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23. Juni 2014 18:13 Uhr

Bergbau

Stollen wiederentdeckt: Grüße aus Gersbachs Unterwelt

Plötzlich war da ein Loch: Bauarbeiter am Wegkopf in Gersbach haben einen alten Stollen freigelegt, genauer einen Stollenmund – ein Fenster zur Gersbacher Bergbaugeschichte.

  1. Fenster zur Untergrundgeschichte: Der kürzlich entdeckte Stollen Foto: Gerd Sutter

VERSCHÜTTETES WISSEN
Lange war das Wissen über den Bergbau in Gersbach in einem Zustand wie die Stollen – weitgehend verschüttet. Doch seit einiger Zeit schauen sich Forscher das Gebiet näher an. Auch wenn Erze wie Eisen, Pyrit und Kupfer im Gersbacher Raum eher kleinräumig vorkamen, war Bergbau zwischen den Jahren 1600 und 1850 mehr als eine Randerscheinung, weiß Werner Störk.

Die von ihm geleitete ehemalige Schülerforschungsgruppe Minifossi AG war einst übers Goldwaschen in Gersbach auf Bergbauspuren gestoßen und hat seitdem einiges an Wissen wieder ausgegraben. Dieses floss in aktuelle Forschungsliteratur ein, so ins Buch "Bergbau auf Lagerstätten des Südlichen Schwarzwalds" von Helge Steen, das 2013 erschien. "Wenn man vom historischen Schatzkästlein Gersbach spricht, gehört der Bergbau genauso dazu wie andere Themen", sagt Störk. So sei das "Golddorf" Gersbach – was die "kaum vorstellbare Dichte und Vielfältigkeit an historischen Spuren und Zeugnissen auf vergleichsweise engstem Raum angeht" – beim Bergbau genauso reich gesegnet wie bei den deutlich bekannteren Themen Schanzen und Glashütten. Die Gersbacher selbst haben freilich den Bergbau und sein Erbe wohl nie so recht als Segen empfunden. Indiz dafür ist, dass nur wenig über "Oral History", also mündliche Erzählungen, überliefert wurde, obwohl eine bisher unveröffentlichte Karte zeigt (Grafik), dass sich Bergbau über ganz Gersbach erstrecke. Da auch Aufzeichnungen spärlich sind, kam Rudolf Metz in seiner 1980 erschienen "Geologischen Landeskunde des Hotzenwalds" zu dem Schluss, dass der Bergbau "bei den Gersbachern in Vergessenheit geraten ist".

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"ERZFEINDE"
Selbst eindeutige Hinweise wie alte Gewann- und Flurnamen wurden von Gersbachern uminterpretiert. Da werden in Erzählungen etwa die Silberlöcher zu Stollen, in dem man Entführte gefangen hielt, um das Lösegeld in Form von Silbermünzen zu erpressen. Die Wahrheit ist weniger spektakulär: So fand sich an dieser Stelle einfach Erz, aus dem mit – allerdings erheblichem – Aufwand Silber gewonnen werden konnte.

Was steckt hinter dieser Haltung? Um das zu verstehen, muss man wissen, dass sie einst quasi "Erzfeinde" waren, der von Auswärtigen betriebene Erzbergbau und die Gersbacher Bevölkerung. "Bergbau war Geheimwissen. Die Arbeiter kamen aus der Fremde, aus Tirol oder aus Sachsen, und behielten diese Kenntnisse für sich", erklärt Störk. Auch hatte das In-den-Berg-Hineingehen immer etwas Mystisches, Geheimnisvolles. Die Gersbacher indes profitierten kaum von diesem Treiben im Untergrund, allenfalls als Karrenläufer, die das zu Tage Geförderte transportierten. "Das war aber nicht mehr als ein Zubrot für die Bauern", erklärt Störk. Kommt hinzu, dass neben den "Mundlöchern", also den Ausgängen der aufgegebenen Stollen, vor allem die senkrecht angelegten Luftschächte nicht nur für das Vieh eine Gefahr darstellten. Was nicht mehr genutzt wurde, sei von den Bauern deshalb zugeschüttet worden.

