Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

27. Juni 2012

Der Krieg und wie er die Architektur prägte

Neue Sonderausstellung "Barocke Architektur" im Städtischen Museum eröffnet / Die wohl letzte große Ausstellung von Werner Störk zeigt 300 Jahre alte Drucke.

  1. Historische Kupferstiche bilden einen Schwerpunkt der in Kooperation mit Werner Störk gestalteten Ausstellung „Barocke Architektur“ im Städtischen Museum Schopfheim. Foto: Roswitha Frey

SCHOPFHEIM. Der Titel "Barocke Architektur" klingt nach Schlössern und feudalem Prunk. Doch der Barock war nicht nur ein Zeitalter verschwenderischer Pracht und großer Meister der Kunst, sondern auch eine Epoche von Kriegen und Zerstörung. Eine neue Ausstellung im Städtischen Museum Schopfheim widmet sich jetzt der barocken Architektur.

Fast 100 Jahre lang tobten Kriege in ganz Europa, die zehn Millionen Tote forderten. Diese beiden Seiten des Barock zu beleuchten, ist ein Anliegen der neuen Sonderausstellung mit Kupferstichen und Zinnfiguren-Dioramen im Städtischen Museum Schopfheim, die maßgeblich von Werner Störk gestaltet, zusammengestellt und inhaltlich konzipiert wurde.

"Wir wollten keinen kriegerischen Titel", betonte Werner Störk, der in einem fundierten Vortrag in die Schau einführte, die seine achte und letzte große Sonderausstellung ist – das letzte Erbe aus jahrzehntelanger Projekt- und Forschungsarbeit mit der AG Minifossi der Friedrich-Ebert-Schule. "Dies ist die letzte Rate", meinte Störk im Hinblick darauf, dass bis Anfang 2013 alle in Frage kommenden Exponate aus 30 Jahren Projektarbeit und 10 Jahren Schanzenarbeit in den Besitz der Stadt und die Obhut des Städtischen Museums übergehen.

Werbung


Die Arbeit Werner Störks als Pädagoge und Historiker könne man gar nicht genug würdigen, sagte Bürgermeisterstellvertreter Ruthard Hirschner. Auch Peter Riek, Leiter des Stadt- und Fachwerkmuseums Eppingen, fand, die Stadt Schopfheim sei zu beneiden um die archäologischen Funde und den "Schanzen-Papst" Werner Störk.

In der Schau "Barocke Architektur" geht es um Motive historischer Belagerungs-, Verteidigungs- und Angriffstechniken, militärische Festungsbauten und Fortifikation. In Originalanschauungsmaterial wird eine Zeitspanne von 1680 bis 1815 veranschaulicht, was über den strengen barocken Zeitrahmen hinausreicht. Gezeigt werden aus der umfangreichen Sammlung über 200 originale historische Kupferstiche von meisterhaften bedeutenden Kupferstechern wie Merian, Seutter, Bodenehr und anderen, Stiche, die durchschnittlich 300 Jahre alt, aber immer noch von hoher Druck- und Papierqualität sind.

In Vitrinen sind 2200 Zinnfiguren in Dioramen aufgebaut, die en miniature komplette Regimenter zu Fuß und zu Pferd darstellen. Detailgetreu nachgebildet sind die Figuren in den jeweiligen Uniformen und Bewaffnungen der damaligen Truppen aus Frankreich, Spanien, England, Preußen, Österreich und Bayern. Was laut Störk verdeutlicht, dass es damals nicht regional begrenzte Kriege, sondern europäische Kriege waren, die verheerende Auswirkungen hatten. Illustrationen mit Szenen aus dem Dreißigjährigen Krieg und ein Rückblick auf die historischen Landsknechte zeigen zudem auf, wie sich die Dinge entwickelten.

Eine Besonderheit ist das älteste Exponat, ein originaler Holzschnitt aus dem Jahr 1544 von Sebastian Münster, dem Rektor der Universität Basel. Als Zeitdokumente und Abbilder der Zeit kann man die 35 großformatigen, detailgenauen Kupferstiche von Matthäus Merian betrachten. Mit 25 Originalen vertreten ist der führende französische Kartograph Nicolas de Fer, mit fünf Originalen der aus einer Buchdruckerdynastie stammende Gabriel Bodenehr. Auffallend sind die großen kolorierten Kupferstichkarten von Freiburg, Alt-Breisach und Mannheim des Druckers und Verlegers Matthäus Seutter. Besonders verwies Störk in seinem Vortrag auf Jacques Callot, der das kriegerische Geschehen im Dreißigjährigen Krieg nicht wie sonst üblich heroisierte, sondern realistisch die entsetzlichen Gräuel und Schrecken des Krieges bildlich vor Augen führte – ein Vorläufer von Goya.

So wird die von Kriegen geprägte Zeit des Barock von zwei Seiten betrachtet: zum einen die in Stichen veranschaulichten Festungsanlagen, die Fortifikation von Städten (auch am Hochrhein wie etwa von Rheinfelden oder Säckingen), das barocke bauliche Formenideal, hervorgehend aus Geometrie, Symmetrie, ästhetischer Proportion und Ordnung. Beispiele dafür sind die Werke von Seigneur de Vauban, Festungsbaumeister des Sonnenkönigs. Außerdem sind Modelle von Schanzenformen im südlichen Schwarzwald, Vier-, Fünf- und Sechseckschanzen sowie zwei über mannshohe Schanzenkörbe aufgebaut.

Als Kehrseite wird die grausame Realität des Krieges eindrücklich vor Augen geführt, in dem Ausstellungsteil "Homo homini lupus" – der Mensch ist des Menschen Wolf. Zwei Totenschädel mit Kanonen als Augen zwischen Zinnfigurensoldaten und einem Trümmerhaufen aus Chaos und Zerstörung bilden eine aufrüttelnde Installation über das Wesen von Kriegen. Die Ausstellung soll das Bewusstsein schärfen, dass der Frieden in Europa nicht selbstverständlich ist.

Städtisches Museum Schopfheim, Wallstraße 10: "Barocke Architektur", bis 7. Oktober, zu sehen Mittwoch 14-17, Samstag 10-17, Sonntag 10-12 und 14-17 Uhr.

Autor: Roswitha Frey