Lust aufs Wählen wie die Erwachsenen

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Mi, 27. September 2017

Schliengen

An der Schliengener Hebelschule konnten die Schülerinnen und Schüler der Klassen sieben bis zehn ihr Kreuzchen machen – hohe Wahlbeteiligung.

SCHLIENGEN. Der Schulgong kündigt eine Durchsage an. Die Stimme von Lehrerin Angelika Hahnenfeld verkündet, dass das Wahllokal um 9 Uhr öffnet. "Vor allem bin ich gespannt, wie hoch die Wahlbeteiligung ist", meint Andreas Schlageter, Schulleiter der Schliengener Hebelschule. Zwei Tage vor der Bundestagswahl lief hier die Juniorwahl, bei der die Schülerinnen und Schüler der Klassen sieben bis zehn unter "Echtzeitbedingungen" selbst ihre zwei Stimmen abgeben konnten.

Die Gemeinschaftsschule war eine von bundesweit 3300 Schulen, die sich in diesem Jahr an dem Projekt beteiligt hatten (siehe Infobox). Seit dem Start ins neue Schuljahr wurde das Thema Parteien und Wahl im Unterricht intensiv behandelt. Dabei hatten die Schülerinnen und Schüler auch neue Parteien "designt", wie die Partei "Gute Welt", die Kinderrechte und gute Ausbildung ins Programm aufgenommen hat. Schule erst ab 9 Uhr, Steigerung des Mindestlohnes, Mitbestimmung von Kindern in der Politik waren weitere "Wahlversprechen". Auch die "PVIJ" und die "Jugendpartei Deutschland" (JPD) setzten sich für einen Schultag ab neun Uhr ein. Die JPD versprach ihren Wählern darüber hinaus, dass Schüler für den Schulbesuch bezahlt werden. Für fast alle der fiktiven Parteien war Gerechtigkeit ein wichtiges Thema. Unter die Lupe genommen wurden in der Vorbereitungsphase aber auch die Wahlprogramme und die Kandidaten der zur Wahl stehenden Parteien. Eine interessante Feststellung hat Angelika Hahnemann gemacht: Das Wahlthema war auch Gesprächsstoff in den Pausen. Und Lehrerin Christina Aniol hat beobachtet, dass viele Kinder mit Migrationshintergrund Angela Merkel wählen würden, weil sie sich für Flüchtlinge einsetzt. "Für sie ist die Kanzlerin eine Heldin und die bekannteste Politikerin", sagte sie im Gespräch mit der BZ. Dass das Interesse an der Juniorwahl groß ist, habe man schon daran ablesen können, dass sich in der zehnten Klasse alle 21 Schülerinnen und Schüler als Wahlhelfer gemeldet hatten, sagt Christine Aniol. Sie habe mit fünf oder sechs Interessierten gerechnet. Damit alle etwas zu tun bekamen, wurden dann drei Wahlhelfer-Teams für die drei Zeitfenster des Wahlvormittags bestimmt.

Wählen wie die Großen
Im Wahllokal ist um 9 Uhr alles bereit: Das Wahlhelferteam ist auf den Plätzen am Tisch mit den Stimmzetteln und an der Wahlurne, die Wahlkabinen sind aufgestellt, und da kommen auch schon die ersten Wähler mit ihren Wahlscheinen. Im Nu hat sich eine lange Warteschlange gebildet, ein Anblick, der manche Kommunalpolitiker neidisch machen könnte. "Und nicht auf dem Wahlzettel herumschmieren", ermahnen die Wahlhelferinnen am Eingangstresen das Wahlvolk, wenn sie nach genauer Prüfung des Wahlscheins die Unterlagen aushändigen. Ein Junge hat seine Wahlbenachrichtigung vergessen oder verloren. Er will sie suchen gehen und bei der zweiten Tranche dann wiederkommen. Ein anderer hat vorsichtshalber auch den Personalausweis griffbereit. Den braucht er aber wahrscheinlich gar nicht. "Wenn der Wähler persönlich bekannt ist, kann man auf die Ausweiskontrolle verzichten", wissen die Wahlhelferinnen. Nachdem die Kreuzchen gemacht sind, geht es zur Urne. Dort stehen vier Zehntklässler und achten darauf, dass der Zettel richtig gefaltet ist und decken den Einwurfschlitz immer wieder mit einem Blatt Papier ab. Dann werden die Wählerinnen und Wähler mit "Einen schönen Tag noch" weltmännisch verabschiedet. Schulsprecherin Meike Wessel aus der 10b ist mit dem Verlauf der Wahlprozedur zufrieden. Sie beobachtet, ob sich alle richtig angestellt haben, achtet darauf, dass die Wahlkabine immer nur von einer Person benutzt wird.

Ein Junge hat aus Versehen den dort bereitliegenden Kuli mitgenommen, sonst lief alles wie geplant. "Ich finde die Juniorwahl ganz toll", sagt sie. "Wenn ich mit 18 unvorbereitet zum Wählen gehen müsste, wäre ich überfordert." Positiv für sie war, die Meinungen zu vergleichen und zu diskutieren. Auch dass man mal "einen auf Erwachsene machen" konnte, fand sie gut.

So ging die Wahl in Schliengen aus
Die CDU mit ihrem Kandidaten Armin Schuster holte 64 der Erststimmen und 49 der Zweitstimmen. Die SPD mit Jonas Hoffmann kam auf 30 Erststimmen und 24 Zweitstimmen. Die Grünen mit Gerhard Zickenheiner holten 24 Erststimmen und kamen bei den Zweitstimmen auf 39. Die FDP mit dem Bad Bellinger Nachbarbürgermeister Christoph Hoffmann erhielt 16 Erststimmen und fünf Zweitstimmen. Die AfD mit Wolfgang Fuhl kam auf zwölf bei den Erststimmen und auf 17 bei den Zweitstimmen. Die Linke mit David Trunz kam auf elf bei den Erststimmen und 16 bei den Zweitstimmen. Vier der Erststimmen und zwei der Zweitstimmen entfielen auf die Piraten mit Sabine Schumacher.

Zweitstimmen gab es außerdem für die NPD (2), die Tierschutzpartei (3), die Tierschutzallianz (1) und Die Partei (2). Nur sechs Stimmzettel waren ungültig. Die Wahlbeteiligung lag bei 82 Prozent: Von den 202 Wahlberechtigten waren 167 wählen gegangen.