"Bibliothek sollte ein angenehmer Ort sein"

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mi, 09. August 2017

Schopfheim

BZ-INTERVIEW mit Bibliotheksleiter Kurt Menter, der am 31. August nach fast 32 Jahren in den Ruhestand geht / Schopfheimer Einrichtung von Beginn an aufgebaut.

SCHOPFHEIM. Der "Herr der Bücher" geht in den Ruhestand: Fast 32 Jahre lang hat Kurt Menter die Stadtbibliothek Schopfheim geleitet. Am 31. August ist sein letzter Arbeitstag. Im August wird er noch mit seiner Nachfolgerin Katja Benkler zusammenarbeiten. Roswitha Frey sprach mit dem 65-Jährigen über die Anfänge und die Entwicklung der Bibliothek und das veränderte Leseverhalten.

BZ: Herr Menter, schätzen Sie mal, wieviele Bücher Sie in Ihrer Zeit als Bibliotheksleiter gelesen haben?

Menter: Oh! Ich würde auch viel lesen, wenn ich nicht Bibliothekar geworden wäre. Das Vorurteil, dass ein Bibliothekar alle Bücher gelesen haben muss, die er bestellt, stimmt so nicht. Das wäre ja so, als würde man einen Apotheker fragen, ob er alle Medikamente probiert hat... Wobei es aber natürlich eine gute Voraussetzung für einen Bibliothekar ist, wenn er gerne liest. Wenn es das Zeitbudget erlaubt, lese ich an Wochenenden, in den Ferien, abends im Bett. Ich führe schon seit 1985 ein Lesetagebuch. Da schreibe ich den Autor und den Titel rein und wann ich das Buch gelesen habe. Pro Jahr komme ich auf 70 bis 80 Bücher, das macht in 32 Jahren hochgerechnet 2500 Bücher.

BZ: Welches Buch liegt aktuell auf Ihrem Schreibtisch?

Menter: Das ist ein Krimi, der auf Amrum spielt, "Endstation Nordsee" von Ilka Dick. Als ich gerade auf der Hallig Hooge war, habe ich den Krimi dabei gehabt und "Frohburg" von Guntram Vesper fertig gelesen, 1002 Seiten.

BZ: Was ist für Sie die Hauptaufgabe eines Bibliotheksleiters?

Menter: In einer öffentlichen Bibliothek steht nicht die schöne Literatur im Mittelpunkt, sondern das Sachbuch. Die Aufgabe einer Bibliothek ist es, freien Zugang zu Informationen zu verschaffen, das sind im Wesentlichen Bücher, aber auch andere Medien. 1985, als ich angefangen habe, war die CD-ROM noch nicht auf der Tagesordnung, auch EDV und Internet sind erst im Laufe der Zeit dazugekommen. Eine Bibliothek soll in einer Kommune ein freundlicher Treffpunkt sein, eine zentrale Anlaufstelle für alle diejenigen, die Informationen suchen. Das kann für schulische Bildung oder Fortbildung sein, auch für die eigene Sinnstiftung in Richtung Ratgeber. Kinder- und Jugendbücher und die Sachbuchliteratur hatten immer einen deutlichen Anteil am gesamten Bestand. So habe ich dieses Konzept Bibliothek immer verstanden und weiter entwickelt.

BZ:Wie war die Situation, als Sie hier angefangen haben?

Menter: Die Büchereien nach 1945 waren immer Zimmerlösungen. Mitarbeiter waren ehrenamtlich angestellt, die Räumlichkeiten beengt, geringe Etats, veralteter Bestand, geringe Öffnungszeiten. Das war auch in Schopfheim so. In meinen Anfangsjahren war die Stadtbibliothek noch im Pfluggebäude in einem Raum untergebracht, sehr beengt. Über uns war das Jugendzentrum, gegenüber die Altenbegegnungsstätte, es gab nur drei Öffnungstage in der Woche. Deshalb war es ein Glücksfall, dass durch die Pflugbebauung die Bibliothek raus musste und eine neue Lösung gefunden wurde. Ein weiterer Glücksfall war, dass das Parkdeck bei der neu gebauten Stadthalle überbaut werden konnte.

BZ: Wie ging es nach dem Umzug in die neuen Räume weiter?

