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05. Juni 2010 14:52 Uhr
Die Familienbande
Fifa-Boss Joseph Blatter hat die Fußball-Weltmeisterschaft nach Afrika gebracht. Wie der Schweizer zum einflussreichsten Sportfunktionär der Welt wurde, sagt viel über den Charakter und die Strukturen der Fifa aus. Ein Sittengemälde.
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Auch er wusste, worauf es ankommt in einer Familie: Mafia-Boss Don Vito Corleone in „Der Pate“ Foto: Verwendung nur in Deutschland, usage Germany only
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Jeder Sport hat seine eigene Sippe: Italiens Fußball-Nationalelf gewinnt im Jahr 2006 den Weltmeister-Titel und den begehrten Fifa-Cup. Foto: AFP
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Auf Augenhöhe mit den Herrschern der Welt: Joseph Blatter und Kanzlerin Angela Merkel Foto: ddp
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Nicht jeder scheint bei der FIFA den eigenen Slogan „For the Good of the Game“ zu beherzigen. Foto: AFP
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Alles schon geklärt? Darf Spanien den WM-Pokal 2010 hochhalten, damit Russland das Turnier 2018 ausrichten kann? Foto: dpa
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Zentrale der Macht: der Fifa-Sitz in Zürich Foto: Caro / Klemmer
Am Anfang stand ein Rausschmiss. Helmut Käser hatte von Zürich aus zwanzig Jahre als Generalsekretär die Geschäfte der Fédération Internationale de Football (Fifa) geleitet. Er war ein penibler Administrator, legte Wert auf die Einhaltung von Regeln, Statuten und Vertragsklauseln. Mit diesen altertümlichen Eigenheiten, zu denen eine fantasielose Buchführung gehörte, stand er jenem Männerbund im Wege, der damals, Ende der siebziger Jahre, uneingeschränkte Macht in der Fifa organisierte: Präsident João Havelange aus Brasilien, dessen Vermarktungspartner Horst Dassler, Boss des Sportartikelkonzerns Adidas, und Joseph Blatter, damals Technischer Direktor der Fifa – zeitweise mit Büro in Dasslers Firmenzentrale und Gehalt von Adidas.
Der umtriebige, polyglotte Blatter, aufgewachsen in Visp im Wallis, gewann schnell das Vertrauen des Fifa-Verwaltungschefs und bandelte mit dessen Tochter Barbara an. Käser behandelte Blatter wie einen Sohn. Er ahnte nichts von Blatters Doppelspiel an der Seite von Havelange und Dassler. Erst nach Jahren, ermattet vom Mobbing des Trio Infernale, notierte Käser in einem geheimen Dossier schockiert das Ziel des unwürdigen Ränkespiels: "Käser muss weg. Blatter muss her."
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Da war es bereits zu spät. Im Juni 1981 wurde Käser unter fadenscheinigen Vorwänden entlassen. Im Dezember wurde Blatter Fifa-Generalsekretär. Einige Zeit später heiratete der Verräter Blatter dann Barbara Käser. Der tief verbitterte Helmut Käser blieb nicht nur der Trauung, sondern Zeit seines Lebens dem ungeliebten Schwiegersohn fern.
Die Skrupellosigkeit, mit der sich Blatter die Stufen zur Macht hinaufgearbeitet hat und dabei sogar seinen Schwiegervater ausmanövrierte, korrespondiert kaum mit jenem Bild, das die Fifa-Propaganda vom Präsidenten zeichnet: Blatter hat die Fußball-Weltmeisterschaft nach Afrika gebracht. Blatter wird als Retter der Menschheit verkauft. Er spricht über Bildungs-, und Gesundheitsprogramme. Freiheit, Frieden, Fifa – das ist die Botschaft.
