Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

14. Oktober 2013

Vauban und der Erbfeindschaft auf der Spur

Kombinierte Informations- und Exkursionsveranstaltung nach Alt- und Neu-Breisach von VHS und Museumsgesellschaft erfreute sich großer Beliebtheit.

  1. Gestatten? Laubanie, der „beste Freund“ Vaubans führte durch Neuf-Brisach. Foto: ZVG / Werner Störk 

  2. Vor historischer Kulisse: Die Teilnehmer der Exkursion. Foto: privat

  3. Beeindruckt von den Dimensionen der Mauern war so mancher Teilnehmer der Führung durch die Festung Neuf-Brisach. Foto: Privat

SCHOPFHEIM (BZ). Dem Festungsbaumeister Vauban und damit auch der eigenen deutsch-französischen Geschichte auf der Spur: Erstmals hat die VHS in Kooperation mit der Museumsgesellschaft Schopfheim im Rahmen ihres Schwerpunktthemas "Nachbarland Frankreich" ein kombiniertes Informations- und Exkursionsangebot nach Alt- und Neu-Breisach unterbreitet – diesem sind viele Interessenten aus der ganzen Region gefolgt.

Eine Schar Touristen genießt auf dem Exerzierplatz in Neuf-Brisach die wärmenden Strahlen der Herbstsonne, ein blauer Himmel überspannt das Farbenspiel des historischen Häuserensembles, überragt von der imposanten Garnisonskirche. Der Brunnen, an den die Gäste aus Deutschland entspannt lehnen, ist exakt das geometrische Zentrum der zum Weltkulturerbe zählenden Festungsstadt: Geplant von Vauban, dem Festungsbaumeister von Ludwig XIV. und errichtet von über 3000 Handwerkern und Soldaten.

Plötzlich: Ein mit Degen bewaffneter Mann in ungewöhnlicher Kleidung nähert sich der Gruppe, zieht in einer Verbeugung galant seinen mit der königlichen Lilie geschmückten Dreispitz vom Kopf und stellt sich als Laubanie vor, erster Gouverneur der Stadtfestung Neuf-Brisach.

Werbung


Als bester Freund Vaubans wäre es ihm eine besondere Ehre, die Gäste durch seine Stadt zu führen, sagt er, während er seinen sorgfältig geflochten Zopf akkurat nach hinten drapiert. Dann beginnt er mit leuchtenden Augen und großen Gesten von Vauban und dessen meisterlichen Fähigkeiten als Mathematiker, Festungsbauer, Ingenieur, Soziologen, Statistiker, Wasserbauermeister und Steuerexperten (er wollte für den Adel und die Geistlichkeit den "Königlichen Zehnten" einführen) zu erzählen.

Neuf-Brisach gilt als Vaubans Meisterstück

"Folgen Sie mir!": Seine Aufforderung im strengen militärischen Ton duldet keinen Widerspruch – die Gäste leisten ihm dennoch gerne Folge, denn jetzt beginnt die Führung durch das Weltkulturerbe, mit einem ersten Rundumblick in die Geschichte des barocken Frankreichs: Im Westfälischen Frieden 1648 fiel das damals zum Reich gehörende rechtsrheinische Breisach an Frankreich. Ludwig XIV. betrachtete es als Teil seines Königreichs. Er ließ Vauban die Festung ausbauen und das heute noch vollständig erhaltene Rheintor prächtig ausgestalten. Am Ende des Pfälzischen Krieges musste Frankreich 1697 im Frieden von Rijswijk Breisach wieder dem Reich zurückgeben – doch erst, nachdem Vauban 1700 die Lücke im französischen Festungsgürtel mit dem Bau von Neuf-Brisach geschlossen hatte.

Neuf-Brisach gilt als Vaubans Meisterstück und prägte noch jahrzehntelang die europäische Festungsbaugeschichte.

