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28. Oktober 2014

So jung, so gut

BZ-SERIE "DER BADISCHE WEIN" (9): Anne-Christin Trautwein und Hannes Pix stehen für die junge Generation im Weinbau.

  1. Foto: Michael Wissing

  2. Anne-Christin Trautwein (links) und Hannes Pix geben Gas: Sie wollen Spitzenklasse im Glas und Spaß am Wein. Foto: Michael Wissing

  3. Foto: Michael Wissing

  4. Anne-Christin Trautwein (li.) und Hannes Pix geben Gas: Sie wollen Spitzenklasse im Glas und Spaß am Wein. Foto: Michael Wissing/PR

Wild? Das ist ein Etikett, das jungen Winzern gern angeklebt wird. Sie haben diesen Beruf gewählt, um etwas richtig Gutes daraus zu machen. Sie sind exzellent ausgebildet, haben sich in benachbarten Weinregionen oder in der Neuen Welt umgeschaut. Es sind Individualisten, die auf Spitzenqualität und Spaß am Wein setzen, die Tradition und Moderne verbinden. Sie schauen über den Fassrand, statt Neid und Gräben pflegen sie Netzwerke wie die "Generation Pinot", ein Zusammenschluss von Badens jungen WinzerInnen, mit politisch korrekten großem I. Aber wild? Statt auf krasse Brüche setzen sie sanft, aber dennoch beharrlich, auf behutsame Veränderungen. Zwei Begegnungen.

Manchmal muss man weggehen, um in der Heimat anzukommen. Anne-Christin Trautwein, 29, hat es getan. Als sie nach dem Abitur – zur Verblüffung der Eltern – eine klassische Lehre als Winzerin begann, kehrte sie Bahlingen, dem Kaiserstuhl und Baden den Rücken und lernte in Würzburg beim Weingut Juliusspital und beim Weingut Wittmann in Rheinhessen. Die nächsten Schritte schienen klar: Weinbau- und Önologie-Studium in Geisenheim. Doch dann kamen die Zweifel. Wollte sie dies wirklich? Oder machte sie es, weil es von ihr erwartet wurde? Nach einem Jahr Psychologiestudium stand für Anne-Christin Trautwein fest: "Ich gehe zurück in die Reben." Zurück nach Geisenheim, Studium der Reberziehung statt des menschlichen Verhaltens. Im Praxissemester arbeitete sie in Australien. Die Verantwortlichen bei Bethany Wines, einem der ältesten Weingüter im Barrosa-Valley, erkannten das Talent der jungen Frau vom Kaiserstuhl sofort. Nach einer Woche wurde sie auf die Kangaroo Island geschickt, eine Insel so groß wie Baden, bewohnt von 3000 Menschen und 80 000 Kängurus. In der Abgeschiedenheit war sie als "Winemaker" allein für neun Hektar Reben verantwortlich. So groß ist auch der elterliche Betrieb. Wenn Fragen auftauchten, konnte sie sich via Skype melden. "Das war wunderschön", schwärmt sie noch heute von der Arbeit im Weingut am Indischen Ozean. "Bei der vielen Sonne musste ich vor allem schauen, dass die Weine nicht zu kräftig werden."

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Das Gegenstück zu Down Under lernte die Weltenbummlerin ein halbes Jahr später in Burgund bei der biodynamisch arbeitenden Domaine Leflaive, einem der bekanntesten Weingüter des Burgund, und der nicht minder renommierten Domaine Meo-Camuzet kennen. Während in Australien der Wein von Jahrgang zu Jahrgang möglichst gleich schmecken soll, beschreiten die Winzer im Burgund einen anderen Weg. Den Weinen wird Zeit gelassen, er wird so akzeptiert, wie er ist. 2011, als das Studium beendet war, in Bahlingen das Herbsten anstand und Helfer gebraucht wurden, kehrte sie heim. "Auch, um mich selbst zu verwirklichen." Anne-Christin Trautwein weiß, was sie kann und will. Das zeigte sich schon, als sie als 17 Jahre alte Schülerin das Weingut während eines Urlaubes ihrer Eltern allein umtrieb.


