Schatz aus dem Sperrmüll

sam

Von sam

Fr, 09. Januar 2015

Bad Krozingen

BZ-INTERVIEW mit Helga Eberle, die ein Buch mit historischen Rezepten herausgebracht hat.

BAD KROZINGEN. Mit Backpulver geht jeder Kuchen auf. Früher, zu Zeiten des Konditors Julius Dirr, anno 1882, gab es solche Hilfsmittel noch nicht, weshalb stundenlang Eier schaumig gerührt werden mussten. Autorin Helga Eberle aus Bad Krozingen-Hausen, hat jetzt ein Buch mit historischen Rezepten von Julius Dirr herausgebracht. Susanne Müller sprach mit ihr über alte Rezepte, Backtriebmittel und die Sütterlin-Schrift.

BZ: Die Rezepte in Ihrem Buch sind alle in Sütterlin-Schrift verfasst. An welche Zielgruppe haben Sie dabei gedacht?
Eberle: Wir haben sie bewusst im Original belassen. Ich habe mit Stadtarchivar Jörg Martin gesprochen, der auch das Vorwort verfasst hat. Er meinte, das Werk hat auf diese Weise einen Wert für Liebhaber. Ich habe aber von Anfang an darüber nachgedacht, einen Teil davon übersetzen zu lassen, und ergänzend eine kleine Broschüre daraus zu machen.

BZ: Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie die Reihenfolge der Rezepte ausgewählt?
Eberle: Es ist eins zu eins nach dem Original gedruckt. Es war ja ein richtiges Büchlein sogar mit Hardcover. Julius Dirr hat das damals bestimmt beim Backen geschrieben, und nicht am Schreibtisch.

BZ: Haben Sie schon mal eines der Rezepte nachgebacken?
Eberle: Nein, früher, als meine drei Kinder noch klein waren, habe ich schon viel gebacken, heute sitze ich lieber am Computer oder lese. Ich könnte jedoch die Brottorte, im Buch auf Seite 2, und die Wiener Sachertorte, Seite 6, backen. Allerdings wurden für meine Lesung vergangenen Oktober im Litschgimuseum Rezepte nachgebacken, beispielsweise Linzerrauten und Marschalltörtle sowie Russische Schnitten, und die sind sehr gut angekommen bei den Gästen, ratzfatz waren sie weg.

BZ: Zu Julius Dirrs Zeit gab es noch kein Backpulver, stattdessen verwandte man Eier. Wie viele braucht es denn als Ersatz für ein Päckchen Backpulver?
Eberle: Es hängt von den Zutaten ab. Beim Rührkuchen müssen die Eier zusammen mit den anderen Zutaten für das Aufgehen des Teiges sorgen, weshalb Butter, Eier, Zucker und Mehl etwa den gleichen Gewichtsanteil haben sollten.

BZ: Wie sind Sie zu Julius Dirrs Rezeptbuch aus dem Jahr 1882 gekommen?
Eberle: Das war so: Meine Schwiegermutter, eine der drei Töchter von Julius Dirr, wohnte in der Grabenstraße. Nach ihrem Tod fragte man mich, ob ich mich im Haus umsehen möchte, bevor es ausgeräumt wird. Es gab auch noch Schränke mit alten Sachen im Keller und auf dem Dachboden. Ich bin mit meinem jüngsten Sohn hingefahren. Ein Haufen Sperrmüll lag schon im Hof. Da fand ich das Receptierbuch aus dem Jahr 1882. Ich dachte, das nehme ich als Andenken mit für meine Kinder. Allerdings habe ich immer wieder darin geblättert und mich damit hundert Jahre zurückversetzt. Später kam ich dann ans Schreiben, und nach meinem zweiten Buch "Feuerblumen in Arkansas", in dem Julius zum Konditor wird, kam der Ruf von den Lesern nach den Rezepten. So entstand die Idee, das Rezeptbuch neu aufzulegen.

BZ: Sie arbeiten schon an Buch Nummer Fünf, worum geht es?
Eberle: Um das spannende Leben meiner Oma. Ich habe es "Unter dem Münsterturm" überschrieben. Es beginnt in Mailand und geht dann weiter in Freiburg. Eine Mailänder Torte kommt auch drin vor. Bis es fertig ist, dauert es aber noch eine Weile. Erst habe ich noch einige Lesungen, am 18. Januar, um 11 Uhr im Café Artis in Heitersheim und am 22. Januar mit dem Kunstverein Art in der neuen Mediathek in Bad Krozingen. Danach habe ich am 15. April noch eine weitere Lesung in der Mediathek aus meinem Buch "Die Hosentaschenfrau", und dann mit meinem Buch "Feuerblumen in Arkansas".

Das Receptierbuch von Julius Dirr 1882 aus dem Redi-Roma-Verlag ist erhältlich im Buchhandel, 19,95 Euro. ISBN: 978-3-86870-646-8.