Dass in späteren Zeiten von einer Weiterverarbeitungsstätte unweit der Neusäge, einem Vitriolwerk, das zur Herstellung von Eisen- und Kupfervitriol (Vitriol = Sulfate), sowie Schwefelsäure und Beizmitteln diente, giftige Schwefelgase ausgingen, machte den Bergbau nicht beliebter. Wurden doch sämtliche Tannen ringsum zerstört. Es waren denn auch Proteste Gersbacher Bauern, die mit dazu führten, dass das Werk nach Todtmoos-Au verlegt wurde. Dass jedoch nur oberflächlich mit dem Ende des Bergbaus um 1850 dessen Spuren verschwanden, zeigt nicht nur jetzt die Entdeckung des Stollens. Auch zeugen alte Familiennamen von dieser Zeit. Einenkel, Esbich, Paul, Tschucherer, Witzemann – all diese Gersbacher Familiennamen gehen auf sächsische Bergbauleute zurück, die hiergeblieben sind.

WEITERE ÜBERRASCHUNGEN?
Unter der Erde schlummert denn wohl auch noch so manche Überraschung. Beispielsweise wusste Metz noch von einem 75 Meter langen Stollen, der bis zu einem Haus an der Rauschbachstraße führt. Gut möglich also, dass bei der Erschließung des Neubaugebiets Bergkopf weitere Funde zutage treten. Ausschließen lässt sich das jedenfalls nicht, "gibt es doch keine zeichnerischen Unterlagen, die auf eine genaue Lage von Stollen hinweisen", wie das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau auf Nachfrage der BZ mitteilt. Somit lässt sich auch nicht abschließend einschätzen, inwiefern hier möglicherweise (Einsturz-)Gefahren in der Tiefe schlummern – oder aber denkmalschützerisch wertvolles Gut. Doch könnte die Vergangenheit nicht nur in Sachen Neubaugebiet die Gegenwart beschäftigen. Da die für den Bergbau interessanten Gesteinschichten allesamt linienförmig in Nord-Südrichtung verlaufen und ihnen der Bergbau systematisch folgte, ist es naheliegend, dass sich der Bergbau bis auf den Rohrenkopf zog – der aktuell für Windkraft ein Thema ist. Es ist nicht auszuschließen, dass das unter der Oberfläche schlummernde Erbe hier noch für Wirbel sorgen könnte.
Bergbau in Gersbach

In Gersbach wurden spätestens seit dem 17. Jahrhundert nach Silber und anderen Erzen gegraben. Eine Eisenschmelze befand sich zunächst unweit der heutigen Talstation des Skiliftes. 1682 wurde die Schmelze nach einem Schaden – vermutet wird Sabotage – nach Hausen verlegt. Am Fuß des Fuchsbühls gibt es ebenfalls Spuren einer Schmelze. 1794 wird in einem Bericht eine seit 1788 bestehende Grube südlich von Gersbach erwähnt, "ein alter Stollen, welcher die alte Goldgrube genennet wird." Allerdings wurde wohl nicht nach Gold gesucht – mit "Goldgrube" dürfte Pyrit gemeint sein, das metallisch-golden glänzt. Um die Grube auszubeuten, wurde 1800 das Vitriolwerk errichtet, das bis 1829 betrieben wurde. Kupfererze wurden noch bis 1831 abgebaut. Danach ruhte der Bergbau, von einzelnen Erzerkundungen abgesehen, die aber alle wenig erfolgreich waren. Eine Episode ist aber noch interessant: In den 1880er Jahren wurde eine alte Grube am Fuchsbühl von Bürgern aus Zell geöffnet. Sie fanden Löcher vor, die teilweise "so weit und hoch waren, dass man ein Häuschen hineinstellen könnte..."

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Autor: hö