Joseph Blatter, 74, wähnt sich auf dem Gipfel der Macht und auf Augenhöhe mit den Mächtigen dieser Welt. Sitzt heute bei Barack Obama auf dem Sofa im Oval Office, wird morgen von Wladimir Putin empfangen und trifft sich übermorgen mit dem saudischen König. Im Dezember tagte er mit seinem Fifa-Exekutivkomitee auf der Gefängnisinsel Robben Island vor Kapstadt, wo Nelson Mandela siebzehn Jahre lang eingekerkert war, ließ hunderte Journalisten ankarren und vergoss planmäßig Tränen: "Das geht ans Herz", schluchzte er im Blitzlichtgewitter.
Auf die gern gestellte Frage nach einer eventuellen Mitgliedschaft der Fifa in den Vereinten Nationen, hat er einmal gesagt: "Umgekehrt! Im Ernst!" Die UNO müsste der Fifa beitreten, um zu gesunden. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Blatter glaubt an derartige Postulate. Die WM in Südafrika soll ihm den Traum vom Friedensnobelpreis erfüllen. Fifa-Lobbyisten werkeln daran und Blatter plaudert freimütig über "viele Initiativen", die an ihn herangetragen werden: "Wir unterstützen Dich für einen Nobelpreis!" Wenn es dazu käme, würde er nicht ablehnen: "Sicher nicht. Ich meine, das wäre ja wirklich etwas Unverständliches!"
Jeder Sport hat seine eigene Sippe, und alle zusammen bilden sie eine große Sippschaft. Kaum ein Sportfürst hat das je plastischer beschrieben als Joseph Blatter.
Im Fifa-Geschäftsbericht, den er noch als Generalsekretär im Juni 1998 in Paris jenem Fifa-Kongress vorlegte, der ihn kurz darauf zum Präsidenten wählte, hieß es: "Blut ist dicker als Wasser, sagt man, und meint damit, dass Familienbande so stark sind, dass sie jeder Zerreißprobe standhalten. Das trifft auch auf die Fußballfamilie zu."
Auf der ersten Fifa-Exekutivsitzung, die je in Afrika stattfand, wurde Blatter im April 1975 in Senegals Hauptstadt Dakar von Präsident Havelange vorgestellt – als derjenige, der aus dem Fußball einen wirklich globalen Sport machen sollte. Zunächst war Blatter Technischer Direktor, koordinierte die Entwicklungshilfeprogramme und führte Nachwuchs-Weltmeisterschaften ein. 1981 putschte er gegen Käser, wurde Generalsekretär, später CEO, dann hoch bezahlter Präsident mit einem Gehalt von einer Million Franken und Boni in unbekannter Höhe. Blatter hat in dieser Zeit viele Mitarbeiter geheuert und gefeuert, manche mehrfach. Der Kreis seiner Vertrauten in der Fifa-Administration blieb stets klein. Blatter ist zutiefst misstrauisch.
35 Jahre währt seine Ära nun. Seine wichtigsten Alliierten im Exekutivkomitee sind ebenfalls ewig dabei. Julio Grondona, Fifa-Vizepräsident, ist seit 1979 Chef des argentinischen Verbandes. Jack Warner aus Trinidad und Tobago sitzt seit knapp drei Jahrzehnten in der Fifa-Regierung. Sie gehören zum harten Kern des 24-köpfigen Fifa-Exekutivkomitees. Sie sind quasi auf Lebenszeit im Amt. Die Skandale und Korruptionsfälle, in denen sie verstrickt waren, füllen Bücher. Dennoch bleiben sie unantastbar. Weil sie selbst die Regeln festlegen, nach denen die Familie funktioniert.
"Wenn wir Probleme haben in der Familie, dann lösen wir die Probleme in der Familie und gehen nicht zu einer fremden Familie", pflegt Blatter zu sagen. "Alles, was im Fußball passiert, soll innerhalb der fußballerischen Gerichtsbarkeit oder Rechtssprechung gelöst und nicht vor ordentliche Gerichte gebracht werden. Das ist nicht mehr unsere Familie!" Klar, es gibt eine so genannte Ethikkommission.
