Tanz

Groß denken: Die School of Live and Dance im Freiburger Theater

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 09. Juli 2018 um 19:50 Uhr

Theater

Graham Smith bringt seine School of Live and Dance mit "Petruschka" und "Le sacre du printemps" ins Freiburger Theater – und erntet tobenden Beifall.

Igor Strawinsky. Immerhin. Und gleich zwei seiner großen Ballette an einem Abend: "Petruschka" und "Le sacre du printemps". Das ist groß gedacht. Noch größer wäre es mit Orchester gewesen. Aber wer soll das bezahlen? Sicher nicht die School of Live and Dance – kurz: SoLD –, die der Choreograph Graham Smith vor zehn Jahren gegründet hat: zuerst für Heranwachsende und junge Erwachsene zwischen 14 und 24; danach kamen Kinder (ab 7) und Ältere (ab 50) dazu. Diese großen Laiengruppen zu zwei der berühmtesten Tanzkompositionen der Musikgeschichte auf die Bühne des Großen Hauses im Theater Freiburg zu bringen: Das kündet vom Anspruch des SoLD-Leiters (und seiner Assistentin und Ehefrau Maria Pires), Kunst und kein sozialpädagogisches Bewegungsprojekt zu produzieren.

Die Bedingungen dafür sind nicht schlecht: Für Strawinskys von den SoLD-"Setzlingen" und "Sprossen" in Szene gesetzte "Petruschka" – ursprünglich eine Dreiecksgeschichte zwischen der Titelfigur, einer schönen, aber kaltherzigen Ballerina und einem Mohren – hat die Bühnen- und Kostümbildnerin Viva Schudt den Bühnenraum mit riesengroßen bunten Seidentüchern verhängt. Auch schuf sie eine Fülle von bezaubernden Kostümen aus jenem Jahrmarktsmilieu, in dem "Petruschka" – entstanden 1911 – angesiedelt ist: gestreifte Harlekine vor allem und wunderhübsche Ballerinen mit phantasievollem Kopfschmuck, dazu eine Gesellschaft von golden und schwarz kostümierten Gestalten, die womöglich die Welt der Erwachsenen vertreten. So genau lässt sich das nicht erkunden. Hauptsache Bewegung! Und daran mangelt es wahrlich nicht: Die Kinder – fast ausschließlich Mädchen – wirbeln über die Bühne, das sieht alles mehr spielerisch als gekonnt aus: Hier sind keine dressierten Ballettratten zugange, sondern junge Menschen mit Spaß am Tanzen: Und sie bekommen die Chance, diesen Spaß zu einer großartigen Musik auszuleben – und dieses Gefälle macht gerade den Reiz dieser Aufführung aus.

Ein anderes Kaliber wird im zweiten Teil des Abends aufgefahren. Man darf und muss hier zunächst die enorme logistische Leistung der Choreografie loben. So viele (nicht professionell geübte) Menschen simultan auf der Großen Bühne in eine geordnete Bewegung zu versetzen: Das ist schon sehr bemerkenswert. Im Gegensatz zur Buntheit von "Petruschka" herrscht bei "Le Sacre du Printemps" apokalyptische Düsternis vor. Das archaische heidnische Ritual, das Strawinskys bis heute unerhörte Komposition heraufbeschwört – die bei der Pariser Uraufführung im Mai 1913 einen der größte Skandale der Theatergeschichte provozierte – ist in eine dystopische Zukunft verlegt. Hier wird nicht der Fruchtbarkeit des Frühlings mit einem jungfräulichen Opfer gehuldigt. Hier fordern kollektive Ängste vor dem Untergang den Tribut Einzelner, um der drohenden Katastrophe vielleicht doch noch zu entgehen.

Das ist eine schlüssige Idee. Den Rest "erledigen" die peitschenden, insistierenden, wuchtigen Rhythmen des "Sacre", die die Kerntruppe von SoLD dazu nutzt, ihre zum Teil durchaus beachtlichen tänzerischen Fähigkeiten zu demonstrieren: Das Stürzen und Abrollen aus vollem Lauf (mit Knieschonern) ist tragendes Element von Smiths Choreographie. Und natürlich das Zusammenrotten des am Ende aus jungen und älteren Tänzern gemischten Kollektivs, das die – zunächst – vier Opfer lauernd umkreist, umzingelt und sie schließlich aus der grauen gesichtslosen Masse wie leuchtende Monstranzen emporhebt.

Sind sie Auserwählte oder Projektionsfiguren? Der Mechanismus ist derselbe – und das Ergebnis ist dasselbe. Einzelne büßen für die Ängste der Menge, die Elias Canetti in "Masse und Macht" eine Hetzmeute genannt hat. Ihre geballte anonyme Aggression entlädt sich gegen die Außenseiter, die sie selbst zu solchen gemacht haben. Am Ende schließt sich in der Bühnenrückwand eine Tür, nachdem die letzten des riesigen Ensembles hindurchgeschlüpft sind. Jetzt ist die Einsamkeit der letzten Ausgeschlossenen komplett und unverrückbar. Ein höchst beeindruckender Abend – nicht nur für die Angehörigen und Freunde der School of Live and Dance. Tobender Applaus.

Weitere Aufführungen: 16. Juli, 18 Uhr; 18. Juli, 19.30 Uhr; 22. Juli, 15 Uhr; Theater Freiburg, Großes Haus.