Menter: Die Schopfheimer Stadtbibliothek war damals die Erste im Landkreis Lörrach, die dem Bibliotheks-Standard und der Norm entsprochen hat. Es wurde eine hauptamtliche Stelle eingerichtet, die bisher ehrenamtlichen Mitarbeiter wurden Halbtagsangestellte. Die neue Bibliothek sollte ein Ort werden, in dem man sich gerne aufhält. Deshalb wurden Leseecken eingerichtet, Bereiche, in denen man länger verweilen kann. Wir haben großzügige Öffnungszeiten, 34 Stunden in der Woche, und zwar an sechs Tagen. Das Konzept offener Raum, Transparenz, Durchschaubarkeit gilt auch für das Büro. Und zwar in beiden Richtungen: Ich bekomme alles mit und umgekehrt bekommen die Leute mit, was ich im Büro mache. So ist im Laufe der 32 Jahre ein direkter Kontakt entstanden.

BZ: Waren Sie einbezogen in die Raumplanung?

Menter: Die Außengröße war ja vorgegeben durch das Parkdeck. Zusammen mit dem Leiter der Fachstelle habe ich das Raumkonzept erstellt, auf dem Millimeterpapier: der Eingangsbereich, der Zeitungsbereich, die Regale, der Kinder- und Jugendbereich, der Erwachsenenbereich, die Stufenlandschaft mit Sitzkissen für Kinder, viel Holz, Ballonlampen, die Sofaecke. Das Ganze sollte überschaubar und einladend wirken, auch etwas wohnlich, und die Bibliothek zu einem angenehmen Ort machen.



BZ: Wie groß war der Bestand zu Ihren Anfangszeiten, und wie groß ist er heute?

Menter: 1985, als wir noch im Pfluggebäude waren, hatten wir einen Bestand von 12 000 Büchern und insgesamt 27 000 Ausleihen. Als wir 1988 neu eröffnet haben, lag der Bestand bei 20 000 Medien, heute sind wir bei 53 000 Medien. Bei den Ausleihen hatten wir im Jahr 2009 einen Spitzenwert von 200 000, danach ging es etwas zurück, 2016 waren es 160 000 Ausleihen.

BZ: Wie hat sich das Leseverhalten der Besucher in diesem langen Zeitraum verändert?

Menter: Ich habe festgestellt, dass mittlerweile drei Generationen die Bibliothek aufsuchen. Da sind zum einen die Eltern, die zu meiner Anfangszeit mit ihren kleinen Kindern gekommen sind. Diese haben nun als Erwachsene selbst Kinder, die sie in die Bibliothek mitbringen. So kommen im Idealfall drei Generationen hier zusammen. Die Eltern haben natürlich auch eine Vorbildfunktion, um die Kinder zum Lesen zu bewegen. Mit den aufkommenden digitalen Medien hat dieser Bereich leider abgenommen. Computer, Fernsehen, das frisst die Zeit auf. Das Buch als Freizeitaktivität ist zwar nicht bei den Älteren und auch nicht bei denen mittleren Alters, aber bei den Jüngeren etwas zurückgerutscht.

BZ: Und das macht sich in den Besucherzahlen bemerkbar?

Menter: Seit sich das Internet durchgesetzt hat, habe ich den Rückgang im Kernbereich, also bei den Sachmedien, ganz deutlich gemerkt. Da gab es vom Beginn des Jahrtausends bis jetzt einen Rückgang von 60 Prozent, das ist gravierend. In anderen Bereichen ist es nicht so gravierend.

"Die Aufgabe einer Bibliothek ist es, freien Zugang zu

Informationen zu

verschaffen"

Kurt Menter, Bibliotheksleiter
BZ: Nach welchen Kriterien suchen Sie die Bücher aus?

