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05. August 2011

Bäcker bewahrt Brauchtum

In seiner Zunft ist es die absolute Ausnahme: Bäckergeselle Simon Fritz geht auf die Walz.

  1. Hut ab! Der Wiesentäler Bäckergeselle geht auf die Walz, obwohl diese Tradition in seinem Berufsstand fast schon in Vergessenheit geraten ist. Die Montur für die Wanderschaft ist echte Maßarbeit. Foto: Privat

SCHOPFHEIM (BZ). Zimmerleute, Tischler, Dachdecker, Gerüstbauer oder Maurer tun es – und auch Simon Fritz. Der junge Mann aus dem Wiesental geht auf die Walz. Das besondere dabei: Er ist Bäckergeselle – in seinem Berufsstand aber ist es heutzutage unüblich geworden, auf die große dreijährige Handwerks-Wanderschaft zu gehen.

Früher war es ganz normal, dass sich auch Bäckergesellen auf die Wanderschaft begaben. Heute aber sieht man nur noch wenige Jung-Bäcker, die diesen Brauch pflegen. In ganz Deutschland sind momentan weniger als fünf Bäckergesellen auf der Walz, um das Geschick, das Wissen und die Technik dieses Handwerks von so vielen Lehrmeistern wie möglich kennen zu lernen. Zudem trifft man auf der Wanderschaft neue Menschen, Kollegen aus dem eigenen und Wandergesellen anderer Handwerke. Die Gesellenwanderschaft erweitert buchstäblich den Horizont und den Erfahrungsschatz. Allein der Wandergeselle und der Zufall entscheiden, wohin ihn seine Wanderschaft führt, denn es gibt keine zentrale Stelle, die die Walz plant oder Arbeitsplätze vermittelt.

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Kleidung ist spezielle Maßanfertigung für die Bedürfnisse einer langen Reise

Selbstverständlich erhält der Wandergeselle den üblichen Gesellenlohn und in der Regel bietet ihm der Meister Essen und eine Übernachtungsmöglichkeit – selbst wenn es manchmal nur eine Schlafmöglichkeit in einem Lagerraum ist. Doch nicht nur der Meister, auch andere Menschen unterstützen die Wandergesellen gerne mit einer Mahlzeit, einem warmen Bett oder einer Mitfahrgelegenheit. Und falls mal alle Stricke reißen, gibt es immer noch das Sternenhotel – Übernachten unter freiem Himmel.

Die Montur für die Walz gibt es allerdings nicht beim Laden um die Ecke. Simon Fritz ließ sich daher jedes einzelne Kleidungsstück individuell und nach seinen Bedürfnissen nach Maß vom Berufskleidungsgeschäft Adelbrecht in Schopfheim anfertigen. Geschäftsführerin Thea Adelbrecht und ihr Team entwarfen dem Bäckergesellen eine ganz besondere Zunftkleidung, die den Anforderungen einer langen Reise gerecht werden soll: Bäckerspezifischer Stoff mit extra Lederpaspelierungen, Keileinsätze aus Mai-Stoff, wasserabweisende Schultereinsätze, Perlmutknöpfe an den Stauden, oder auch die vielen Taschenlösungen, die den Maßen von EC-Karten, Kameras und Ausweisen millimetergenau entsprechen. Am Dienstag wurde Simon Fritz von der Familie, Verwandten und Bekannten, Freunden und Zunft-Angehörigen mit einer "Los-Geh-Party" verabschiedet. Seine Heimat ist ab diesem Tag gerechnet für ihn für drei Jahre und einen Tag bis auf 50 Kilometer tabu.

Autor: bz