Deren Chef, Lord Sebastian Coe, ließ sich allerdings vor einiger Zeit beurlauben, weil er als Organisator der Olympischen Sommerspiele 2012 in London sehr eingespannt ist. Ersatz-Ethiker wurde der ehemalige Schweizer Auswahlspieler Claudio Sulser.
Hat Triesman fabuliert und wollte mit der spannenden Geschichte nur seine Ex-Geliebte Melissa Jacobs beeindrucken, die das Gespräch heimlich aufzeichnete? Mag sein. Allerdings: Triesman ist kein Idiot. Er hat in verantwortlichen Positionen gedient, so war er Außenamts-Staatssekretär und als solcher in Verhandlungen mit Geiselnehmern im Iran involviert. Erzählt so ein Mann puren Unsinn?
Die britische Boulevardzeitung Mail on Sunday veröffentlichte den Audio-Mitschnitt. Triesman beschrieb diesen Deal: Russland zahlt für die Schiedsrichter-Bestechung bei der WM, damit Spanien Weltmeister wird. Spanien zieht später seine WM-Bewerbung zurück und stellt sicher, dass die Stimmen aus Spanien und Südamerika nach Russland gehen, wenn das Fifa-Exekutivkomitee im Dezember über die WM 2018 entscheidet.
Fakt ist: Russland gilt als Top-Favorit der WM-Bewerbung 2018. Dort werkeln Oligarchen und Politiker gemeinsam am Milliardenprojekt – unterstützt von Großkriminellen wie dem international mit Haftbefehl gesuchten Alimsan Tochtachunow, der einst die Eislauf-Entscheidungen bei den Olympischen Winterspielen 2002 manipuliert haben soll, und der sich in Moskau schon mit Blatter traf. Für alle notorischen Geschäftemacher im Fifa-Exekutivkomitee bietet Russland wunderbare Optionen.
Selbst die von Triesman erwähnte Beeinflussung der WM-Schiedsrichter 2010 scheint nicht aus der Luft gegriffen, wenngleich es für die These keine Beweise gibt. Allerdings sitzen in der von Spaniens Verbandschef Ángel María Villar Llona geleiteten Fifa-Schiedsrichterkommission einige Gestalten, die kaum für Seriosität bürgen: Zur Kommission gehört etwa der Pole Michal Listkiewicz, daheim als ehemaliger Verbandschef für Korruption, Schiedsrichterbestechung und etliche anderer Skandale mitverantwortlich. Blatter hat Listkiewicz stets gestützt – über ihn lernte er einst seine langjährige Geliebte Ilona Boguska kennen. Noch so eine Familienbande.
Vizechef der Schiedsrichterkommission ist Brasiliens Verbandpräsident Ricardo Teixeira, ehemals Schwiegersohn des Fifa-Ehrenpräsidenten Havelange. Auch Teixeira gehört zum Exekutivkomitee. Seine Vergehen sind Legende, allein die parlamentarischen Untersuchungsberichte über das Verschwinden Dutzender Millionen Dollar füllen tausend Seiten Akten. Obgleich Teixeiras Mitwirkung an dubiosen Finanztransaktionen bestens dokumentiert ist, wurde er von seinen Freunden in der Politik rausgepaukt, etwa von Brasiliens Staatspräsident Luiz Inácio Lula.
So läuft das fast immer, egal wo, egal welcher Fifa-Offizielle Probleme bekommt. Die Fußball-Bosse führen Politiker am Nasenring durch die Manege. Selten ließ sich das besser beobachten als beim historischen Wettstreit um die Fußball-WM 2018 und 2022, die im Dezember im Paket vergeben werden. Bewerber aus elf Nationen stehen Schlange: Russland, England, Spanien und Portugal, Belgien und die Niederlande, die USA, Katar, Australien, Japan und Südkorea. Alle tanzen den Fifa-Tango.
