Verteidigungsbauwerk

Erweiterung des Gersbacher Schanze - ein Beispiel für erfolgreiche Experimentalarchäologie

Heiner Fabry

Von Heiner Fabry

Di, 16. September 2014

Schopfheim

Die Gersbacher Schanze ist für den Ansturm gerüstet. BZ-Mitarbeiter Heiner Fabry erklärt, was sich an den vergangenen Tagen ereignet hat.

GERSBACH. Unter dem aufmerksamen Auge der Fernsehkamera vollendeten die aktiven Helfer der Jugendfeuerwehr, des Ortschaftsrats und des Fördervereins Gerisbac am Wochenende die Erweiterung der Barockschanze. Die zusätzlich gebaute Lunette vor dem Turm der Anlage ist nicht nur schön anzuschauen. Schanzenbaumeister Werner Störk legte auch Wert darauf, dass die baulichen Elemente den historischen Vorgaben entsprechen.

"Ein solches Projekt läuft in der Wirklichkeit nie so ab, wie man sich das am Reißtisch vorstellt", sagte Werner Störk am Rand der Baustelle hoch über Gersbach. Grund für diesen Stoßseufzer waren Änderungen an den ersten Plänen für die Lunette, die im Laufe der Arbeiten notwendig geworden waren. Eine erste Anpassung hatte sich ergeben, als am ersten Arbeitstag bemerkt wurde, dass die geplante Lunettenspitze in einen nahe gelegenen Wirtschaftsweg hinein geragt hätte. "Das musste unbedingt vermieden werden", erklärte Werner Störk, der spontan einen abgeänderten Plan entwarf.

"Eine weitere grandiose

Attraktion im Angebot

unseres Dorfes"

Ortsvorsteher Christian Walter
Zu Beginn der letzten Woche stellte sich dann obendrein heraus, dass das ausgehobene Erdreich zu fein und locker war, um daraus feste Wälle machen zu können. Also wurde in einer zweiten Anpassung der Graben zwischen Turm und Lunette vergrößert, um weiteres, toniges Material zu erhalten. "Jetzt sind wir immer noch in den historischen Vorgaben", erläuterte der Schanzenbaumeister. Allerdings hat die vorgelagerte Lunette mit einem Verbindungswall zum Bereich des Turms die Form eines Pfeils erhalten. "Ideal wäre es, wenn wir an der anderen Seite des Turms einen zweiten identischen Pfeil anlegen könnten", erklärte Werner Störk. Aber das wird vielleicht ein weiteres Projekt.

Am Samstag waren die Aktiven wieder früh am Werk, aufmerksam begleitet von Regisseur Peter Prestel und seinem Kameramann, die Aufnahmen für ihren Film über die Anlage einer Barockschanze nach historischem Vorbild machten. Inzwischen waren sowohl die schräg liegenden als auch die aufrecht stehenden Palisaden verankert. Während die Männer des Ortschaftsrats und des Fördervereins die Palisaden anspitzten, wurden die Wälle befestigt. Auf den schräg liegenden Palisaden wurden "Faschinen" angebracht, Rutenbündel, die dem darüber liegenden Erdreich Halt geben. Darüber wurde weiteres Erdreich aufgeschüttet, mit einem Holzstamm festgestampft und mit flächigen Grassoden bedeckt. Durch die sich bildenden Graswurzeln erhält der Wall weitere Festigkeit. Damit war die Abwehr-Reihe der Palisaden eigentlich (optisch) fertig. "Aber diese Abwehr der vertikalen Palisaden könnte von Angreifern umgerissen werden, wenn sie nicht in sich gefestigt ist", erklärte Werner Störk den Schanzenbauern und dem Fernseh-Team. Also wurden die Palisaden mit Stricken verbunden, um so eine kompakte Abwehrwand zu bilden.

Inzwischen zeigte sich die Lunette als kompaktes Bollwerk, aber das war nach Ansicht des Schanzenbaumeisters lange nicht genug. Der Sinn einer Schanze mitvorgelagerter Lunette lag in der Abwehr von Angreifern. "Ganz wesentlich dabei war, den Angreifer möglichst lange aufzuhalten, Zeit zu gewinnen, um den Angreifern Verluste an Menschen zufügen zu können", erläuterte Werner Störk. Also galt es, weitere Behinderungen einzubauen. Die Feuerwehr-Jugend schleifte also abgehauene Baumstämme heran und schichtete mit ihnen vor dem Palisadengraben einen Verhau auf.

Damit dieser nicht einfach weggerissen werden kann, wurden die Stämme dicht mit Stricken miteinander verbunden. Zusätzlich wurde "Stacheldraht" gepflanzt – wilde Brombeeren. Damit nicht genug: Vor den Verhauen legten die Schanzenbauer Wolfsgruben an – wie auf einem Schachbrett angeordnete Fallgruben, die unten mit spitzen Pfählen versehen waren. "In Gersbach können wir natürlich solche Wolfsgruben nicht real anlegen. Das Risiko, dass Besucher hinein fallen, ist auch bei einer Absicherung zu groß", so Störk. Daher sind die Gruben im Gelände zwar angedeutet, aber nicht vertieft.

Den jungen Schanzenbauern und ihren erwachsenen Helfern stand der Schweiß auf der Stirn und der Magen knurrte, als Werner Störk und Peter Prestel den Blick über die Lunette schweifen ließen. Geschafft! Die Erweiterung der Anlage ist fertig. Ein vorbildliches Projekt angewandter Experimentalarchäologie. "Und eine weitere grandiose Attraktion im Angebot unseres Dorfes", stellte Ortsvorsteher Christian Walter zufrieden fest.