existiert nicht, in der Kurzbiografie stand zudem eine Frankfurter Telefonnummer. Wer sie anruft, landet nicht beim Hessischen Rundfunk, sondern bei dem Titanic-Redakteur.

Wie konnte das passieren? Keine Antwort von Reuters und Bild

"Das sind Mechanismen, die nicht wir bei Titanic erfunden haben: Man muss sich fragen, warum von der Ansicht eines Tweets bis zu einer Meldung drei Sekunden vergehen können", sagt Hürtgen. Diese Frage hat die Badische Zeitung auch der Nachrichtenagentur Reuters gestellt. Alexander Ratz, Leiter der deutschsprachigen Dienste, verweist schriftlich auf die PR-Abteilung in London. "Wir prüfen, wie das passiert ist, und werden Schritte unternehmen, damit es nicht wieder passieren kann", teilt ein Sprecher schließlich mit.

Auch von Bild wollte die BZ wissen, wie es zur Verbreitung der Falschmeldung kommen konnte, hat bislang aber keine Antwort erhalten. "Die Bild ist sehr leicht reinzulegen", sagt Moritz Hürtgen. Im Februar hatte er der Boulevardzeitung als falscher Informant eine erfundene Geschichte untergejubelt, die diese ungeprüft auf ihrer Titelseite abdruckte. Damals ging es um eine angebliche Schmutzkampagne innerhalb der SPD. "Dass es mit einem Twitter-Account und einem Arbeitsaufwand von 30 Minuten aber möglich ist, noch viel mehr Redaktionen reinzulegen, hätten wir nicht gedacht."

Eine Sprecherin des Hessischen Rundfunks, auf den die Falschmeldung vermeintlich zurückgeht, teilt mit, man sehe das Ganze "relativ entspannt". "Das ist Satire, und zeigt, warum wir in Deutschland Qualitätsjournalismus brauchen", sagt Vanessa Zaher. Die Anstalt habe Hürtgen inzwischen gebeten, ihr Logo bei Twitter zu entfernen – damit sei die Sache erledigt.
Aktualisierung um 17.29 Uhr: Ein Mitarbeiter der PR-Abteilung von Reuters hat inzwischen auf die Anfrage der Badischen Zeitung reagiert. Wir haben seine Antwort in den Artikel eingefügt.