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09. März 2013

Kritik an Homöopathie: "Die gleiche Wirkung wie Zucker"

BZ-INTERVIEW mit dem Schopfheimer Dr. Norbert Aust über sein Buch "In Sachen Homöopathie – Eine Beweisaufnahme".

  1. Buchautor Norbert Aust Foto: M. Jung-Knoblich

SCHOPFHEIM. "In Sachen Homöopathie – Eine Beweisaufnahme" lautet der Titel des Buches, das der Schopfheimer Dr. Norbert Aust geschrieben hat. Er setzt sich darin mit der Homöopathie auseinander und geht kritischen Fragen nach. Redakteurin Marlies Jung-Knoblich sprach mit dem Buchautor.

BZ: Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über die Homöopathie zu schreiben? Neuland betreten Sie damit ja nicht.

Aust: Das ist richtig. Es gibt Tausende von Ratgebern, das Internet ist voll von Beiträgen. Da gibt es Aussagen für und gegen die Homöopathie, was einem Laien dann auch nicht weiterhilft. Ich bin von Haus aus kein Mediziner, sondern promovierter Maschinenbauingenieur, verfüge also über ein solides naturwissenschaftliches Wissen und kenne mich damit aus, wie man wissenschaftlich arbeitet, was hilfreich bei den Recherchen war. Auf die Idee, mich mit der Homöopathie auseinanderzusetzen kam ich, als meine Frau gesundheitliche Probleme hatte und schließlich zum Homöopathen ging. Sie erhielt Medikamente, sogenannte Globuli (Kügelchen), die aber keinerlei Wirkung zeigten. Ich habe mir die Medikamente genauer angesehen und wollte wissen, was es mit ihnen auf sich hat.

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BZ: Haben Sie es herausgefunden?

Aust: Die Arzneien sind sehr stark verdünnt, in der Regel so weit, dass kein Wirkstoff mehr darin vorhanden ist. Selbst in Arzneien mit einem vergleichsweise hohen Gehalt an Wirkstoff entspricht dies einem Anteil von einem Gramm Wirkstoff auf 100 Tonnen Zucker. Zu gut Deutsch: Sie können gleich Zucker als Medikament einnehmen, das ist wesentlich billiger und hat die gleiche Wirkung.

BZ: Starker Tobak. Ein Homöopath würde Ihnen jetzt sicher entgegen halten, dass die Wirkung der Medikamente in vielen Fällen nachgewiesen werden konnte. Aust: Genau genommen gibt es drei Punkte, um die sich die Diskussion dreht. Erstens: Gibt es eine plausible Erklärung dafür, dass ein im Medikament nicht vorhandener Wirkstoff wirkt? Zweitens: Welche Erfolge hat man mit der Homöopathie erreicht? Drittens: Gibt es wissenschaftliche Nachweise zur Wirksamkeit? Dies wird auch von Laien, etwa im Bekanntenkreis, ausgiebig diskutiert. In meinem Buch werden die angeführten Beweise hierfür eingehend untersucht und die Ergebnisse hoffentlich allgemein verständlich dargestellt. Ich habe aber immer wieder festgestellt, dass es eine gewisse Begriffsverwirrung gibt. Bei der Homöopathie handelt es sich um eine bestimmte Heilslehre, die auf den deutschen Arzt Samuel Hahnemann zurückgeht, der zum Ende des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts gearbeitet hat. Dies ist nicht zu verwechseln etwa mit der Kräuterheilkunde, bei der ja aus Pflanzen gewonnene Wirkstoffe dem Patienten in tatsächlich fühlbaren Mengen verabreicht werden. Von Hahnemann stammt die These, dass ein Wirkstoff die Krankheiten heilen kann, deren Symptome er an einem gesunden Menschen hervorruft, und dass er das umso besser tut, je stärker er verdünnt ist, sofern man die Lösung beim Verdünnen nur kräftig schüttelt. Ersteres hat Hahnemann in einem Selbstversuch festgestellt: Er nahm eine Portion des damals üblichen Medikaments gegen Malaria ein und bemerkte an sich Symptome, die man auch bei Malaria erlebt: Fieber, Gliederschmerzen, Herzrasen. Allerdings war Hahnemann der Einzige, der auf die Einnahme von Chinin so reagierte. Man geht heute davon aus, dass Hahnemann, ohne es zu wissen, an einer Allergie oder Überempfindlichkeit litt. Im 19. Jahrhundert haben ganze Kolonialarmeen und Schiffsbesatzungen Chinin in erheblichen Mengen eingenommen, ohne dass solche Reaktionen verzeichnet wurden. Der wesentliche Grundsatz der Homöopathie, dass sogenannte Ähnlichkeitsprinzip, beruht also schlicht auf einem Irrtum. Gleiches gilt für die Verdünnung. Man muss wissen, dass im 18. Jahrhundert Medikamente mit recht hohen Konzentrationen von Wirkstoffen im Gebrauch waren, die die Patienten gelegentlich auch vergifteten. Da waren stärkere Verdünnungen schon angemessener. Dass Hahnemann aber so stark verdünnte, dass kein Wirkstoff mehr enthalten war, konnte er damals, als die Kenntnisse über die atomare Beschaffenheit der Materie noch nicht so ausgeprägt war, nicht wissen. Fakt ist, dass heute noch die angeblich wirksameren homöopathischen Medikamente so stark verdünnt werden, dass der Wirkstoff nicht mehr enthalten ist. Das ist nicht nur meine These, sondern ist allgemein akzeptiert, selbst von Homöopathen.

