Suche nach der perfekten        Kontrolle

Uwe Schwerer

Von Uwe Schwerer

Fr, 15. April 2016

Sonstige Sportarten

MENSCHEN UND SPORT: Der Snookerspieler Peter Wagner hat im März den Hattrick bei                           d   der Landesmeisterschaft geschafft.

SNOOKER. Ein vollkommen hoffnungsloser Fall ist er wohl nicht. Der Grad der Gefährdung erscheint überschaubar. Das behauptet er zumindest selbst. "Es ist immer noch Teil meines Lebens, aber ich könnte auch ohne es leben. Immer Sommer spiele ich sehr wenig, dann arbeite ich viel", sagt Peter Wagner. Es geht um Sucht, genauer gesagt: Snookersucht. Überall prangt der Schriftzug "Snookersüchtig" im Vereinsheim der DJK Offenburg, auch auf der Internetseite der Abteilung, was natürlich augenzwinkernd gemeint ist. Wagner aber, das steht ganz ohne Ironie fest, ist ein herausragender Sportler in dieser Spielart.

Drei Mal war der 47-Jährige aus Ortenberg Deutsche Amateur-Snooker-Meister, vier Mal hat er in den 90er Jahren an der Amateur-Weltmeisterschaft teilgenommen. Sieben Mal war Landesmeister von Baden-Württemberg, in diesem Jahr, im März, hat er in Villingen-Schwenningen sogar den Hattrick geschafft. Jetzt sitzt er im Dachgeschoss des DJK-Vereinsheims am Offenburger Sägeteich, wo normalerweise die Snookersüchtigen auf den nächsten Schuss warten, und erzählt von seinem Lieblingssport.

Wagner hat auch mal von einer Profikarriere geträumt, doch es blieb beim Traum. "Anfang der 2000er Jahre habe ich es probiert. Ich habe praktisch alles gespielt, was zu spielen war, um die Punkte für die Profilizenz zu bekommen. Aber ich habe gemerkt, dass der Profistandard viel zu hoch ist für mich." Er sagt dies nüchtern, mit einem Achselzucken.

"Der Profistandard ist

viel zu hoch für mich."

Peter Wagner
Begonnen hatte für Wagner alles mit Billard in der Kneipe. Das war Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre. "Ich habe zwar mit Pool angefangen, aber meine Priorität liegt ganz klar im Snooker." Die Zuneigung begann mit einem Aufenthalt in Kanada im Jahr 1989. In Montreal lernte er jene Billardvariante kennen, die ihn bis heute fesselt. Warum Snooker und nicht Pool? "Die Tische sind größer, es gibt kleine, abgerundete Taschen. Man muss präziser arbeiten, das ist der besondere Reiz."

Als er nach Deutschland zurückkehrte, fing er an, als Einzelkämpfer auf Turniere zu gehen. Wann er seine drei DM-Titel holte, weiß er nicht mehr so ganz genau. "Ich glaube, in den Jahren 1992, 1994 und 19 96. Das ist zu lange her", sagt er lachend. "Die Medaillen habe ich daheim, dummerweise stehen die Jahreszahlen nicht drauf."

Zwei Jahre lang hat Wagner in der 1. Bundesliga für den SC 147 Karlsruhe gespielt, "bis vor sieben, acht Jahren", so erinnert er sich. Doch der Aufwand wurde zu groß: die Reisen nach Berlin, München und Hamburg, die Kilometer auf der Autobahn, das Übernachten im Hotel. "Irgendwann hat man nicht mehr den Elan." Mittlerweile bestreitet Wagner nur noch Einzelturniere. Auch die eigenen Snookerteams der DJK, die in Verbands- und Bezirksliga antreten, müssen auf sein Mitwirken verzichten. Warum? "Das wäre nicht interessant in sportlicher Hinsicht."

"Die Preisgelder sind

auch nicht gerade üppig."

Peter Wagner
Heute hat er einen Aktionsradius von Frankfurt bis zum Bodensee. "Wenn ich mal 200 Kilometer gefahren bin, reicht es mir eigentlich schon", sagt er. Wagner lässt es ruhiger angehen. "Man könnte jedes Wochenende spielen, aber die Preisgelder sind auch nicht gerade üppig."

Sein tägliches Brot verdient er als Bademeister im Freibad von Lahr-Reichenbach – ein Saisonjob. Was dazu führt, dass er Winter etwas mehr Zeit für andere Dinge hat. Dann engagiert er sich als Übungsleiter. Spielen in seinem Leben auch andere Sportarten eine Rolle? "Ich habe fast alles mal ausprobiert, was mit Bällen oder Schlägern zu tun hat, jetzt bin ich beim Golf gelandet." Auf einem Platz in Neumühl geht er seinem Hobby nach. Dabei gibt es direkt neben seinem idyllisch gelegenen Arbeitsplatz im Gereutertal den Golfclub Ortenau. Dort spiele er nicht, sagt er, das sei auch eine finanzielle Frage. "Andererseits, wenn ich zusammenrechne, was ich im Billard investiert habe …", schiebt er lächelnd nach.

Snooker hat gelegentlich Akzeptanzprobleme. Ist das noch Sport? "Natürlich", sagt Wagner. "Auch wenn es nicht nach Sport aussieht, weil man nicht schwitzt und sich nicht schmutzig macht. Bei einem Match von drei, vier Stunden spielt die physische Verfassung eine große Rolle."

Im Snooker gibt es tatsächlich das perfekte Spiel: die mathematische Höchstpunktzahl, die magischen 147 Punkte. "Ich habe das in einem regulären Spiel nie geschafft. Bei einem Übungsbild ist mir das schon mal gelungen", sagt Wagner. Es gehe um die perfekte Kontrolle der weißen Kugel. "Je weniger ich falsch mache, umso weniger muss ich improvisieren. Mindesten drei Züge plane ich voraus." Den Gegner in eine missliche Lage zu bringen, ist das Ziel. Wagner steht auf, schnappt sich das Queue. Es folgt eine Demonstration am Tisch, ein Prachtstück, neu bezogen. Wagner platziert die Kugel hinter einer anderen. Jetzt ist sie verdeckt, schwer spielbar, sie liegt im Snooker.

Mittlerweile ist der erste Spieler eingetroffen im Obergeschoss des DJK-Vereinsheims. Das Training beginnt. Wagner hält sich bereit, er weiß: Tipps vom Meister sind sehr gefragt.

Der 1. Ortenau Cup wird am Samstag und Sonntag (jeweils ab 10 Uhr) ausgetragen. Im Vereinsheim der DJK Offenburg ist die deutsche Snookerelite zu Gast. Mit dabei sind internationale Starter, unter anderem ein Flüchtling aus dem Irak, der bei der DJK spielt. Er ist mehrmaliger Meister seines Landes und zählt zum Favoritenkreis.

Alle Teile dieser Serie finden Sie unter http://mehr.bz/menschen