Wenn Wasser sich in Wald verwandelt

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mo, 23. April 2018

Schopfheim

Der Staufener Maler David Stegmann stellt in der Schopfheimer Kulturfabrik aus / Serie "Schwarzwaldstille" im Zentrum.

SCHOPFHEIM. Etwas Mystisches und Geheimnisvolles geht von den Bildern aus, die David Stegmann auf Einladung des Kunstvereins Schopfheim in der Kulturfabrik ausstellt. Der Maler aus Staufen taucht den großen Raum in eine besondere Sphäre, denn die Arbeiten in Acryl, Acrylharz und Acryllack auf Leinwand, die Ölbilder und Werke auf Papier changieren zwischen Landschaft, abstrakter Malerei und gestisch-dynamisch transformierten Natureindrücken. Bis Ende Mai ist seine Ausstellung zu sehen.

Stegmann lässt sich zwar von Motiven aus der Natur inspirieren, aber er bildet sie nicht realitätsgetreu ab. Vielmehr interpretiert er das klassische Genre der Landschaftsmalerei völlig neu, anders und sehr individuell, bricht es spannend auf, indem er gesammelte und im Kopf gespeicherte Naturimpressionen in vieldeutige abstrahierte Malerei umsetzt. Ohne Vorskizzen entstehen die Bilder in einem intuitiven und freien Malprozess und entwickeln eine faszinierende Sogkraft, Tiefe und magische Atmosphäre, die den Betrachter stark in Bann zieht.

Bei der Eröffnung am Samstag lenkte der Laudator Franz Armin Morat vom Morat-Institut Freiburg, eine Koryphäe in der Kunstszene, die Blicke der Vernissagebesucher auf ein großformatiges Bild an der Stirnwand, um zu verdeutlichen, wie sich die Wahrnehmung dieser Malerei abhängig von Raum, Sichtweise und Licht verändert. Das Bild stammt aus der Reihe "Schwarzwaldstille".

Aus dunkelblauen Wolken regnet es auf eine mystische Landschaft, aus der sich angedeutete Hügel und bergige Formen erheben. In fließenden Farbspuren regnen ganze Ströme von Wasser herab, wie ein Wasserfall, die parallelen Farbstreifen links und rechts bilden "einen Vorhang von herabströmendem Wasser", wie es Morat beschrieb. Wenn man sich aber vom Bild entfernt, es aus anderer Perspektive, aus der Distanz betrachtet, geschieht etwas völlig Unvermutetes. Die Streifen von Wasser, die fließenden Farblinien verwandeln sich in einen Wald von Bäumen, in schmale dunkle Baumsilhouetten, die aus dem landschaftlichen Bildgrund zu wachsen scheinen.

Geheimnisvolle Urkräfte und Naturzauber auf Leinwand

Ähnliche Erfahrungen mit der Wahrnehmung und dem Erscheinungsbild der Malerei lassen sich auch in anderen Werken der Reihe "Schwarzwaldstille", aber auch in den Bildern ohne Titel machen. Bevorzugt in Grau-Schwarz-Weiß-Nuancen, aber auch tiefen Blautönen, lässt David Stegmann landschaftliche Assoziationen entstehen, die viel von den geheimnisvollen Urkräften und dem elementaren Zauber der Natur auf die Leinwand bringen. Das Auge taucht ein in assoziative Landschaften von fantastischer Tiefenwirkung, sieht Bergiges, Wasser, gewaltige Wolkenballungen, wahre Wolkengebirge, Baumsilhouetten, graues Geäst von kahlen Bäumen, neblige, regnerische Atmosphären, alles abstrahiert in einer Malerei von enormer Suggestionskraft.

Neben der Werkgruppe "Schwarzwaldstille" zeigt der gebürtige Freiburger auch Arbeiten, in denen die Gestik, die Dynamik, die dichten Strukturen stark im Vordergrund stehen. Explosiv und expressiv im heftigen, schwungvollen Pinselgestus, pastos und teils reliefhaft im Farbauftrag wirken diese Bilder, in denen der Maler mit breitem Pinsel und anderem Malwerkzeug arbeitet, Farben, Spuren aufträgt, wieder wegkratzt. Die vehementen Farbspuren und die gestische Bewegung, die sich in diesen Bildern Bahn brechen, symbolisieren auf abstrakte Art auch die gewaltigen Kräfte der Natur, aber auch die Spuren des Menschen in diesem Prozess. Eine ähnliche Assoziation kommt in Bildern auf, in denen der Maler gleichsam Ausschnitte und Details aus naturhaften Prozessen wie aus einem Mikrokosmos sehr reduziert in freie gestische Malerei übersetzt. Da ergeben sich Formen und Bewegungsspuren, wie wenn Leben entsteht, wie bei einer Zellteilung: eine herausragende Malerei, die dem Betrachter neue Räume öffnet.

Die Ausstellung ist bis 30. Mai in der Kulturfabrik Schopfheim zu sehen, Mittwoch, Samstag, Sonntag 14-17 Uhr.