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22. November 2013

Schwindelerregende Höhen

Wie sich ein kleiner Kurort in der Sächsischen Schweiz anschickt, das große Bayreuth zu überholen.

  1. Auf Fels gebaut: Festung Königstein Foto: Schiedel/Matthias Creutziger

Kennen Sie Gohrisch? Nein!? Schade eigentlich. Immerhin ist es dort im südöstlichen Zipfel des Freistaates Sachsen "unerhört schön", wie Dmitri Schostakowitsch in einem Brief an seinen Freund Isaac Glikman schwärmte. Das gehöre sich übrigens auch so, schob er lakonisch hinterher: Die Gegend nenne sich schließlich Sächsische Schweiz.

Zweimal hielt sich der sowjetrussische Komponist in dem kleinen Kurort nahe der tschechischen Grenze auf. 1972, um sich von seinem zweiten Herzinfarkt zu erholen und 1960, als er die Filmmusik für den ostdeutsch-sowjetischen Propagandastreifen "5 Tage – 5 Nächte" schreiben sollte, der die Evakuierung der Dresdner Kunstschätze durch die Rote Armee nach Moskau im Jahr 1945 als Heldentat feierte. Doch den großen, unglücklichen Russen beschäftigten andere Dinge. Sein kurz zuvor unter erheblichem Druck gleichsam erzwungener Eintritt in die kommunistische Partei der Sowjetunion beispielsweise. Das Trauma der nicht nur seine künstlerische Existenz bedrohenden Maßregelungen durch Stalin und Konsorten in den 30er und späten 40er Jahren. Schostakowitsch verarbeitete sein Schicksal im 8. Streichquartett, einer Art Requiem für sich selbst, wie er es nannte. Er komponierte das fünfsätzige Werk in nur drei Tagen. Es sollte die einzige Komposition bleiben, die er außerhalb der Sowjetunion zu Papier brachte.

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Seit 2010 wird hieran alljährlich mit einem kleinen, aber feinen Musikfestival erinnert. Am letzten Septemberwochenende locken die "Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch" Schostakowitsch-Fans aus halb Europa in die sächsische Provinz. Ein Glücksfall für die Region, das hat mittlerweile auch die Tourismuswirtschaft erkannt. Mehrt sie doch den Ruf der Sächsischen Schweiz als Reise- und Urlaubsziel, in dem sich Naturerlebnis und Kunstgenuss auf geradezu kongeniale Weise miteinander kombinieren lassen.

Die stark zerklüftete Felsenlandschaft des Elbsandsteingebirges mit ihrer einzigartigen Formen- und Artenvielfalt ist das Markenzeichen der Sächsischen Schweiz. Die bizarr geformten Tafelberge auf der Hochebene rund um Gohrisch – wie Papststein oder Kleinhennersdorfer Stein – sollte sich kein Wanderer entgehen lassen. Ein paar Kilometer talabwärts liegt Bad Schandau, idealer Ausgangspunkt für Exkursionen in das Kerngebiet des Nationalparks Sächsische Schweiz. Der kleine Ort am Oberlauf der Elbe blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Schon im 19. Jahrhundert war er beliebte Zwischenstation der Reichen und Schönen auf ihrem Weg ins mondäne Karlsbad in Böhmen. Zu DDR-Zeiten ging es in dem nunmehr "Bad der Werktätigen" genannten Flecken eher beschaulich zu. Nach der Wende wurde kräftig in die touristische Infrastruktur investiert. Die Hochwasserkatastrophen der Jahre 2002, 2006 und 2013 brachten herbe Rückschläge. In den Häusern rund um den Marktplatz reichten die schmutzigen Fluten tagelang bis ins erste Obergeschoss.

In Mitleidenschaft gezogen wurde auch die Kirnitzschtalbahn. Ein liebenswertes Unikum: Die Überlandstraßenbahn verbindet seit 1898 Bad Schandau mit dem Lichtenhainer Wasserfall. Und bringt ganzjährig Touristen und Einheimische bequem in die Wandergebiete.

Eine beliebte Tour führt vom Wasserfall hinauf zum Kuhstall, einem Felsentor von beeindruckenden Ausmaßen. Im Dreißigjährigen Krieg haben sich dort die Menschen mit ihrem Vieh vor der im Elbtal marodierenden Soldateska in Sicherheit gebracht. Heute genießen die Besucher die atemberaubende Aussicht und überlegen, ob sie den schwindelerregenden Aufstieg über die höllisch schmale Himmelsleiter riskieren – oder doch lieber gleich den nicht minder steilen Hohlweg hinab Richtung Winterberge nehmen sollen.

Wir entscheiden uns für die weniger abenteuerliche Variante und befinden uns bald auf dem berühmten Malerweg. Vor allem Künstler der Romantik und des Biedermeiers wie Caspar David Friedrich oder Ludwig Richter suchten dort Naturerleben und Inspiration. Und schufen Landschaftsbilder, die vieltausendfach reproduziert manche Gute Stube zieren. Beim Herumkraxeln um die Felsenkathedralen des Kleinen und Großen Winterberges wird die romantische Faszination greifbar. Ein wohliges Gefühl, das beim Abstieg die Heilige Stiege hinunter jäh von einem bangen Grummeln in der Magengegend abgelöst wird.
Die stählerne Steiganlage überwindet 190 Höhenmeter. Für die 903 Stufen braucht es gutes Schuhwerk und ein Mindestmaß an Schwindelfreiheit. Mit schmerzenden Waden erreichen wir schließlich Schmilka, ein 130-Seelen-Dörfchen an der tschechischen Grenze, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint.

