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20. März 2017

Sinfonische Kreuzfahrt

Isabelle Faust, Pablo Heras-Casado und das FBO mit Mendelssohn im Freiburger Konzerthaus.

  1. Isabelle Faust Foto: Detlev Schneider

Und dabei hatte man geglaubt, dieses Werk so gut zu kennen: als Leuchtturm an strahlendem, romantischem Violinklang: ein "altes Schlachtross" der Literatur, wie Isaac Stern, selbst einer der ganz Großen des Saitenspiels, einmal scherzend Mendelssohns e-Moll-Violinkonzert bezeichnet hat. Nieder mit den Vorurteilen und Klischees an diesem Abend mit Isabelle Faust und dem Freiburger Barockorchester (FBO) im ausverkauften Konzerthaus: Das "Schlachtross" ist wieder ein junges Fohlen geworden, ein ungestümer Springinsfeld.

Und das vom ersten Ton an. Die in Berlin lebende Geigerin setzt sich mit ihrem Spiel einmal mehr konsequent von einem mit Vibrato gesättigten Klang ab, dosiert das In-künstliche-Schwingung-Versetzen extrem sparsam und verzichtet damit auch auf ein wesentliches Gestaltungsmittel. Das Ergebnis ist ein fast schon zierlich zu nennender Ton, der alle drei Sätze des durchkomponierten Werks durchzieht und der sich ganz ungeschützt allen intonatorischen Herausforderungen öffnet. Er ist delikat abgestimmt auf den Orchesterklang, den das FBO und sein Gastdirigent Pablo Heras-Casado in all ihren gemeinsamen Mendelssohn-Projekten pflegen: silbern bei den Streichern, transparent und überaus vielfältig bei den Bläsern. Da eröffnen sich immer wieder so noch nicht gehörte, lebendige Klangkonstellationen.

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Mit Blick auf die Tempi ist’s geradezu eine Höllenfahrt. Schon das Allegro molto appassionato ist von höchster Leidenschaftlichkeit durchdrungen; der Schlusssatz Allegro molto vivace wird zum allerverrücktesten Sommernachtsspuk, minimale rhythmische Verwerfungen inbegriffen. Aber das Ergebnis ist die Risiken der Interpretation allemal wert – unverbrauchter und jugendlicher hat man dieses Meisterwerk selten gehört. Und als wär sie eben warm gespielt, setzt Isabelle Faust mit einem fulminanten G-Dur-Tanz im Tripeltakt des französischen Barockkomponisten und -geigers Louis-Gabriel Guillemain (1705-1770) eins drauf: ein "Amusement pour le violon seul" – im Übrigen das einzige Vergnügen an diesem Abend, das nicht "Mendelssohn pur", so der Programmtitel beinhaltet.

Die Gegenüberstellung der Hebriden-Ouvertüre und "Reformations"-Sinfonie ist ebenfalls äußerst fruchtbar. Man merkt den Stücken die zeitliche Nähe an, so in der Durchführung des Kopfsatzes der d-Moll-Sinfonie, in der der junge Komponist auch die Reformationswehen wie in einem Naturgemälde mit Stürmen durchpeitscht. Ganz plastisch, lautmalerisch, dynamisch kontrastreich lassen Heras-Casado und die Musikerinnen und Musiker des auf frühromantische Größe herangewachsenen FBO diese in der Hebriden-Ouvertüre aufbrausen – als sinfonische Kreuzfahrt an Schottlands Westküste.

In der "Reformations"-Sinfonie erweitert die Hinzunahme von Kontrafagott und Serpent das Bassklangvolumen erheblich. Und auch mit Blick auf die Tempowahl gehen die Interpreten wieder extreme Wege: Das Allegro, das der Schlusschoral "Ein feste Burg" gebiert, ist von ausgelassener Begeisterung. Die nächste Mendelssohn-CD des FBO erwartet man jetzt schon mit Ungeduld. An die (brillante) aktuelle erinnern Heras-Casado und das FBO mit ihrer Zugabe: dem Con moto moderato aus der "Italienischen".

Autor: Alexander Dick