Phänomen des Schluchseetorfs ( I)

Auf dem Schluchsee triften Torfinseln zur Staumauer

Friedbert Zapf

Von Friedbert Zapf

Mi, 08. März 2017 um 15:14 Uhr

Schluchsee

Bei starken Wasserschwankungen ist das Phänomen des Schluchseetorfs zu beobachten: Die Gebilde sind bis zu 15 Meter lang und stammen aus zwei Moorbereichen vor der Aufstauung.

Ende Januar hatte der Schluchseepegel mit 912 Metern über Meereshöhe, seinen Tiefststand erreicht. Seither steigt der Seespiegel wieder kontinuierlich und liegt bereits mehr als acht Meter höher. Und wie immer bei starken Wasserschwankungen, ist ein besonderes Phänomen zu beobachten: Aus dem Schluchsee steigen Torfinseln an die Wasseroberfläche auf und treiben in Richtung Staumauer.

Wie ist das Phänomen zu erklären, woher stammt der Torf?

Derzeit sieht man viele schwimmende Inseln auf dem See zwischen Aha und Seebrugg. Die Torfgebilde sind unterschiedlich groß, es handelt sich um einzelne Torfbrocken, meist aber um bootsähnliche, langgestreckte Torfkörper von fünf bis 15 Meter Länge und einigen Kubikmetern Masse. Die Spitze ist jeweils exakt Richtung Seebrugg ausgerichtet und dorthin triften die Torfinseln auch, getrieben von der Strömung und dem Westwind. Wie ist dieses Phänomen zu erklären, und vor allem, woher stammt der Torf ?

Hartnäckig hält sich in Schluchsee das Gerücht, man habe während des Krieges den See mit einer schwimmenden Torfschicht getarnt. So ist auch auf der Homepage einer Pension zu lesen: "Im Zweiten Weltkrieg wurde der Schluchsee zur Tarnung mit Torf abgedeckt, um die Staumauer vor einer Bombardierung zu schützen. Dieser Torf sank auf den Grund und bestimmt noch heute die Farbe des Wassers." Aber: Die Staumauer wäre so gewiss nicht vor dem Angriff alliierter Jagdbomber sicher gewesen. Die Tarnung erfolgte vielmehr mit großen Tarnnetzen und Nebelwerfern, der eigentliche Schutz mit Flak Geschützen und einem tiefgespannten Drahtseil als Sprengfalle. Sehr wahrscheinlich haben sich während der Kriegsjahre aber auch Torfinseln vor der Staumauer natürlicherweise angesammelt – nur hat sie niemand entfernt. Der Schluchseetorf wurde also nicht in den See gestreut, vielmehr stammt er von zwei Moorbereichen, die an den Urschluchsee vor dessen Aufstauung angrenzten (mehr darüber in Folge II).

Damals musste der Urschluchsee um 16 Meter abgesenkt werden

Zum ersten Mal wurde die Bevölkerung im Frühjahr 1930 mit den braun-schwarzen Massen des Schluchseetorfs konfrontiert – und zwar im Zusammenhang mit dem Bau der Staumauer und des Ein- und Auslaufbauwerks. Damals musste der 30 Meter tiefe Urschluchsee um 16 Meter abgesenkt werden. Das hatte atemberaubende Folgen: Mehr als 100 Meter Ufer brach ab, die dem See zufließenden Bäche erodierten sich rückwärts bis zu zehn Meter tief ein, mächtige Sand- und Torfbänder wurden freigelegt.

Erich Oberdorfer, ein Freiburger Botaniker, nutzte die Chance, die offen liegenden Torfwände zu untersuchen. Als er im Sommer 1930 in Schluchsee eintraf, war er zunächst entsetzt: "Die Schönheit und die einsame Weite des Schluchsees ist zerstört. Die Spirken und Fichten sind geholzt, über ihren Boden wird ein großer Stausee fluten, und eine unberührte Landschaft versinken lassen." Doch den Wissenschaftler tröstete die einmalige Gelegenheit, die nur noch kurz freiliegenden Seeufer zu erforschen: "Zum letzten Male hat der See dabei vielleicht einen Reiz und Zauber anderer Art auszuüben vermocht: In kilometerlangen Profilen, Erosionsschluchten und Abbrüchen bot sich ein überreiches Material zur Erkenntnis seiner Geschichte."

Der Schluchseetorf gab damals auch sensationelle Geheimnisse preis: Im Torf eingebettet war seit 1400 Jahren ein mehr als fünf Meter langer Einbaum aus Tannenholz, das erste Fischerboot. Und an der Einmündung des Fischbachs in den See fand Oberdorfer einen bearbeiteten Feuerstein im Torf, den Jäger der Mittleren Steinzeit verloren hatten.

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