Ein absolutes Muss ist eine Fahrt mit einem der historischen Seitenraddampfer die Elbe hinab. Die größtenteils aus dem 19. Jahrhundert stammenden schnaubenden Wunderwerke mit ihrem blitzblank polierten technischen Innenleben sind alle prächtig in Schuss. Gemächlich ziehen zahllose Sehenswürdigkeiten vorüber: die Festung Königstein mit ihren gewaltigen, bis zu 42 Meter hohen Mauern. Lange Zeit diente die Wehranlage als sächsisches Staatsgefängnis. Der Alchimist und Porzellanentdecker Johann Friedrich Böttger, der Sozialdemokrat August Bebel, der Schriftsteller Frank Wedekind und Schostakowitschs Landsmann, der russische Anarchist Michail Alexandrowitsch Bakunin, schmachteten dort ihrer Freilassung entgegen. Bald folgt der Kurort Rathen, überragt von der weltbekannten Bastei, dem Postkartenmotiv der Sächsischen Schweiz schlechthin; die Kreisstadt Pirna mit ihrer historischen Altstadt; Schloss Pillnitz, das einst August der Starke seiner Lieblingsmätresse schenkte. Dann erreichen wir nach gut vier Stunden Fahrt die sächsische Landeshauptstadt Dresden.

Längst erstrahlt das im Krieg so schwer verwüstete Elbflorenz in neuem Glanz, lockt die bedeutende Kunst- und Kulturstadt von internationalem Rang hunderttausende Besucher an. Von den zahlreichen Museen sei nur die Gemäldegalerie Alte Meister im Semperbau des Zwingers genannt. Nicht nur wegen Rafaels Sixtinischer Madonna, dem sicherlich berühmtesten Exponat, sondern auch weil dort viele jener Kunstschätze bewundert werden können, deren "Rettung" Schostakowitsch einst mit seiner Filmmusik besingen sollte. Dieser Teil der "Beutekunst" wurde schon Ende der 50er Jahre dem damaligen sozialistischen Brudervolk zurückgegeben.

In Gohrisch herrscht derweil geschäftiges Treiben. Längst ist das große Sarasani-Zelt, in dem die Konzerte und Filmvorführungen stattfinden, aufgebaut, mischen sich Besuchergruppen in edlem Zwirn mit solchen, die im kunterbunten Outdoor-Look von ihren Wanderungen zurückkehren. Erstere werden von Einheimischen durchs Dorf geführt, hin zum ehemaligen Gästehaus des DDR-Staatsrates und jetzigem Parkhotel Albrechtshof, in dessen idyllischen Garten Schostakowitsch einst sein Streichquartett schrieb. Ralf Donath, der sympathische Wirt des Landgasthofs "Erholung" ist ganz in seinem Element. "Wir sind gerade dabei, Bayreuth zu überholen", postuliert er augenzwinkernd in schönster Ostzonen-Rhetorik.

Für das Festival haben er und seine Ehefrau Katrin die Speisekarte mit russischen Spezialitäten erweitert: Soljanka, Borschtsch und Blinis mit Lachs und Kaviar. Während der Festivaltage hat der Gasthof abends ein paar Stunden länger geöffnet. Viele Konzertbesucher nehmen das Angebot dankend an, diskutieren in zwangloser Runde über das Gehörte, schwärmen von den Darbietungen der großen Cellistin Natalja Gutman und prophezeien dem jungen Pianisten Igor Levit eine Weltkarriere. Bei Schwarzbier und einem Schoppen Sachsenwein werden neue Freundschaften geschlossen und man verspricht sich, im nächsten Jahr wiederzukommen.

Die Vorbereitungen für das Musikfestival haben längst begonnen. Auf rein ehrenamtlicher Basis, wohlgemerkt. "Über die hier gelebte bedingungslose Hingabe für seine Musik würde Schostakowitsch tiefe Freude empfinden" schreibt Die Welt .

Von Irina Antonowna, der Witwe des Komponisten, haben wir die Lieblingsspeise ihres 1975 verstorbenen Mannes erfahren: Pelmeni, russische Maultaschen gefüllt mit Frischkäse, Zwiebeln und gekochten Kartoffeln. Mal sehen, ob wir das Gericht 2014 auf der Speisekarte der Donaths finden werden.

Sächsische Schweiz

Anreise und vor Ort: Die Bahn hat das Elbsandsteingebirge als Fahrtziel im Programm, Ankunftsort ist Bad Schandau. Auch vor Ort ist kein Auto nötig, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln des Verkehrsverbunds Oberelbe gelangt man problemlos an alle Orte im Elbsandsteingebirge (http://www.vvo-online.de
Schostakowitsch-Tage:

http://www.schostakowitsch-tage.de

Karten: Touristinformation

Gohrisch, http://www.gohrisch.de/ tourismus/index.html

Internet: http://www.nationalpark-saechsische-schweiz.de

http://www.saechsische-dampfschifffahrt.de

http://www.festung-koenigstein.de

Allgemein: Tourismusverband

Sächsische Schweiz e.V., Bahnhofstr. 21, 01796 Pirna, Tel. 03501/470147,

http://www.saechsische-schweiz.de  

Autor: bz

Autor: Karlheinz Schiedel