"Die Menschen hatten unter den Folgen zu leiden"

André Hönig

Von André Hönig

Mo, 30. Oktober 2017

Schopfheim

BZ-SERIE GRENZWANDERUNGEN (9 UND SCHLUSS): Interview mit Historiker Werner Störk über Bedeutung und Folgen der Reformation für die Markgrafenschaft bis heute.

SCHOPFHEIM. Im Rahmen der Grenzwanderungsserie hatte sich die Badische Zeitung in den vergangenen Monaten mit Teilaspekten der Reformation und deren Folgen für die Region beschäftigt. Zum Abschluss nun geht’s ums große Ganze – die Frage nach der Bedeutung der Reformation für die Markgrafschaft und deren Auswirkungen bis heute. André Hönig sprach darüber mit dem Forscher und Regionalhistoriker Werner Störk.

BZ: Herr Störk, im Rahmen der Serie Grenzwanderungen - insbesondere bei der Exkursion mit Ihnen in Neuenweg – war viel vom Leid  zu erfahren, dass die Menschen hier  gerade  in den Glaubenskriegen als Folge der Reformation und  erleiden mussten. So stellt sich die Frage, wie diese abschließend zu bewerten ist - sprich: War sie eher Fluch oder Segen für die Menschen in der Markgrafschaft. Zuerst einmal mit Blick auf jene, die die Reformation damals miterlebten?   
Werner Störk: Die Entscheidung des damaligen Markgrafen im Jahre 1556, evangelisch zu werden, war zunächst eine ganz persönliche und geschah ohne jede Mitbestimmung der Untertanen. Der Grundsatz entsprechend dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 lautete: Wer regiert, bestimmt die Konfession. Doch diese Zwangskonvertierung verlief gerade in unserem Raum keineswegs so bereitwillig und harmonisch ab, wie es gerne dargestellt wird. Gleichzeitig war aber der markgräfliche Entschluss, evangelisch zu werden, verbunden mit dem massiven Bruch im Verhältnis zum Reich und zum Kaiser – was sich später im alles erfassenden Dreißigjährigen Krieg manifestierte. Wie immer, wenn sich Politik und Religion, staatliche Macht und Glauben, vereinen, war und ist dies verhängnisvoll für die davon betroffenen Menschen.

BZ: Wie waren denn die weiteren Folgen für die Menschen in der Markgrafschaft?
Werner Störk: Als am Reichstag von 1529 die evangelischen Territorialherren die konfiszierten katholischen Kirchengüter wieder zurückgeben sollten, legten fünf evangelische Landesfürsten und 14 Reichsstädte gegen diesen Entscheid Protest ein. Der Markgraf von Baden-Durlach schloss sich offen dieser "Protestation" an und stellte sich damit gegen den deutschen Kaiser. Der Konflikt schwelte nun über fast ein Jahrhundert weiter. Als man dann schließlich im Jahr 1622 auch seitens der evangelischen Markgrafschaft Baden-Durlach mit 15 000 Mann sogar auch noch militärisch gegen das Reich zu Felde zog, war das in den Augen des Kaisers Landesverrat. Schlimmer noch: Als die Fürsten der evangelischen "Union" (die katholischen Fürsten schlossen sich in der "Liga" zusammen), darunter auch der Markgraf (mit verwandtschaftlichen Beziehungen zum dänischen Könighaus), im Jahr 1628 dänische und im Jahr 1630 schwedische Soldaten, also fremde Mächte auf deutsches Territorium zu Hilfe riefen, musste das aus kaiserlicher Sicht als Hochverrat gewertet werden.

Die Habsburger, und damit eine ganze Dynastie von Kaisern, begegneten fortan dem Haus Baden, insbesondere aber dem evangelischen Teil, mit größtem Misstrauen und Abneigung – in dessen Folge die Menschen in Teilen Südbadens dann alltäglich unter den politischen und entsprechend auch militärischen Konsequenzen schwer zu leiden hatten.

Gerne wird in der Geschichtsschreibung das "Desinteresse" des kaiserlichen Hofes am Schicksal der evangelischen Markgrafschaft und dem Markgräflerland mit der geographischen Entfernung zwischen Wien und unserer Region begründet. Der tatsächliche Grund lag aber in dem politischen und konfessionellen Bruch und seinen Folgen. So lag auch später der evangelische Landesteil noch "militärisch entblößt" genau zwischen der – nur das Reich schützende -befestigten Schwarzwaldlinie und dem französischen Elsass.

BZ: Was genau war die Folge dieser Entblößung?

