"Snooker ist Krieg!"

Bastian Henning

Von Bastian Henning

Fr, 14. November 2008

Sonstige Sportarten

MENSCHEN UND SPORT: Der 19-jährige Offenburger Florian Werres spielt in der neuen Snooker-Saison in der Ersten Bundesliga.

SNOOKER. Es ist ein Kampf zwischen ungleichen Gegnern: BZ-Redakteur gegen Florian Werres, 19 Jahre, Profi-Nachwuchshoffnung beim Bundesligist SC 147 Karlsruhe. Der letzte Stoß des Amateurs hat die sonst eng beieinander liegenden roten Kugeln auseinandergetrieben. Taktischer Selbstmord. Jetzt sind alle Bälle leicht der Reihe nach anspielbar.

Florian Werres ist mit den Karlsruher Snooker-Profis gerade in die Erste Bundesliga aufgestiegen. Kein Problem für ihn.

Wieder versinkt eine Rote mit leisem Klicken in der Ecktasche. Wie durch Zauberhand geführt, bleibt der Spielball, die weiße Kugel, in optimaler Position für den nächsten Stoß liegen. "War das jetzt Absicht?", hört sich der Laie leicht perplex fragen. "Ganz so ideal war das nicht. Die Weiße kam nicht richtig aus der Bande raus. Aber so ist das nun mal auf diesen Tischen hier", antwortet Florian Werres. Zwei Snookertische, aufgebaut in einer Spielhölle im Offenburger Industriegebiet West sind die einzige Spielmöglichkeit der Stadt für Anhänger des Sports. "Da muss man in Kauf nehmen, dass die nicht ganz im Lot stehen, das Tuch unendlich viel Geschwindigkeit zieht und man etwas neben das Loch zielen muss, wenn man in die Mitteltasche potten will…" Das heißt übersetzt, dass die Tische nicht hochpräzise waagerecht stehen, der grüne Stoff, mit dem die Tische bezogen sind, schon etwas ausfranst sind und die Kugeln beim Einlochen über die Tischmitte leicht vom Kurs abweichen können. "Mal ganz abgesehen von den Randbedingungen", ergänzt Werres und verdreht die Augen: Irgendwo piept ein Spielautomat, die Eingangstür geht auf, graue Gestalten quetschen sich zwischen den im Foyer stehenden Snookertischen hindurch und ziehen eine Fahne beißenden Zigarettenrauchs hinter sich her.

Trotzdem kommt Florian Werres fast jeden Tag hierher. Ende Juli hat er sein Abitur gemacht. "Da hab’ ich ja jetzt Zeit fürs Training", sagt er, lacht und schiebt gleich hinterher: "Obwohl… In der Woche vor dem schriftlichen Abi-tur war ich auf einem Turnier in der Nähe von Bonn. Da ging das also auch." Muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Die Mitschüler sitzen daheim über den Büchern und plagen sich bis spät in die Nacht mit Formeln und Texten, während er bunte Kugeln auf grünen Tischen herumschießt. "Ja, in der Schule habe ich mich nie sonderlich angestrengt", gibt er zu. "Sport war mir nie nur ein Zeitvertreib. Sport nehme ich ernst." Elf Jahre lang hat er Fußball gespielt, gerne auch Basketball. Und dann, vor erst drei Jahren, war es soweit: Der gerade in der Schul-Oberstufe angekommene Werres sitzt abends vor dem Fernseher und schaltet durch die Kanäle. Plötzlich erstrahlt die Bildröhre in grellem Grün, hochkonzentrierte Männer in Seidenwesten jagen bunte Kugeln darüber und schießen sie in Löcher. "Da bin ich hängengeblieben", erzählt er heute. "Aber ich kannte die Regeln noch nicht. Und dann wird es schnell langweilig." Also habe er nachgelesen, worum es beim Snooker geht und wie das Spiel funktioniert – und war künftig in den Bann des aus England stammenden Gentlemensports geschlagen. "Snooker ist vielschichtig. Es braucht viel technisches Können und taktisches Verständnis, um es gut zu spielen." Und Billard? Viele Snookerprofis verdienen erst hier viel Geld. Werres schüttelt den Kopf: "Nein, das ist mir zu stupide und eintönig." Die Antwort kommt nicht einmal abgehoben rüber. Wer ihn spielen gesehen hat, glaubt es einfach. Aber bleibt bei dem vielen Training noch Zeit für Freunde oder gar eine Freundin? "Freunde fanden es höchstens noch interessant. Meine Freundinnen haben nie verstanden, dass man in diesen Sport viel Zeit investieren muss", berichtet er über vergangene Erfahrungen. "Und ernstgenommen haben sie Snooker auch nicht." Da seien dann meist Sätze gefallen wie "du mit deinen Kugelspielchen", oder "mach doch mal was Richtiges". Florian Werres ist sicher: "Wären Sie mal mitgekommen auf ein Turnier, dann hätten Sie gesehen: Snooker ist Krieg! Und während der Spiele geht es toternst zu." Das Spiel ging mit 82:15 übrigens knapp gegen den Amateur aus …

Gemeinsam mit Snooker-freunden gründet Florian Werres einen Snookerverein in Offenburg.

Im nächsten Jahr will man die neuen Räume beziehen und dann auf erstklassigen Tischen trainieren. Infos gibt es unter http://www.snooker-suechtig.de.tf