Die Lust an der Tradition



Die Wurzeln des Weingutes Trautwein reichen bis ins Jahr 1649 zurück. Lastet solch’ eine Tradition nicht schwer auf ihren jungen Schultern? "Ich will ja nicht alles ändern", antwortet sie selbstbewusst. "Meine Eltern machen das schon sehr gut." Angesichts der Herausforderungen des Klimawandels und neuen Schädlingen wie der Asiatischen Kirschessigfliege ist sie froh, dass sie mit ihrem Vater einen überaus erfahrenen Biowinzer im Außenbetrieb an der Seite hat. "Es ist faszinierend, die Entwicklung der Weine zu beobachten, die bereits seit 30 Jahren auf biologisch und biodynamisch bewirtschafteten Böden wachsen." Viele Kunden schmeckten diese Qualität und empfänden den Wein auch als verträglicher.

Die Weine, für die sie seit 2013 als Kellermeisterin allein zuständig ist, beschreibt sie als cremig, schmelzig, harmonisch, mit raffiniert eingebundenen Holztönen. Sie sind eigenständig, heben sich von denen des Vaters ab. "Früher war mehr Holz", sagt sie. "Ein paar Ecken und Kanten sind aber geblieben." Die junge Frau stellte auf Spontanvergärung um, will seltener auf Reinzuchthefen zurückgreifen. Im Verkauf will sie den Export – Trautwein-Weine gibt es bereits in Japan und in Dänemark – ausbauen. Die Betriebsgröße soll aber überschaubar bleiben. "Ich mag die Vielfalt. Ich möchte auch weiter raus in die Reben, ich möchte in den Keller und ich möchte Kontakt zu den Kunden haben. Der Reiz ist, das Produkt von der Blüte im Weinberg bis zum Wein in der Flasche zu begleiten", sagt die zierliche Winzerin. Ach ja, der Betrieb sei auch frauenfreundlicher geworden. Wenn die Arbeit in Weinberg und Keller auch ein Knochenjob bleibt, jetzt kommt es weniger auf die körperliche Kraft an.

Ihr Lieblingswein? "Ein Chardonnay 2012 Edition RS vom Fohberg", vom dem es gerade mal 750 Flaschen gibt.


Sprung ins kalte Wasser



14 Kilometer weiter südlich, in Ihringen, brettert Hannes Pix mit dem Traktor in den Hof. Wenn der junge Winzer von Mulch, Insekten oder Fraßkonkurrenz erzählt, wird klar – dieses Wissen hat er mit der Muttermilch aufgesogen. Das Weingut wird von Beginn an nach organisch-biologischen Grundsätzen betrieben. Statt auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz zu setzen, wird die Fläche zwischen den Rebstöcken begrünt. Das lockt Tiere an, die den Schädlingsbefall der Trauben auf natürliche Weise eindämmen sollen. Soweit die Theorie. In der Praxis treibt Hannes Pix in den Tagen vor der Lese vor allem die Asiatische Kirschessigfliege um. Es muss gespritzt werden, der Demeter-Verband hat eine Ausnahmegenehmigung erteilt. "Das tut richtig weh!" 1984, in seinem Geburtsjahr, wurde das Weingut von Helga und Reinhold Pix gegründet. Reinhold Pix ist Diplom-Forstwirt und önologischer Autodidakt, Helga Pix stammt aus einem Weinbaubetrieb. 1986 wurde der erste Wein abgefüllt. Klar, an der Qualität musste noch gearbeitet werden.

Mit der Liebe zur Natur wuchs der Junior auf: In den Reben lernte er das Laufen, die Weinberge waren sein Abenteuerspielplatz. Wenn er Geld für eine Stereoanlage oder den Führerschein brauchte, packte er daheim mit an – Arbeit gab es immer, doch in den Rebberg gezwungen wurde keines der vier Kinder. Dass er nach dem Abitur und dem Zivildienst ("Vögel zählen an der Nordsee!") Weinbau in Geisenheim studierte, lag auf der Hand. "Biologie oder Chemie wären auch infrage gekommen", sagt er. Praktika im Weingut Salwey in Oberrotweil, bei Reinhold und Cornelia Schneider in Endingen und bei der Familie Wöhrle im Weingut Stadt Lahr bestätigten ihn auf seinem Weg.

