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07. November 2016

"Der Gegenüber muss bereit sein, sich zu öffnen"

Erfahrungsaustausch zwischen den "Integrationstrendsettern" der alevitischen Gemeinde Schopfheim und der Kreis-CDU zum Thema "Integration von Flüchtlingen".

  1. Diskutierten in den Räumen der alevitischen Gemeinde Schopfheim über Integration (von links): Islamwissenschaftlerin Sinad Gottschalk, Moderator Markus Heubes (Mitglied des CDU-Kreisvorstands), Dede Zeynel Arslan (geistlicher Vertreter der alevitischen Gemeinde) und der CDU-Bundestagsabgeordnete Armin Schuster. Foto: Sarah Trinler

  2. Zahlreiche Interessierte nahmen an der Veranstaltung im Gemeindehaus der alevitischen Gemeinde in Schopfheim teil. Foto: Sarah Trinler

SCHOPFHEIM. Auf Initiative des CDU-Kreisverbands Lörrach fand am Samstag ein Erfahrungsaustausch zum Thema "Integration von Flüchtlingen" mit der alevitischen Gemeinde in Schopfheim statt. Was sowohl beim gemeinsamen Essen als auch bei der Podiumsdiskussion mit dem Bundestagsabgeordneten Armin Schuster zelebriert wurde, sind Zutaten für eine gelungene Integration: Kommunikation, Offenheit, Toleranz und Neugier – von beiden Seiten.

Neugier hatten sowohl CDU-Mitglieder, unter ihnen der ehemalige Landrat Walter Schneider und Kreistagsmitglied Günter Zabel als auch Mitglieder der alevitischen Gemeinde aus Schopfheim und Umgebung gezeigt. Das Gemeindehaus an der Hauptstraße neben der "Alten Färberei" war gut besucht und es fand ein reger Austausch bei alevitischen Köstlichkeiten statt. Aleviten leben schon seit Jahrzehnten in Deutschland, die ersten kamen als Gastarbeiter Anfang der 60er Jahre her. Die Alevitische Gemeinde Schopfheim und Umgebung umfasst 60 Familien, doch nur wenige Schopfheimer wissen etwas über die Glaubensgemeinschaft. Zeit sich kennenzulernen, dachte sich Markus Heubes, Mitglied des CDU-Kreisvorstands und Initiator der Veranstaltung.

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Was ist das Alevitentum?
Das Alevitentum ist eine eigenständige islamische Religion. Für Aleviten haben die sogenannten fünf Säulen des Islams keinen hohen Stellenwert, sie verrichten nicht das Ritualgebet (Salat) und brauchen zum Beten keinen besonderen Raum und keine spezielle Zeit. Der Koran ist für Aleviten kein Gesetzbuch, sondern die Niederschrift von Offenbarungen, die kritisch gelesen werden dürfen. Die Frauen sind nicht verschleiert, sie haben dieselben Rechte und Pflichten wie die Männer. "Für uns sind Bildung, Dialogbereitschaft, Reformfreudigkeit und Toleranz essentiell", sagte Dede Zeynel Arslan, geistlicher Vertreter der alevitischen Gemeinde.

Fremd im eigenen Land
Als Sinad Gottschalk, Islamwissenschaftlerin und Tochter eines Afghanen und einer Deutschen, einmal von einer älteren Frau gefragt wurde, woher sie denn komme, hatte sie ganz selbstverständlich "Hüsingen" geantwortet. "Nein nein, woher Sie wirklich kommen", hatte die Frau dann entgegnet – eine Situation, die Sinad Gottschalk, die auch öfters auf ihr gutes Deutsch angesprochen wird, bekannt ist. Sinad Gottschalk ist in Deutschland geboren, kennt aber beide Seiten. Als ihre Familie 1979 nach dem Einmarsch der Russen in Afghanistan nach Deutschland kam, seien sie offen empfangen worden.

"Integration kann nur

gelingen, wenn auch der

Gegenüber bereit ist,

sich zu öffnen."