Was in der Affäre Triesman gern vergessen wird: 2007 hat schon einmal ein Funktionär aus dem Vereinigten Königreich Geschichten über Fifa-Korruption vorgebracht. Der Schotte John McBeth sollte damals jenen Platz als Fifa-Vizepräsident einnehmen, der traditionell den vier britischen Verbänden zusteht. McBeth aber gab in Interviews kund, was er von den künftigen Kollegen hielt: Blatter sei ein Trickser, ein windiger Zeitgenosse. Dem Fifa-Vizepräsidenten Warner, der einen Skandal nach dem anderen auslöst und alles mitnimmt, was sich mitnehmen lässt (Geld, Verträge, Fernsehrechte, Posten), wolle er nie wieder die Hand geben, erklärte McBeth. Er fürchte, Warner klaue ihm sonst die Finger.
In Zürich kam das nicht so gut an. McBeth wurde flink durch den Engländer Geoff Thompson ersetzt, der seither als einer von sechs Fifa-Vizepräsidenten amtiert. Drei Jahre später beerbte Thompson nun auch Lord Triesman als Chef der englischen WM-Bewerbung. Natürlich zählt Thompson zu den eifrigsten Parteigängern Blatters.
So ist das bei der Fußballfamilie. Selbst wenn gerichtsfest dokumentiert ist, dass Sportfunktionäre 138 Millionen Schweizer Franken Bestechungsgeld kassiert haben, wie 2008 im spektakulären Fall der Marketingagentur ISL/ISMM, finden sich Wege, auf die Gerichtsakten zu pfeifen. In dieser Spezialdemokratie ist fast jeder mit jedem verbandelt. "Das sind Bruderschaften", analysierte der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer: "Komplizierte Netzwerke bleiben über Jahrzehnte in der Hand von wenigen Leuten."
Wer die Parallelgesellschaft der Fifa verstehen will, sollte Mario Puzo lesen – oder wenigstens eine DVD einlegen. Im ersten Teil der Hollywood-Trilogie "Der Pate" erklärt Marlon Brando alias Don Vito Corleone einem Bittsteller, worauf es ankommt in der Familie: "Irgendwann, möglicherweise auch nie, werde ich dich bitten, mir eine Gefälligkeit zu erweisen."
Wenn die WM in Südafrika auch nur einigermaßen läuft, sichert Blatter damit seine Wiederwahl. Denn er will 2011 in Zürich noch einmal für vier Jahre verlängern. Wenn es gut läuft, wird niemand gegen ihn antreten. Dann wird er, wie 2007 an gleicher Stelle, vom Fifa-Kongress per Akklamation bestätigt.
Damals rief Blatter aus: "Wir müssen die Werte des Fußballs verteidigen gegen die Teufel, die es gibt! Wenn wir gegen die Dämonen kämpfen, müssen wir unsere eigenen Gesetze durchsetzen!"
Die Kollegen applaudierten stehend. Sie streiten zwar gern mal um die Macht, doch wenn es darauf ankommt, halten sie zusammen und schweigen. Es muss alles in der Familie bleiben.
Info
- Abkürzung für Fédération Internationale de Football Association – zu deutsch: Internationale Föderation des Verbandsfußballs.
- Gegründet wird die Fifa am 21. Mai 1904 in Paris.
- Home of Fifa, der neue Hauptsitz in Zürich-Hottingen mit 270 Büro-Arbeitsplätzen, wird 2007 bezogen. Der Luxus-Bau kostet 170 Millionen Euro.
- 208 Mitgliedsverbände hat die Fifa.
- Seit 1930 richtet sie WM-Turniere aus.
- Werbe- und TV-Verträge machen die Fifa reich. Allein 2006 gibt’s 214 Millionen Euro Gewinn – auch weil die Fifa wie ein Verein behandelt wird und 2006 nur 750.000 Euro Steuern zahlt.
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Autor: Jens Weinreich


