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20. August 2015

Der Laserblick für Heimatforscher

Wie funktioniert die Lidar-Technik, von der in der Regio derzeit die Schanzen- und die Gersbacher Bergbauforschung profitieren?.

  1. Er hat den Laserblick: Werner Störk vor einer Lidar-Aufnahme. Nein, das ist kein Foto vom Mond, das ist ein Gebiet zwischen Wehr und Hasel. Foto: Hönig, Meyer, Störk, Landesvermessungsamt

  2. Der Bereich mit der neu entdeckten Pinge. Foto: BZ

  3. Lidar und Luftfotografie im Vergleich: Links eine traditionelle Aufnahme der Sternenschanze Neuenweg Foto: Erich Meyer

  4. und hier rechts eine Lidar-Aufnahme des gleichen Bereichs. Die rote Linie zeigt einen Verbindungsgraben. Foto: BZ

SCHOPFHEIM. Er ist wie der Laserblick von Superman im Comic: Er geht geht durch. Gemeint ist Lidar (Light detection and ranging), eine neuartige Technik, die Archäologen tatsächlich in gewisser Weise "Superkräfte" gibt. Zeigt sie ihnen doch die Erdoberfläche in ganz neuem Licht und bringt bisher im Dunklen Verborgenes ans Selbige – auch hier in der Region und da aktuell in der Gersbacher Bergbauforschung. Von Werner Störk, erfahren im Umgang mit Lidar, wollte die BZ wissen, wie diese Technik funktioniert.

Licht ins Dunkel bringen. Dafür ist Werner Störk seit Jahrzehnten Spezialist. Schanzen waren und sind eines seiner Steckenpferde. Derzeit ist es aber der Gersbacher Bergbau. Erst am Dienstag kam von ihm die jüngste Pressemitteilung. Inhalt: Wieder eine neue Bergbau-Spur. Nur einen Steinwurf weit von einem Wohnhaus in Gersbach entfernt befindet sich demnach auf einer Hangfläche von fünf Mal fünf Metern offenbar eine Pinge – eine Vertiefung, die durch Bergbau entstand, beziehungsweise dadurch, dass die Lagerstätte nach der Ausbeutung nicht richtig abgesichert wurde. Solche Pingen seien auch auf dem östlichen Teil der südlichen Bergkopfflanke (Fuchsbühl) anzutreffen, genauso wie im Silbergraben. Auch umschließe eine Halde das nördliche Fuchsbühl-Areal zwischen der Rauschbachstraße und dem darüberliegenden Feldweg. Quasi monatlich kann Störk solch neue Erkenntnisse vermelden. Längst ist klar: Die Geschichte des Gersbacher Bergbaus muss neu geschrieben, die Grenzen, innerhalb derer man den Bergbau lange vermutete, müssen neu gezogen werden. Nicht nur nord- also gipfelwärts – Spuren wurden erst vor wenigen Wochen auf fast 1100 Metern Höhe auf dem Rohrenkopf nachgewiesen. Sondern in andere Richtungen, auch dorfwärts. Letztere Info ist insofern neu, als Fachleute bisher davon ausgingen, dass der Bergbau bis auf Ausnahmen erst nördlich der am Dorfrand gelegenen landwirtschaftlichen Anbauflächen begann. Beim Thema Gersbacher Bergbau arbeitet Heimatforscher Störk mit Friedrich Blum und Marlon Deiss, zwei an der (Bergbau-)Historie interessierten Gersbachern, zusammen. Aber eigentlich hat das Trio eine weitere Verbündete, eine wahre "Lichtgestalt" der Archäologie: die Lidar-Technik. Zwar ist Störk nach mehr als einem Jahrzehnt intensiver Bodenerkundung Experte genug darin, wenn es darum geht, Spuren im Gelände zu lesen. Doch mit Lidar kommt zum Kenner- der archäologische Röntgenblick hinzu. Lidar ermöglicht das, was traditionelle Luftbild-Archäologie nicht kann: Unter die Oberfläche schauen. Luftbilder bilden nur das ab, was man sieht – und das ist hier in der Region oft Wald. "Aufnahmen im Winter ermöglichen zwar einen etwas besseren Blick, wenn man auf der Suche nach anthropogenen, also von Menschenhand gemachten Spuren ist, weil sich das Relief besser abbildet und die Bäume kein Laub haben", erläutert Störk. Doch letztlich kratzt man auch damit nur an der Oberfläche. Lidar geht tiefer. Unter die Haut. Zwar überqueren auch hier Flugzeuge oder Drohnen ein Gebiet, doch sie machen keine Fotos. Vielmehr tasten Laser-Scanner die Gebiete ab. Konkret werden Lichtstrahlenbündel Richtung Boden gesendet und deren Echos aufgefangen. Dieses Verfahren hat mehrere Vorteile: Zum einen reicht der Lichtstrahl bis zu vier Meter tief unter die Oberfläche. Zum anderen können die Daten am Computer nach Bedarf bearbeitet werden. Ein einfacher Mausklick lässt Sträucher, Büsche, ja ganze Wälder verschwinden – und legt verräterische Strukturen am Boden frei. Dreidimensionale Modelle entstehen so, in der die Erdoberfläche vollständig entkleidet werden kann. Übrig bleiben nackte Tatsachen. Vertiefungen, Verformungen, Gräben. Kurz: Alles, was nicht unbedingt natürlich sein muss, kommt ans Licht. Selbst winzigste Dinge wie minimale Höhenunterschiede fallen auf.