Störk: Frankreich hatte mit der Festung Hüningen, dem rechtsrheinischen Brückenkopf Neuenburg, dem damals ebenfalls französischen Breisach und der Festung Neu-Breisach einen nahezu ungehinderten Zugang zum Markgräfler Land. Zwar wurden die Passübergänge in Neuenweg, Wieden und Muggenbrunn in die Schwarzwaldlinie eingebunden, aber das am Rhein gelegene Markgräflerland und Teile des Südschwarzwaldes waren und blieben vollkommen schutzlos. Fast alle südlich von Staufen gelegenen Ortschaften wurden – zum Teil gleich mehrfach – von französischen Truppen bei Kontributionszügen überfallen, ausgeplündert oder verwüstet.

BZ: Es lässt sich also sagen, dass die Reformation und ihre Folgen die Geschichte der Region  und deren Entwicklung hier maßgeblich geprägt haben?
Störk: Dies ist uneingeschränkt zu bejahen. Und gilt bis in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Denn ausgehend von diesem nur scheinbar "konfessionellen" Glaubenskonflikt und dessen unmittelbaren militärischen Auswirkungen, wuchs schnell eine über den Glauben hinausgehende nationale "Erbfeindschaft". Und sie wurde über Generationen hinweg leider sorgsam gepflegt und maßgeblich politisch instrumentalisiert – auf deutscher wie aber auch französischer Seite.

BZ:  Damit sind wir auch schon bei der Gegenwart und der Frage:  Wie steht es aus ihrer Sicht um die wahre Bedeutung von Luther und der Reformation?
Störk: Hier greife ich zum Symbol der Medaille. Es gibt bei ihm jene zwei Seiten, die manchmal schwer zu vereinen sind. Was seine historische Bedeutung jedoch keinesfalls schmälert. Wer sich mit seiner Geschichte wirklich intensiv befasst, erkennt sehr schnell, wie stark Luther instrumentalisiert wurde. Von den Landesherren und Kurfürsten, die den habsburgischen Kaiser schwächen wollten, von einem tatsächlich schwachen Kaiser, der im Osten des Reiches gegen die Osmanen kämpfte, von kommerziell geschäftstüchtigen Verlegern wie Lucas Cranach, dem Einfluss der Augsburger Fugger-Dynastie, von Bauern, die unter der Leibeigenschaft und unerträglichen Abgabenlasten litten – alle sahen in Luther ein geeignetes Werkzeug, ein willkommenes Instrument, die jeweiligen Macht- und Wirtschaftsinteressen durchzusetzen. So wurde deshalb auch von vielen Seiten bewusst und gezielt ein Mythos um Luther geschaffen. Ähnlich wie in der heutigen Gesellschaft Politik und Medien sich gegenseitig bedingen, spielte damals der Buchdruck eine entscheidende Rolle – ohne den es – davon bin ich überzeugt – niemals eine europäische beziehungsweise globale Dimension der Glaubensspaltung gegeben hätte, zumindest nicht zu jenem Zeitpunkt. Wobei man im Rahmen der Reformation häufig nur die Glaubensabspaltung der evangelischen von der katholischen Kirche sieht. In Wirklichkeit war auch die Lehre Luthers von Anfang an mit einem breiten theologischen Interpretationsspielraum ausgestattet, der viele neue religiöse Ausdrucksformen initiierte. So sind es eine Vielzahl von "Kindern", welche in Folge der von Luther ausgelösten Reformation die Welt des Glaubens erblickten.

BZ: Die da wären?

Störk: Angefangen von den Reformierten wie Zwingli und Calvin, den Radikalen wie Thomas Müntzer, den Hugenotten, den Hussiten, den Wiedertäufern von Münster, den Mennoniten (heute die größte Freikirche in den USA), den Amischen, Quäkern, Pietisten, Baptisten, Presbyterianern, Methodisten, Puritanern – und nicht zu vergessen den Rest der anglikanischen Kirche Englands.

BZ: Zum Abschluss die Frage: Welche Bedeutung könnte Luthers Botschaft aus Ihrer Sicht heute für uns haben?

Störk: Löst man ihn aus einer rein protestantischen Sichtweise und konfessionellen Alleinbeanspruchung, könnte er Impulsgeber für eine neue Orientierung beider großer christlicher Kirchen werden, die ja gemeinsame Wurzeln haben. Ich hoffe darauf, dass auch die global wachsende Ausdehnung andere Religionen dazu führen wird, dass sich die zwei christlichen "Zweige" verstärkt ihres gemeinsamen "Stammes" erinnern und endlich zu einer echten, tiefgreifenden, allumfassenden und toleranten Ökumene bereit sind.

Ein Dossier mit allen erschienenen Folgen der Serie gibt es unter http://mehr.bz/grenzwanderungen