"Die Überzeugungsarbeit war mitunter langwierig und schwierig"

skk

Von skk

Mo, 26. März 2018

Schwarzwald-Baar-Kreis

BZ-INTERVIEW mit Thomas Kring, dem Leiter des Naturschutzgroßprojektes Baar, das nach vierjähriger Planungsarbeit jetzt starten kann.

SCHWARZWALD-BAAR.KREIS (gal). Das Naturschutzgroßprojekt Baar kann bald starten. Im BZ-Interview erläutert der Diplomagraringenieur Thomas Kring die Ziele des Projektes.

BZ: Was macht die Baar so besonders?
Kring: Die Baar ist von großer ökologischer Bedeutung für Fauna und Flora. Durch ihre geografische Lage verbindet sie nicht nur die europäischen Flusssysteme von Donau und Rhein, sondern bildet auch ein wichtiges Netzwerk der Wald-, Trocken- und auch Feuchtlebensräume des Schwarzwaldes und der Schwäbischen Alb. Sie bietet Lebensraum für zahlreiche schützenswerte Tier- und Pflanzenarten. Obendrein gilt die Riedbaar als wichtiges Rückzugs- und Brutgebiet für Wasservögel und seltene Wiesenbrüter. Um bereits vorhandene sowie neue schützenswerte Flächen auf der Baar zu sichern, wurde das Naturschutzgroßprojekt Baar ins Leben gerufen, mit dem man sich im Schwarzwald-Baar-Kreis bereits seit dem Jahr 2008 beschäftigt.
BZ: Was versteht man genau unter dem Projekt und wie wird es gefördert?
Kring: Bereits im Jahr 1979 wurde von der Bundesrepublik die Bundesförderung Naturschutz "chance.natur" ins Leben gerufen. Sie fördert mit finanziellen Mitteln die Errichtung und Sicherung schutzwürdiger Teile von Natur und Landschaft von gesamtstaatlicher Bedeutung. Der ehemalige Landrat Karl Heim gab damals den Anstoß, die charakteristische Landschaft der Baar als Naturschutzgroßprojekt auszuweisen. Die vorhandenen Lebensräume von Trocken- und Feuchtgebieten sowie die große Anzahl von Gewässern bilden hier einen einmaligen Biotopverbund von regionaler, nationaler und sogar internationaler Bedeutung, auch wegen dem besonderen Rastgebiet für Zugvögel. Hier befinden sich auch Reste von Mooren und Vorkommen von seltener Fauna und Flora, die teilweise stark gefährdet sind. Wir wollen die bestehenden Flächen für den Artenschutz verbessern und neue Lebensräume bereitstellen. Das ist enorm wichtig für den Bestand der Tiere und Pflanzen in unserer Kulturlandschaft.
BZ: Welche Fläche umfasst das Naturschutzgroßprojekt Baar und wer ist daran beteiligt?
Kring: Das Gebiet ist etwa 440 Quadratkilometer groß und befindet sich hauptsächlich im Schwarzwald-Baar-Kreis, aber auch im Landkreis Tuttlingen. 17 Fördergebiete wurden bestimmt. Die Kommunen Königsfeld, Mönchweiler, Brigachtal, Villingen-Schwenningen, Bad Dürrheim, Donaueschingen, Bräunlingen, Hüfingen, Blumberg und Geisingen sind mit Teilflächen beteiligt.
BZ: Wie ist das Projekt angelaufen?
Kring: Ein detaillierter Pflege- und Entwicklungsplan ist Grundlage und Voraussetzung für das Naturprojekt. Dazu haben Mitarbeiter der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt aus Nürtingen-Geislingen mit Hilfe von Fachleuten einen Plan erstellt und sämtliche Kartierungen vorgenommen. Das gesamte Gebiet wurde dafür abgelaufen. Zudem mussten in der rund vierjährigen Planungsphase Gespräche mit den Flächeneigentümern geführt werden, um die Menschen von den geplanten Maßnahmen zu überzeugen. Das heißt, wir mussten zehn Kommunen, dem Fürstenhaus, Landwirten und Waldeigentümern unsere Planungen vorstellen und hoffen nun, mit ihrer Zustimmung rechnen zu können. Diese Überzeugungsarbeit war mitunter langwierig und schwierig. In den Gesprächen galt es zu klären, ob und wie man die entsprechenden Maßnahmen umsetzen kann und wir mussten dazu die vertraglichen Regelungen über einen Ausgleich klären. Diese vierjährige Planungsphase ist nun abgeschlossen.
BZ: Und wie geht es weiter?
Kring: Mit der Umsetzung kann sofort begonnen werden, wenn der Fördermittelbescheid vorliegt. Wir hoffen auf einen baldigen Start.
BZ: Welche Maßnahmen sind geplant und wie sehen diese auf ausgewiesenen Flächen im Städtedreieck aus?
Kring: Die Maßnahmen auf landwirtschaftlichen Flächen könnten zum Beispiel eine Beweidung mit Schafen und Ziegen, eine Waldbeweidung oder extensive Gründlandnutzung umfassen. Im Forstbereich gilt es, an verschiedenen Stellen die Waldränder lichter zu gestalten. Hier soll ein offener und fließender Übergang mit Büschen den verschiedenen Kleinstlebewesen als Lebensraum dienen. Darüber hinaus kann man Flächen aus der Nutzung herausnehmen, damit sich der Wald selbst entwickeln kann. Der Waldumbau spielt eine ganz wichtige Rolle. Auf dem Fürstenberg wäre eine solche offene Waldrandgestaltung von Bedeutung, man könnte hier mehr freie Flächen schaffen. Am Riedsee wollen wir Flachwasserzonen einrichten und die Auflichtung und Beweidung kleiner Flächen vornehmen, im Hammeltal wollen wir unerwünschte Gehölze zurückdrängen und damit eine Optimierung der Weide schaffen, in Deggenreuschen-Rauschachen, im Orchideenwald, wollen wir den Standort für den Frauenschuh und Widerbart optimieren sowie den Waldbestand stabilisieren und auf der Jungviehweide die Obstbäume pflegen und ebenfalls den Waldrand umgestalten. Und in Birkenried-Mittelmeß bei Pfohren liegt uns eine naturschutzfachliche Optimierung zusammen mit den Landwirten besonders am Herzen, weil sie hier von großer Bedeutung ist.
BZ: Was kostet das gesamte Projekt und wie wird es finanziert?
Kring: Die Umsetzung der vorliegenden Pläne ist von 2018 bis 2028 gedacht. Die Kosten dafür werden mit 8,6 Millionen Euro beziffert. 75 Prozent davon leistet das Bundesumweltministerium, 15 Prozent steuert das Umweltministerium von Baden-Württemberg dazu und zehn Prozent die zwei Projektträger, also der Schwarzwald-Baar-Kreis und der Landkreis Tuttlingen.