Dann musste alles sehr schnell gehen. 2006 wurde Pix Senior für die Grünen in den Landtag gewählt, Sohn Hannes war mitten im Studium, die Hilfe des Juniors wurde aber auch im elterlichen Betrieb benötigt. "Die Woche über war ich Weinbau-Student in Geisenheim, am Wochenende arbeitete ich in Ihringen", schildert er das etwas andere Studentenleben. Im Jahr des deutschen Sommermärchens legte er seinen ersten Jahrgang auf. Und träumte von Praktika im Burgund. Doch aus einer Legislaturperiode wurden zwei – und der junge Diplomingenieur Weinbau & Önologie ist noch immer in Ihringen – als Betriebsleiter des elterlichen Weinguts.

Kamikaze-Winzer nennt Hannes Pix dann und wann seinen Vater, der einen Hang zum ambitionierten Weinbau mit Lust am Experimentellen hat. Kamikaze, das ist durchaus als Kompliment gemeint. "Er hat Mut, geht ein Risiko ein, will manchmal mit dem Kopf durch die Wand – und hat es immer richtig gemacht" – auch wenn das Ergebnis mit dem Hochschulwissen nicht immer zu erklären ist. Kamikaze, so heißt auch die 16,5-prozentige trockene Cabernet Carol Auslese, eine Hommage an den Senior.

Die Philosophie des Juniors? "Erstens: Im Weinberg wird der Wein gemacht! Mit modernen Mitteln schonend arbeiten und trotzdem die traditionellen Methoden nicht aus dem Auge verlieren. Zweitens: Wein muss Spaß machen!" Spaß bereiten ihm im Sommer frische, knackige Weißweine, die leicht am Gaumen kitzeln, und filigran-tänzelnde Rote. An kalten Tagen dürfen es auch rassige kräftige Weine aus dem Barrique sein, die Ecken und Kanten haben. Am liebsten alles trocken.

Die Traubenlese erfolgt komplett von Hand. "Wir bringen die Trauben in kleinen Champagnerboxen vom Weinberg ins Weingut", erzählt Pix. "Die Trauben werden als Ganzes schonend gepresst. Der blanke Traubenmost vergärt überwiegend mit den natürlichen Hefen der Trauben zu trockenen, fruchtbetonten Weinen." Schönungen – sie stabilisieren und klären den jungen Wein, in dem die feinen Schwebeteilchen gebunden und ausgefällt werden – seien bei solch einer schonenden Arbeitsweise nicht notwendig. "Weil wir weder Gelatine noch andere tierische Schönungsmittel im Keller verwenden, könnten wir den Wein auch als vegan verkaufen."

Bodenständig und verlässlich, offen für Neues und ein klein wenig verrückt, so beschreibt er sein Weingut. Ein wenig wachsen soll das sechs Hektar große Weingut (das ist gerade mal die Hälfte der durchschnittlichen Größe eines deutschen Weinguts) noch. Zehn Hektar, das wäre sein Traum – "um bequem davon leben zu können und Topweine zu machen".

Sein Lieblingswein? Ein grüner Silvaner Kabinett, ein Ihringer Kulturgut, der rar geworden ist. "Den trinkt mein Opa mit 93 noch jeden Tag." Ein bodenständiger, schöner und schlichter Wein, der sowohl Frische wie auch Schmelz zeigt, fachsimpelt er.

Übrigens: Mit Schnullern, die ins Weinfass getaucht werden, um dem Nachwuchs den vinologischen Werdegang schmackhaft zu machen, wuchsen weder Anne-Christin Trautwein noch Hannes Pix auf. Sie tranken ihren ersten Wein mit 15. Und er hat ihnen nicht einmal sonderlich geschmeckt.

Morgen lesen Sie: Akazie, verblühende Rosen oder Pferdeschweiß unter dem Sattel eines Reitpferdes – die Sprache der Sommeliers.

Alle Beiträge der Wein-Serie finden Sie unter      http://mehr.bz/badischerwein

Autor: Petra Kistler