Menter: Es gibt kein Muss. Informationsvermittlung soll der Schwerpunkt sein in allen Bereichen. Ein Kriterium ist, welche kulturelle Umgebung, welche Bildungseinrichtungen es in der Stadt gibt. Wir haben unter anderem ein Gymnasium, eine Waldorfschule, eine Volkshochschule. Also haben wir auch das, was Unterrichtsfach ist, zum Beispiel in den Bereichen Geschichte, Physik, Chemie, Biologie, Literaturwissenschaft. Hier schaue ich gleichfalls, was neu erscheint. Im Jahr erscheinen etwa 100 000 Bücher, wovon vieles nicht für kleine Bibliotheken in Frage kommt. Es gibt einen Lektoratsdienst, der als Filter eine Vorauswahl trifft und in dem etwa 10 000 Besprechungen von Neuerscheinungen enthalten sind. Das lese ich durch, das ist sozusagen die professionelle Leseaufgabe eines Bibliothekars, und auf dieser Grundlage schaffe ich dann 3000 Bände pro Jahr an.

BZ: Und wie sieht es bei den anderen Medien aus?

Menter: Auch da muss man Prioritäten setzen. CD-ROMs haben wir 1997 eingeführt, aber nur reine Informationsinhalte und Nachschlagewerke. Wir haben keine Computerspiele, keine Spielkonsolen, DVDs nur für Erwachsene mit Schwerpunkt auf Dokumentarfilm, bei den Spielfilmen nicht die für die breite Masse, sondern Kinofilme als Kunst, Arthaus-Produktionen, Klassiker des Films, der Feuilletonfilm. Der Anteil von audiovisuellen Medien bewegt sich bei vierzehn Prozent, der Anteil der E-Medien bei dreizehn Prozent. Wenn ein neues Medium kommt, wird nach dem Mehrwert gesucht. Dieses inhaltliche Konzept war mir wichtig, und die Akzeptanz von Seiten der Nutzer hat das bestätigt.

BZ: Sie haben auch einige Angebote neu eingeführt.

Menter: Zum Transparenzgedanken und zur Offenheit gehört für mich auch, dass Bibliotheksnutzer die Gemeinderatsprotokolle einsehen können. Das hat für mich mit politischer Beteiligung zu tun. Die Fernleihe dient der Forschung und der Lehre, da wird wissenschaftliches Material jedem zugänglich gemacht. Dann habe ich 2001 die Schopfheimer virtuelle Bibliothek eingeführt, eine systematische Sammlung von Tausenden von Links zu Fachinformationsseiten internationaler Universitätsbibliotheken und anderer wissenschaftlicher Institutionen.

BZ: Informieren Sie sich auch auf Buchmessenüber neuen Lesestoff?

Menter: Ich bin vor Jahren mit meiner Frau regelmäßig zur Leipziger Buchmesse gefahren, das ist eine reine Lesemesse. Zwei Mal haben wir in Leipzig Autoren kennengelernt, die wir dann zu Lesungen in Schopfheim eingeladen haben.

BZ: Sie haben 130 Autorenlesungen veranstaltet. Hat dieser Kontakt zu Schriftstellern zusätzlich Lese-Interessierte für die Bibliothek gebracht?

Menter: Als die Lesungen Anfang der 1980er Jahre ins Leben gerufen wurden, gab es ein kleines, aber treues Stammpublikum. Das hat sich schnell erweitert dadurch, dass die Literaturklassen von Markus Manfred Jung, manchmal auch Klassen anderer Deutschlehrer, regelmäßig zu den Lesungen kamen. Jung sucht auch die Autoren aus, knüpft die Kontakte. Das ist Literaturförderung in zwei Richtungen: finanzielle Förderung für Autoren, Literaturförderung für die Schüler und ein kulturelles Erlebnis für alle mit Gesprächen über Textinhalte und das Schreiben. Wir hatten schon namhafte Autoren hier, Arnold Stadler, Karlheinz Ott, Peter Stamm, Franz Hohler, aber auch Autoren, die noch nicht so bekannt sind.

BZ: Was war ausschlaggebend, dass Sie so lange der Schopfheimer Bibliothek treu geblieben sind?

Menter: Zum einen die Chance, etwas aufbauen zu können und dieses Konzept positiv weiter zu entwickeln. So etwas verlässt man nicht gleich wieder. Und nur drei Minuten von zu Hause zum Arbeitsplatz zu brauchen, ist auch ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Kurt Menter, Jahrgang 1952, ist in Weil am Rhein aufgewachsen. Er studierte Geschichte und Politik in Freiburg und Bibliothekswissenschaft in Stuttgart. Seit Dezember 1985 leitet er die Stadtbibliothek in Schopfheim.Ende August geht er in den Ruhestand.