Angesichts der wechselvollen Historie von Breisach und Neuf-Brisach führt "Laubani" seine Gäste mit einer erstaunlichen Fachkompetenz durch die Festungsanlage. Sattelfest in allen militärisch-strategischen Fragen, welche Vauban beim Bau seiner 160 Festungen und vor allem und gerade in Neuf-Brisach meisterlich integrierte, erläutert er beim Gang durch die äußeren Grabenanlagen detailliert die Angriffs- und Verteidigungsszenarien, der sich die Soldaten einst ausgesetzt sahen. Und auch das Alltagsleben in dieser Festung war keinesfalls so romantisch, wie es heute die kleinen bunten Häuserreihen rund um den einstigen Exerzierplatz vermuten lassen. Mit kleinen Geschichten erhielt man so Einblick in den soldatischen Alltag, der von hartem Drill und strenger Disziplin geprägt war.

Fasziniert von der Zeitreise in die Epoche des Barocks und des feudalen Absolutismus, erkundeten die Exkursionsteilnehmer unter der Führung von Gouverneur Laubanie kühle Kasematten und dickwandige Pulverkammern, durchschritten gewaltige Tore und staunten über die beeindruckenden Bastionen, mit der Vauban die Festung ausstatten ließ.

Auf den Besuch in der französisch-elsässischen Festungsstadt sowie dem Breisacher Münsterberg hatte Exkursionsbegleiter Werner Störk die 30 Teilnehmer mit einem speziellen Informationsabend vorbereitet. Der Vortrag ermöglichte Einblicke in die Epoche des Barocks (1615 - 1715), einer Zeit kultureller Leistungen von Weltgeltung – sei es in der Architektur, der Malerei,, der grafischen Gestaltung, der Musik oder der Literatur.

Erbfeindschaft beginnt mit Zerstörungszügen

Dafür stehen Namen wie Rembrandt, Cleasz, Hals, Moliere, Goya, Bach, Händel, Haydn, Mozart, Fischer, Neumann oder Bernini – weltberühmte Künstler. Gleichzeitig wurde diese Epoche jedoch auch geprägt von zwölf europäischen Kriegen.

Ausgerüstet mit diesem aufgefrischten Wissen, erlebten die Teilnehmer aus Schopfheim, Todtnau, Lörrach, Weil und Rheinfelden zunächst auf dem Münsterberg in Breisach eine erste Führung durch das Stephansmünster sowie durch die historische Oberstadt. Bei herrlichem Bildbuchwetter öffnete sich der weite Blick hin zu den Höhen des Schwarzwaldes und nach Westen über den Rhein nach Frankreich, wo Vauban "nur etwas mehr als einen Kanonenschuss" von Breisach entfernt, die Festung Neuf-Brisach errichten ließ. Für die rechtsrheinische Seite verband sich mit dem Namen Vauban aber auch immer unsägliches Leid, da von seinen Festungswerken aus französische Truppen ihre gefürchteten Kontributionszüge unternahmen. Gerade im Markgräflerland litt die Zivilbevölkerung unter diesen brutalen Beutezügen, vor allem die evangelische Markgrafschaft. Rare Nahrungsmittel und Baumaterialien wurden abgepresst und Arbeitskräfte direkt vom Feld oder vom Hof weg zum monatelangen Festungsbau zwangsrekrutiert.

Wurde das rechtsrheinische Gebiet der Oberrheinebene zunächst nur von französischen Truppen betreten, um hier ihre Kontributionen abzupressen, folgten ab 1689 am Rhein entlang massive Zerstörungszüge mit der Absicht, rechtsrheinisch langfristig einen Wüstungsgürtel anzulegen. So wurden in vier großen Wellen zwischen 1674 und 1714 rechtsrheinisch alle wichtigen Siedlungen zerstört, der Wüstungsgürtel reichte von Grenzach im Süden bis nach Worms im Norden. Es war jene Zeit, in der von Ludwig XIV. den Rhein für Frankreich zur "natürlichen Grenze Frankreichs" erklärte und unter dem verheerenden Eindruck der Verwüstungen bei der rechtsrheinischen deutschen Bevölkerung erstmals der Begriff vom "Erbfeind" Frankreich geprägt wurde. Hier liegen die Wurzeln für die nachfolgenden schweren kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Deutschland.

Hatte bereits der Film- und Infoabend vielen neue Aspekte eröffnet, wurden diese durch das direkte Erleben und die professionellen Führungen um ein Vielfaches erweitert. Daher bot dieser Ausflug in die Geschichte nicht nur faszinierende Einblicke in die Festungsbaukunst, sondern auch erstaunliche Einblicke in die regionale wie in die europäische Geschichte. "

Autor: bz