Die Bäuerin vom Haagseppenhof nutzt alles, was wächst

Egal was im Bauerngarten wächst – nichts ist umsonst

Beate Zehnle-Lehmann

Von Beate Zehnle-Lehmann

Fr, 31. August 2018 um 13:27 Uhr

Schuttertal

In einer kleinen Reihe stellt die BZ Frauen vor, die alte Bauerngärten pflegen und alles, was darin wächst, zu nutzen wissen. Heute: Lisa Himmelsbach auf dem Schönberg bei Seelbach.

SEELBACH. Die Kraft der Natur und ihre Vielfalt an Produkten kehrt immer mehr zurück in das Bewusstsein der Menschen. Vor allem in ländlichen Gebieten wie dem Schuttertal schöpfen die Leute aus der Reichhaltigkeit der Arten und verarbeiten wild Gewachsenes oder selbst Gepflanztes in vielerlei Form. Die Badische Zeitung stellt in einer kleinen Reihe Frauen vor, die Gesundes, Genüssliches und Heilsames herstellen, es vermarkten oder zu anderen Zwecken nutzen. Dabei schöpfen sie aus ihren Bauerngärten und aus Wald und Wiesen. Heute: Lisa Himmelsbach.

Lisa Himmelsbach ist schon immer ein Naturkind gewesen. So sieht sie sich auch selbst. Auf einem Bauernhof im Schuttertal groß geworden, lebt sie heute mit ihrer Familie auf dem Haagseppenhof im Seelbacher Ortsteil Schönberg. Ein Blickfang, dem man sich nicht entziehen kann, ist dort zweifellos der große Bauerngarten, der seit 1775 an gleicher Stelle und nun in sechster Generation von Lisa Himmelsbach bewirtschaftet wird.

Was wild und anders als ein typischer Garten mit exakt angelegten Beeten wirkt, hat in Wahrheit eine bewusste Ordnung. Hier wächst nichts ohne Bestimmung, sagt Lisa Himmelsbach, die sich zur Phytoexpertin (Heilpflanzenkunde) weitergebildet hat und in Sachen Natur aus dem Vollen schöpft. Sie kennt sich aus mit Kräutern, Pflanzen, Gemüse, Beeren, Zapfen und Wurzeln. Ihr Fachwissen, das sie unter anderem an der Freiburger Heil- und Pflanzenschule erworben hat, paart sie mit alter Volksheilkunde und eigener experimenteller Neugier. Man hört ihr gerne und gespannt zu, wenn sie von den Naturkräften erzählt. Für den Gast hat das durchaus etwas Meditatives. "Ich schöpfe aus dem Garten, den Äckern, Wiesen und aus dem Wald", sagt sie mit Respekt vor allem, was die Natur wachsen lässt.

In ihrem Bauerngarten haben auch die meist unerwünschten Unkräuter, auch Beikräuter genannt, ihren Platz: Für Lisa Himmelsbach bilden sie eine Symbiose mit den Kulturpflanzen wie etwa Tomaten, Zucchini, Rosmarin, Stangenbohnen und vielem mehr. "Die Beikräuter lockern mit ihrer Wurzelbildung den Boden, sorgen für ein chemisches und biologisches Gleichgewicht und sind auch für die Schädlingsbekämpfung wichtig".

"Genuss ist ganz wichtig.

Und das Schöne heilt."

Lisa Himmelsbach
Als Beispiel nennt sie den Portulak ("für manche ein "Gartenschreck"), den Lisa Himmelsbach als alte Volksheilpflanze und kulinarisch verwertbares Gewächs schätzt. Die Wurzeln des Löwenzahns trocknet sie: "Wer sie etwa eine halbe Stunde nach dem Essen kaut, der tut Gutes für die Verdauung mit einem alkoholfreien Digestif." Die Pflanze, die zu Unrecht einen schlechten Ruf habe, trage viele Heilstoffe in sich. Heilsam seien auch Ebereschenbeeren, deren Bitterstoffe auf Herz und Bauspeicheldrüse oder gegen Übelkeit wirkten und die man außerdem in Cremes, Heilsalben oder Likören verarbeiten könne.

Lisa Himmelsbach stellt Waldmeistersirup aus den Triebspitzen der Douglasien her, Sirup aus Holunderblüten und Wiesenblüten. Aus dem Ölauszug vom stumpfen Ampfer wird eine Heilsalbe bei Brandblasen, aus Klettenwurzeln eine Salbe gegen schrundige Lippen und eine Pflege für die Haut. Sie macht Pesto von Wiesenkräutern, Kräutersalz, Liköre mit Lavendel und Ebereschenbeeren sowie ungesüßte Bitterschnäpse und Tees aus wilder Brombeere, Fenchel oder den Blättern der Walderdbeere.

Wie alle ihre Produkte ist auch der Lavendelzucker ein Genuss für die Sinne. "Die Pflanzen sind analytisch gesehen ein hochkomplexes Chemielabor", sagt sie überzeugt. Was Lisa Himmelsbach noch von der Mutter oder Oma weiß, sieht sie als wertvollen Schatz. Die Kombination aus Volksheilkunde und der Pflanzenkunde heute ist für sie die Basis. Ganz wichtig ist das tägliche Essen, das bei den Himmelsbachs mit viel frisch verarbeiteter Natur auf den Tisch kommt.

Einen Hofladen betreibt sie nicht, vielmehr können die Feriengäste auf dem Haagseppenhof mit ihr die Produkte herstellen. Allgemein bietet sie auch Wildkräuterspaziergänge an sowie Kurse zur heimischen Botanik und zur Zubereitung von Heilsalben, pflanzlicher Kosmetik und gesunden Nahrungsmitteln.

In ihrem Bauerngarten bleibt alles stehen, gejätet wird nicht. Und so finden schon früh im folgenden Frühjahr Schmetterlinge, Bienen oder Vögel an den – wenn auch alten, vertrockneten – Samenständen Nahrung. Dadurch schließe sich ein natürlicher Kreis, ist Lisa Himmelsbach wichtig. Sie betont aber auch: "Genuss ist ganz wichtig. Und das Schöne heilt. Wichtig ist, dass man sich selbst etwas wert ist und sich pflegt – was immer auch jeder als schön empfindet. Die Natur hält dafür Vieles bereit."

Weitere Informationen unter: http://www.haagseppenhof.de