Literatur

Schopfheimer Mundart-Literatur-Werkstatt vereint die Dialekte

Dorothee Soboll

Von Dorothee Soboll

Mo, 26. März 2018 um 00:15 Uhr

Schopfheim

Bei der Internationalen Schopfheimer Mund-Art Literatur-Werkstatt zeigen die Teilnehmer ihre Entwürfe, entwickeln diese weiter und lernen dabei auch andere Dialekte kennen.

Eine ordentliche Wegstrecke hat die Veranstaltung zurückgelegt: Seit 30 Jahren trifft sich Markus Manfred Jung mit Mundart-Autoren. Die Besetzung wechselt jedes Mal. Bei der Internationalen Mund-Art Literatur-Werkstatt zeigen sich die Teilnehmer ihre Entwürfe, diskutieren über mögliche Interpretationen und lernen andere Dialekte kennen. Mit Lesungen in Weil, Schopfheim und Basel sowie Veranstaltungen in Schulen bringen sie so auch der Öffentlichkeit die Mundart näher. Ein Werkstattbesuch.

Grenzen überschreiten

Die Stadtbibliothek Schopfheim ist geschlossen. Aber an diesem Samstagnachmittag ist es nicht so ruhig wie sonst um diese Zeit. Heute sitzt dort eine Gruppe Autoren. Sie lauschen Berta Thurnherr-Spirig, die ihren Text vorliest. Wie alle eingereichten Beiträge ist dieser noch unveröffentlicht. Sie trägt ihn langsam vor, setzt die Worte mit Bedacht. Passend zum Thema der diesjährigen Literatur-Werkstatt "Über alli Grenze – Grenzen überschreiten" geht es um ein Kind, das im Jahr 1938 über die Grenze gebracht werden soll. Diese Geschichte hat eine ältere Dame Thurnherr-Spirig erzählt; beide kommen aus Diepoldsau in der Schweiz.

Die Autorin hat daraus "ganz nah am Ohr", wie sie sagt, einen Text in diesem Dialekt verfasst. Sie nennt ihn tippìlzouarisch, also diepoldsauerisch. Als sie vorliest, stellen sich bei den anderen hörbare Aha-Erlebnisse ein. Vieles, das anfangs unverständlich blieb, ergibt nun beim Hören einen Sinn. Trotzdem gilt es im Anschluss, Begriffe zu klären. "Hööchar" ist so einer, der, wie sich herausstellt, für das Verständnis der Geschichte sehr wichtig ist. Es bedeutet "der Höhere".

Die Liebe zur Mundart verbindet

Es ist eine intensive Textarbeit, die alle sieben Teilnehmer, umringt von Büchern, leisten. Oftmals ist es hilfreich, die geografischen Gegebenheiten zu kennen, um der Handlung folgen zu können. Der Austausch mit dem Österreicher, dem Wiesentäler, den beiden Schwaben, der Neckarbischofsheimerin und dem Elsässer hilft der Schweizerin, den Blick dafür nicht zu verlieren und das eventuell im Text noch zu erklären. Die Autoren geben stets konstruktive Anmerkungen, sie gehen sehr respektvoll miteinander um, sind aber durchaus kritisch. Die sieben Menschen, die dort in der Bibliothek sitzen, haben alle unterschiedliche Biografien, aber eines verbindet sie: die Liebe zur Mundart. Schnell gelangen sie von der bloßen Übersetzung einzelner Worte ins Schriftdeutsche zu Interpretationen der Texte. An diesem Nachmittag dürfen sie tatsächlich fragen: Was will uns der Autor damit sagen? Und die Chance, dass sie von ebendiesem eine Antwort bekommen, ist groß. Wobei das auch manchmal bewusst offen gelassen wird, wie Hans Dieter Mairinger aus Linz feststellt.

Von der Meta-Ebene zur Analyse

Albert Strickler, der einen Text auf Elsässisch vorgelegt hat, pflichtet ihm bei und nennt den Leser ein zusätzliches Element. Die Menschen, so Berta Thurnherr-Spirig, können so eine Verbindung zur erzählten Geschichte und zur Mundart aufnehmen. Von dieser Meta-Ebene bewegt sich das Fachgespräch zur detaillierten Analyse der Grammatik. Ob ein verwendetes Wort der Konjunktiv sei, möchte ein Teilnehmer wissen. Es entspinnt sich eine Diskussion über althergebrachte Formen, die kaum noch benutzt werden. Volker Habermaier fasst es zusammen: "Es ist die Rettung des Konjunktivs in der Mundart."Diese aus der früheren Zeit herübergerettete Sprache bringen die Autoren jedes Jahr auch der Öffentlichkeit näher. Sie arbeiten mit Schülern und halten Lesungen an mehreren Orten ab. Den Auftakt machte am Freitag eine Veranstaltung im Stapflehus in Weil am Rhein.
Die Literatur-Werkstatt

Der gebürtige Wiesentäler Markus Manfred Jung hat das Treffen 1989 ins Leben gerufen. Autoren mit unterschiedlichen Dialekten diskutieren über ihre bisher unveröffentlichten Texte und stellen sie anschließend der Öffentlichkeit vor. Die Teilnehmer sind Jung bekannt, auf viele stößt er bei seiner Arbeit als Präsident des Internationalen Dialektinstituts, das in Österreich sitzt.

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