BZ: Wie kommt es dann, dass viele sagen, dass das vom Homöopathen verschriebene Medikament wirkt?

Aust: Eine Frage, die man sich mit einiger Berechtigung stellen kann. Historisch gesehen hat Hahnemann die Fehler der damals üblichen Medizin nicht gemacht. Beispiel: der Aderlass. Dies war eine bei allen Krankheiten angewendete 'Heilmethode', die aber den Patienten eher schädigte als heilte. George Washington ist zum Beispiel daran gestorben, nachdem man ihm bei einer kleineren Infektion in mehreren Schritten rund die Hälfte seines Blutes abgezapft hatte. Böse kann man sagen, Hahnemann hat darauf verzichtet, seine Patienten selbst umzubringen und die dadurch verbesserte Überlebensrate seiner Therapie zugeschrieben.

BZ: Noch einmal zurück zur Frage: Heilung mit homöopathischen Kügelchen scheint es ja bis heute zu geben. Sie behaupten, reiner Zucker tut’s auch. Wie kommt es zu den Erfolgen?

Aust: Nicht die Kügelchen helfen, der Begleiteffekt hilft. Im Gegensatz zum konventionellen Arzt in seiner Praxis nimmt sich der Homöopath viel Zeit, hört dem Patienten zu, bemüht sich erkennbar, ihn zu verstehen. Dies hilft bei kleineren Problemen schon mal ein ganzes Stück weiter. Die Zeit hat der konventionelle Mediziner heute gar nicht. Es ist bestimmt kein Zufall, dass die Homöopathie nach ihren Anfangserfolgen im 19. Jahrhundert zunächst mit dem Aufkommen der modernen und wirksamen Medizin – Impfungen, Antibiotika, Röntgen – fast wieder verschwunden war und erst in den 1980er Jahren wieder an Bedeutung gewann, just in dem Moment, als die ersten Maßnahmen zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen eingeführt wurden. Eine interessante Frage wäre, wie viel Zeit braucht ein Patient, um sich verstanden zu fühlen und zu wissen, dass man sein Problem ernst nimmt. Dies sollte man zur Grundlage der Honorierung der Ärzte machen. Effekte, die dazu führen, dass man gesund wird, gibt es eine ganze Reihe. Manches wirkt, weil der Patient glaubt, dass es wirkt, was man Placeboeffekt nennt. Dann gibt es die Selbstheilungskräfte, normale Krankheitsverläufe, Zufälle und einiges mehr. Der Patient kann üblicherweise nicht unterscheiden, was ihn am Ende geheilt hat. Zusammengefasst gibt es heute keine belastbaren Nachweise zur Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel. An sich könnte man das einfach ad acta legen. Aber von den Verfechtern der Homöopathie wird allen Ernstes behauptet, sie könnten auch ernsteste Krankheiten erfolgreich behandeln – Infektionen, Diabetes, Krebs – ja man könnte sogar auf Schutzimpfungen verzichten. Dann wird die Sache gefährlich, dann hat man eventuell keine Zeit für einen zweiten Versuch mehr, wenn man merkt, dass die Homöopathie doch nichts bewirkt. Daher will ich mit meinem Buch einen Beitrag leisten, dass sich ein Patient klar machen kann, worauf er sich bei einer homöopathischen Behandlung einlässt.

Hinweis: Das Buch kann online direkt über den Verlag bezogen werden, etwa bei http://www.amzon.de oder http://www.1-2-buch.de oder im Buchhandel unter der ISBN-Nummer 978-3-942594-47-9

ZUR PERSON: NORBERT AUST

Norbert Aust (60) wurde 1952 in Frankfurt a.M. geboren, Studium des Maschinenbaus an der TU Darmstadt, Promotion in Hamburg, danach in leitenden Funktionen in Forschung und Entwicklung sowie Qualitätsmanagement in großen und mittleren Unternehmen, darunter Siemens und Rietschle in Schopfheim. Nach Ende der aktiven Berufstätigkeit befasst er sich mit technischen und naturwissenschaftlichen Themen. Er ist verheiratet und Vater zweier inzwischen erwachsener Kinder.  

Autor: mj

Autor: mj