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"Mit Lidar können wir

Rätsel lösen, die sonst gar nicht lösbar wären"

Werner Störk
Beim Schanzenprojekt hat Lidar schon wertvolle Dienste geleistet, wie Störk erzählt. Und auch jetzt wieder bei der Bergbauforschung. Schöne neue Forscherwelt also dank Lidar? Ja – und nein. Denn ganz so leicht, wie es klingt, ist es dann doch wieder nicht. Werner Störk zeigt zum besseren Verständnis einige Lidaraufnahmen. Die sind keineswegs frei zugänglich, sondern im Eigentum des Landesvermessungsamtes. Nur Personen, die ein wissenschaftliches Interesse belegen können, dürfen sie nutzen.

"Na, was glauben Sie, wo das ist?" Dem Reporter freilich fehlen die Worte. Das soll im Wiesental sein? Die Bilder da auf dem Bildschirm sehen eher aus als seien sie vom Mond. Graue Landschaften. Durchzogen von seltsamen Linien. Irgendwie surreal. Noch schlimmer wird es, als Störk ein Bild mit eckigen, kristallähnlichen Gebilden zeigt – erst mit der Erklärung, dass dies nur ein Trick am Computer ist, um geologische/mineralische Strukturen besonders intensiv sichtbar zu machen, kann sich das Gehirn halbwegs mit der Vorstellung anfreunden, dass dies nicht die Kraterlandschaft eines weit entfernten Planeten, sondern ein Bereich bei Hasel unweit des Wehratalzugangs mit zwei Schanzenstandorten sein soll. Kurzum: Ein Laie erkennt hier wenig. Trotz aller schönen Computertechnik: Um Lidar-Aufnahmen verstehen zu können, braucht es Fachwissen. Am besten von allem etwas: Geologie, Geschichte, Geografie. Am allerbesten kommt noch Ortskundigkeit hinzu, sagt Störk. Nicht jeder dunkle, sprengtrichterförmige Fleck muss ein Bergbaufund, nicht jede Linie eine ehemalige Kommunikationslinie, nicht jede muldenförmige Vertiefung eine Bergbauhalde sein. Aber sie kann. "Um das zu klären, muss man entweder die Gegend wie seine Westentasche kennen – oder in die Landschaft raus." Da wiederum ist es enorm von Vorteil, dass man mit der Lidar-Aufnahme auch gleich die exakten GPS-Daten an der Hand hat – auch, um im Falle einer tatsächlichen Entdeckung den Standort sogleich den Behörden melden zu können. Als Störk nun allerdings Bilder von potenziellen Bergbauspuren rund um Gersbach zeigt, wird die "Schattenseite" des Licht-Verfahrens klar: Hier wimmelt’s nur so von potenziellen Spuren. Es bräuchte Jahre, sie alle zu erkunden. "Wir konzentrieren uns daher erst einmal auf ausgewählte Bereiche", erklärt Störk. Er ist sich auch dank Lidar schon jetzt hundertprozentig sicher, dass es in naher Zukunft noch manch weitere Bergbau-Entdeckung rund um Gersbach zu vermelden geben wird: "Mit Lidar können wir Rätsel lösen, die sonst gar nicht lösbar wären."

Autor: André Hönig