Schwebender Klang

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Sa, 26. Januar 2019

Klassik

Das renommierte Freiburger Raschèr Saxophone Quartet besteht seit 50 Jahren / Konzert am Sonntag in der Christuskirche.

Kenneth Coon ist krank. Seit 1993 spielt der 51-jährige US-Amerikaner im Raschèr Saxophone Quartet das Baritonsaxofon und ist damit der Dienstälteste im international renommierten Freiburger Ensemble, das in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert. Die Probe muss trotzdem stattfinden, weil wichtige Projekte anstehen. So ist das Quartett an diesem Morgen im Dachgeschoss der Musikschule Gundelfingen, seinem festen Prob
eraum, nur zu dritt. Auf den Notenständern liegt "Eleven Evil Elves" von Bernhard Gander, das der Wiener Komponist für das Saxofonquartett geschrieben hat. Die Uraufführung steht am 9. Februar beim Eclat-Festival in Stuttgart an. Für nächstes Jahr ist die Fassung mit Orchester geplant.

Christine Rall (Sopransaxofon) und Elliot Riley (Altsaxofon) beginnen bei dem im Elfachtel-Takt geschriebenen Stück mit parallelen Linien, die sich schon bald rhythmisch verschieben und auch mit Vierteltönen für Reibungen sorgen. Dann setzt das Tenorsaxofon (Andreas van Zoelen) ein – und die Musik wird zu einem noch dichteren Geflecht. Einzelne Takte schauen sich die Drei genauer an und legen rhythmische Betonungen fest. Die Sprache wechselt zwischen Englisch und Deutsch. "In a world unspoken" von Victoria Borisova-Ollas für Saxofonquartett und Orgel, das beim Konzert am Sonntag in der Christuskirche auf dem Programm steht, hat eine lyrischere Note. Das Zusammenspiel der drei gelingt traumwandlerisch. Das Ensemble klingt weich und sphärisch.

Der besondere Klang ist das Markenzeichen des Ensembles. "Schwebend, ausdrucksstark, delikat, homogen in allen Registern", beschreibt Christine Rall (49), die seit 2002 im Ensemble spielt, den Sound der Formation. Das Klangideal hat viel mit dem Spiel des Ensemblegründers Sigurd Raschèr zu tun. "Als ich mit zwölf Jahren zum ersten Mal eine Aufnahme von ihm gehört habe, klang das, als würden drei Saxofone gleichzeitig spielen – so viele Farben, solch ein Reichtum!", erzählt Elliot Riley (40) begeistert. Der 1907 in Elberfeld (heute ein Stadtteil von Wuppertal) geborene Raschèr war einer der wichtigsten Vertreter des klassischen Saxofonspiels und erweiterte mit dem sogenannten Altissimo-Register den Tonraum des Instruments nach oben.

1969 gründete der in die USA emigrierte Künstler gemeinsam mit seiner Tochter Carina und seinen Schülern Bruce Weinberger und Linda Bangs das Raschèr Saxophone Quartet, dem über 300 Werke gewidmet wurden. Die Tradition lebt in der heutigen Besetzung weiter. Zum einen studierten Christine Rall und Andreas van Zoelen bei Carina Raschèr; das Gründungsmitglied Bruce Weinberger war noch bis 2014 dabei. Zum anderen spielt das Ensemble auf in den 1930er Jahren gebauten Buescher-Instrumenten und den sogenannten Raschèr-Mundstücken. "Wir kombinieren ein hartes Blatt mit diesen speziellen Mundstücken, die eine große Luftkammer haben. Das gibt in Verbindung mit den besonderen alten Instrumenten, die schon lange nicht mehr gebaut werden, diesen weichen, warmen Klang", erklärt der Niederländer Andreas van Zoelen (40), der vor fünf Jahren für Bruce Weinberger ins Ensemble kam. Aber klingt das Raschèr Saxophone Quartet bei jedem Komponisten gleich? "Wir haben schon eine besondere Homogenität, aber innerhalb dieses Mischklangs können wir natürlich auch Akzente setzen", so Elliot Riley. "Die Balance ist auch ein wichtiges Gestaltungsmittel – hierzu gibt Ken, unser Baritonsaxofonist, immer wichtige Impulse."

Eine größere Bekanntheit in Freiburg wird angestrebt

Seit über zehn Jahren hat das Raschèr Saxophone Quartet seinen Sitz in Freiburg, wird aber in der Stadt nur wenig wahrgenommen. Das soll sich im Jubiläumsjahr ändern. Ein im Herbst gegründeter Freundeskreis mit den Vorsitzenden Christian Eisert und Karl-Reinhard Volz kümmert sich um eine eigene Konzertreihe in Freiburg und Umgebung. "Dabei behalten wir unsere künstlerische Unabhängigkeit, was die Programmplanung angeht – das war uns sehr wichtig", sagt Andreas van Zoelen. Auch die zahlreichen musikpädagogischen Aktivitäten des Ensembles wie die jährlich beim Oberbadischen Blasmusikverband Breisgau stattfindende Akademie, die sich speziell an Amateure wendet, sollen unterstützt werden.

Dazu passt auch, dass das Saxofon vom Landesmusikrat zum "Instrument des Jahres 2019" gekürt wurde. Dabei kennt man das Instrument vor allem aus dem Jazz- und Popbereich. Ursprünglich wurde es vom Belgier Adolphe Sax 1840 aber als Orchesterinstrument erfunden, das mit seinem weichen Klang die Holzblasinstrumente mit den Blechbläsern und Streichern gut verbinden sollte. Diese klassische Klangkultur pflegt das Raschèr Saxophone Quartet seit fünfzig Jahren. Und geht damit auch zurück zu den Ursprüngen dieses besonderen Instruments.

Raschèr Saxophone Quartet, Hae-Kyung Jung (Orgel). Werke von Bach, Borisova-Ollas, Pärt, Thompson, Sonntag, 27. Januar, Christuskirche Freiburg, 17 Uhr.