Sie haben dasselbe Ziel vor Augen

Sarah Beha

Von Sarah Beha

Mi, 02. Mai 2018

Südwest

In der ausbildungsbegleitenden Hilfe werden Deutsche und Flüchtlinge im selben Kurs gefördert / Sehen sich die Teilnehmer in Lörrach als Konkurrenten? /.

Die graue Theorie verbirgt sich für Farid und Wilson hinter blauen, gelben und orangenen Textmarkern. Die beiden jungen Männer sitzen an einem Dienstagabend über bunt gefärbten Arbeitsblättern in den Räumen der Hilfe für Beruf und Leben (HBL) Lörrach. Draußen scheint die Sonne, drinnen redet ihr Nachhilfelehrer geduldig über die verschiedenen Wechselstromwiderstände. Die beiden Auszubildenden wollen in zwei Jahren an der Gewerbeschule ihren Abschluss als Elektrotechniker machen. Damit der sicher klappt, sind Farid und Wilson bei der HBL.

Die sogenannte ausbildungsbegleitende Hilfe, die sie hier bekommen, ist ein Angebot der Arbeitsagentur Lörrach. Wilson und Farid sind beide im selben Lehrjahr. In der Gewerbeschule sitzen sie nebeneinander, beide wollen nach dem Abschluss als Elektrotechniker arbeiten, beide haben so ihre Schwierigkeiten mit dem Lernstoff. Der große Unterschied: Farid ist aus Afghanistan und vor zwei Jahren nach Deutschland geflohen, Wilson ist in Deutschland geboren.

Noch ist die ausbildungsbegleitende Hilfe eine der wenigen Förderprogramme der Arbeitsagentur, in der Einheimische und Flüchtlinge aufeinandertreffen. Eva Faller erklärt: "Denn viele Flüchtlinge befinden sich bisher in einem Integrations- oder Sprachkurs." Danach könnten sie je nach Bedarf alle regulären Programme der Agentur nutzen. Eva Faller ist Teamleiterin des Kompetenzzentrums Asyl, in dem sich die Arbeitsagentur und das Jobcenter des Landkreises Lörrach gemeinsam um Geflüchtete kümmern. Aktuell werden dort mehr als 1200 erwerbsfähige Geflüchtete betreut. Ein Viertel besucht einen Integrationskurs, ein Viertel macht eine Ausbildung, arbeitet oder besucht eine Schule, zehn Prozent nehmen laut Faller an einem Förderkurs teil, der auf eine Lehre oder einen Job vorbereiten soll. Sieht Faller in den Flüchtlingen, die Arbeit suchen, eine Konkurrenz für deutsche Arbeitslose oder Auszubildende? "Allein wegen der Sprachbarriere ist es für die Flüchtlinge schwieriger, eine Arbeits- oder Ausbildungsstelle zu bekommen", sagt sie. Wenn es eine Konkurrenz gäbe, dann zwischen Geflüchteten und Gruppen, die schon länger in Deutschland lebten, die aber auch nicht gut Deutsch sprächen. Derzeit profitierten aber auch diese Menschen davon, dass der Arbeitsmarkt boome.

Auch bei Helferjobs seien viele Stellen unbesetzt. Auch deshalb sei es für die Berater nicht immer einfach, den Geflüchteten mit guter Bleibeperspektive klarzumachen, dass eine gute Sprachkenntnis und eine solide Ausbildung der Schlüssel zum beruflichen Erfolg in Deutschland sind. "Viele wollen lieber schnell Geld verdienen", berichtet Faller.

Farid gehört eigenen Worten nach nicht zu dieser Gruppe. Wenn er über seine Ambitionen redet, klingt das fast wie aus einer Broschüre der Arbeitsagentur: "Zuerst musste ich die Sprache lernen und jetzt mache ich eine Ausbildung, um später als Elektrotechniker zu arbeiten." Farid hat eine eigene Wohnung in der Nähe seiner Ausbildungsstelle gefunden, seine Freunde lernten Koch oder Kfz-Mechatroniker, sagt er, andere behelfen sich mit Minijobs und wollten nächstes Jahr eine Ausbildung machen.

Sein Schulfreund Wilson, der als deutscher Auszubildender ebenfalls ein Recht auf die Fördermaßnahme der HBL hat, sagt, es sei kein Problem, dass zu seinen Arbeitskollegen Flüchtlinge zählen. "Wir haben alle dasselbe Ziel und jeder tut das Beste, um es zu erreichen." Auch während des Schulunterrichts sehe er keinen Nachteil, im Gegenteil: "Manche Fragen des Lehrers verstehe ich ja selbst nicht." Da sei es für ihn und seine Mitschüler manchmal ganz gut, wenn der Lehrer wegen Farids Sprachschwierigkeiten Sätze verständlicher formuliere.

Die Badische Zeitung setzt die Serie in loser Folge fort. Alle Artikel finden Sie im unter:

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