Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

04. Juli 2012

Schwätzen gegen den Saufdruck

Eine Selbsthilfegruppe in Löffingen will Alkoholkranken helfen / Ein trockener Alkoholiker berichtet.

  1. Alkoholismus kann behandelt werden – aber nur, wenn der Betroffene sich auch helfen lassen will. Foto: dpa

LÖFFINGEN. Trinkst du noch oder lebst du wieder? So spaßig wie der ähnlich klingende Schlachtruf eines schwedischen Möbelhauses ist der von Kreuzbund-Mitgliedern gern verwendete Slogan nicht. Dem Kampf gegen die Alkoholkrankheit der Mitglieder der Selbsthilfegruppe geht ein jahrelanges Martyrium voraus, von dem nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Familien, ihre Arbeitskollegen, ihr ganzes Umfeld betroffen waren.

Anfangen tut es meist mit geringen Mengen Alkohol, deren Wirkung die scheinbar kleineren Probleme erleichtert. Aber bei neuen Problemen greift man wieder nach Wein, Bier und Schnaps. Und wenn es besonders kritisch wird, wird sogar Melissengeist und Rasierwasser runtergespült. Alles andere wird ausgeblendet, zu wichtig ist das wohlige Gefühl, wenn sich der Alkohol im Körper ausbreitet und der Frust verschwindet. So oder ähnlich beschrieben viele Teilnehmer der Kreuzbund-Treffen ihren Weg in die Alkoholsucht.

Die Schnapsflasche immer in der Fahrertür

Um einen Weg aus dem selbstzerstörenden Teufelskreis heraus zu finden, bietet der Kreuzbund regelmäßige Zusammenkünfte in Löffingen an. Suchtkranke und Angehörige erhalten Hilfe, um aus der Sucht auszusteigen. In Selbsthilfegruppen erfahren sie durch Gespräche Hilfe zur Selbsthilfe.

Werbung


"Das Zugeben des Suchtproblems ist der erste Schritt sich helfen zu lassen" weiß Kurt Hasenfratz aus Unadingen aus Erfahrung. Seit 24 Jahren kommt der 67-Jährige ohne Alkohol aus. Er hat die Suchtkrankheit in allen Facetten erlebt, hat dabei Leben, Gesundheit, Familie und Beruf aufs Spiel gesetzt. Dass er als "saufender" Kraftfahrer ein erhebliches Verkehrsrisiko darstellte, wollte er damals nicht wahrhaben.

Neben der Flasche Cola stand immer eine Flasche Schnaps in der Fahrertür, beide waren nach Feierabend leer. Frau und Kinder litten ständig unter seiner Sucht, Angst, Scham und Vertuschung wechselten sich ab. Einmal legte er sich bei einem Fußballspiel in Hüfingen mit einem Zuschauer an und verpasste diesem einen Faustschlag. Dass es sich ausgerechnet um einen Polizisten in Zivil handelte, wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht. Dieser bot ihm zwar nicht körperlich Paroli, dafür wartete er, bis sich Hasenfratz hinters Steuer setzte. Sein Alkoholpegel lag bei 3,4 Promille, als ihn die Polizei kontrollierte. Die dramatische Verschlechterung seines Gesundheitszustandes öffnete ihm schließlich die Augen.

Seine Familie stand zu ihm

"Ich musste erst richtig auf die Schnauze fallen" blickt er auf eine leidvolle Zeit zurück. Die Entziehungskur hat er ohne Entzugserscheinungen "gepackt", was ihm vieles erleichterte. Seine Familie stand zu ihm, auch wenn sich nach dem Entzug alles änderte: "Was ich vorher durchließ, einfach weil es mir egal war, verbot ich jetzt auf einmal meinen Kindern. Oder was ich vorher kritisierte, war jetzt auf einmal in Ordnung." Doch gemeinsam stand man auch dies aus. Dass er in der Firma Wintermantel einen verständnisvollen Arbeitgeber hatte, der ihn anschließend wieder als Kraftfahrer und Mischmeister beschäftigte, sei ebenfalls ein Glücksfall, der nicht jedem Suchtkranken zuteilwerde. Ihn selbst habe diese Unterstützung ungemein vorangebracht. "Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit mit sehr guten Behandlungschancen, wenn der Betroffene Hilfe annimmt" sagt er.

Der Kreuzbundgruppe verdanke er ebenfalls sehr viel. 1992 übernahm er als Leiter eine Gruppe in Neustadt, mit der er durch Vermittlung des damaligen Bürgermeisters Frank Schmitt in den Gebertsaal nach Löffingen zog. Zwei Jahre später konnte die "Löffinger Gruppe" im Schulhaus in Unadingen einen Raum beziehen. Die Gruppenarbeit soll es den Teilnehmern ermöglichen, ihre Probleme zu lösen und sich im Alltag zurecht zu finden und eine positive Lebenseinstellung zu gewinnen. Die Weitergabe von Informationen, Wissen und Erfahrung im Rahmen der Alkohol- und auch Medikamentenabhängigkeit steht bei den Treffen im Vordergrund. Auch bietet der Kreuzbund Seminare zu verschiedenen Themen wie "Rückfall" oder "Partnerschaft" an. Alle Aktivitäten der Kreuzbund-Gruppen haben das Ziel der zufriedenen Abstinenz.

Die von Hasenfratz seit neun Jahren geleiteten Wanderwochen, die die alkoholfreien Freizeitangebote ergänzen, finden dabei großen Anklang. In seiner Zeit als Gruppenleiter hat Hasenfratz viele Suchtkranke kennengelernt, die trocken geblieben sind, allerdings auch einige Rückfälle erlebt. "Wenn nur einer von 100 Suchtkranken durchhält und wieder voll arbeiten kann, ist das ein großer Erfolg", sagt er. Auch wenn er heute "nur noch" Kassierer der Löffinger Gruppe ist, so steht er weiterhin als Ansprechpartner für jeden mit Alkoholproblemen zur Verfügung. "Denn oftmals hilft schon das Schwätzen, wenn der Saufdruck zu groß ist", sagt er.

Kreuzbund in Löffingen

Die Gruppenabende finden im 14-tägigen Rhythmus jeweils freitags in den geraden Kalenderwochen von 20 Uhr bis 21.30 Uhr im Erdgeschoss des Rathauses in Unadingen, Lindenstraße 10, statt. Ansprechpartner sind Friedrich Mey, Tel. 07657/933174, und Kurt Hasenfratz, Tel. 07707/237.

In den ungeraden Kalenderwochen finden Treffen jeweils dienstags um 19.30 Uhr bis 21 Uhr im obersten Stockwerk des Thomasheims, Adolf-Kolping-Straße 19, in Neustadt (Aufzug ist vorhanden) statt. Ansprechpartner ist Jörg Bohm, Tel. 07651/933989.  

Autor: cm

Autor: Christa Maier