Sinad Gottschalk
Die junge Frau konnte beobachten, wie besonders die Geschehnisse um den 11. September 2001 etwas verändert haben: Distanz und Ängste dem Fremden gegenüber wurden geschürt. "Integration kann nur gelingen, wenn auch der Gegenüber bereit ist, sich zu öffnen", sagte Gottschalk.

"Integrationstrendsetter" Aleviten
Bundestagsabgeordneter Armin Schuster gestand, dass er bei einer Annahme auf Migrationshintergrund immer frage, woher jemand komme. Dies solle aber keine Anfeindung sein, sondern vielmehr Interesse: "Das Fremde finde ich immer spannender, das eigene kenne ich ja schon." Was die alevitische Gemeinde verkörpere, sei vorbildlich, vor allem das Interesse an der deutschen Kultur. "Sie können ja besser Alemannisch als ich", sagte Schuster mit einem Schmunzeln. Für ihn seien die Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaft "Integrationstrendsetter".

Umdenken in der Politik
Deutschland – sowohl Politiker als auch Bürger – hätten ein "hohes Maß an Neugier" gezeigt und die Flüchtlinge zu Beginn der Flüchtlingswelle mit "offenen Armen" empfangen, sagte Schuster. Er erinnerte an die Bilder von deutschen Bahnhöfen, wo Flüchtlingszüge herzlich empfangen wurden.

"Wir wollen den Asylbewerbern alles ermöglichen, was es hier gibt, jedoch müssen wir uns auch von denen verabschieden, die keinen Asylanspruch haben", so der Bundestagsabgeordnete. Schuster verwies hier auf Negativbeispiele von Flüchtlingen, die gar keinen Asylanspruch haben und die Großzügigkeit ausnutzen würden. Dies habe mittlerweile auch die Politik gemerkt, sodass genauer hingeschaut werde.

"Wir wollen denen helfen, die unsere Hilfe benötigen". Die 630 000 Flüchtlingshelfervereine, die sich in Deutschland gegründet hatten, seien das "Grundkapital für die Integrationspolitik", sagte Schuster. Jedoch appellierte er auch an die muslimischen Verbände, die das Geschehen meist nur beobachten würde. Sie könnten einiges zur Integration der Asylbewerber beitragen.

Zutaten für gelungene Integration
Zuerst einmal müsste das Schwarz-Weiß-Denken abgelegt werden, sagte Dede Zeynel Arslan. "Den einen Islam gibt es nicht – man muss genau hinschauen", ergänzte Sinad Gottschalk. Die Aleviten würden nicht nach Unterschieden, sondern vielmehr nach Gleichheit suchen. Gottschalk sprach von einem "Ritualtransfer", bei dem der christliche und der islamische Glaube kompatibel seien.

Der Schlüssel für eine gelungene Integration sei die Sprache – da waren sich alle Beteiligten der Veranstaltung einig. Auch sollte man die vorhandenen Möglichkeiten nutzen, statt neue Angebote für Flüchtlinge zu schaffen. Wichtig sei auch, Ängste abzubauen, denn beide Seiten hätten Angst, die eigene Kultur zu verlieren, erklärte Dede Zeylen Arslan. Und noch eines sei laut dem alevitischen Geistlichen essenziell: Alle Menschen mit demselben Auge betrachten.

Alevitentum

Nach dem Tod des islamischen Propheten Mohammed begann die Spaltung im Islam. Die Streitigkeiten um die Nachfolge des Propheten führte zu der Entstehung der Hauptkonfessionen Sunnitentum und des Alevitentums. Das Alevitentum entwickelte sich zur einer naturverbundenen, toleranten und weltoffenen Konfession des Islam. Die Aleviten lehnen die Scharia (Gesetzeskodex im orthodoxen Islam) und die Sunna (Verhaltensformen und -techniken im orthodoxen Islam) ab und treten für Religionsfreiheit, Menschenrechte sowie Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft ein.

Die alevitische Philosophie hat ihre Wurzeln in der Wissenschaft. Sie lehrt, dass man durch Wissen und Vernunft zu Frieden, Freundschaft und innerlichen Wohlstand gelangen kann.  

Autor: sat

Autor: Sarah Trinler